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Gesundheitskompetenz: Die Mehrheit kommt nicht mehr zurecht

Nur noch ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland kann sich gut über Gesundheit informieren. Das ist das Ergebnis einer Wiederholungsstudie zur Gesundheitskompetenz der Universität Bielefeld. Demnach sehen sich fast zwei Drittel (64,2 %) beim Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen vor große Schwierigkeiten gestellt. Die Ergebnisse des Health Literacy Survey Germany haben sich somit gegenüber 2014 verschlechtert. Die wichtigsten Ergebnisse.

So misst man Gesundheitskompetenz

Um die Gesundheitskompetenz einer Person zu bestimmen, wird geschaut, wie leicht oder schwer ihr diese vier Schritte der Beschaffung gesundheitsrelevanter Informationen fallen:  Informationen zu finden -  Informationen zu verstehen - Informationen zu beurteilen - Informationen anzuwenden.

Die Studie: Health Literacy Survey Germany

Das Interdisziplinäre Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK) an der Universität Bielefeld hatte die Probanden in der Studie gefragt, ob sie Informationen zum Thema Gesundheit im weitesten Sinne finden, verstehen, qualitativ beurteilen und auch anwenden können. Das ist wichtig,  denn wer gesundheitskompetent ist, tut sich leichter damit, gesund zu bleiben, Krankheiten vorzubeugen und sie zu bewältigen. Während bei der ersten Befragung 2014 mehr als die Hälfte der der Bevölkerung (54,3 %) eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz hatte, sind es jetzt fast zwei Drittel (64,2 %). Anders gesagt: Nur noch jeder Dritte hat das Gefühl, gut zurechtzukommen. Aber schon jeder Fünfte gibt an, Probleme zu haben – die Zahl hat sich gegenüber 2014 verdoppelt. Besonders schwer tun sich Menschen damit, Gesundheitsinformationen zu bewerten: für 41,8 % ist das der Fall. Die Teilnehmer der Wiederholungsstudie hatten exakt die gleiche Befragung ausgefüllt wie 2014.

Schwierigkeiten quer durch alle Altersklassen

Die Ergebnisse haben sich binnen sechs Jahren in allen Altersgruppen verschlechtert, allerdings fallen die 46- bis 64-Jährigen sowie die ab 65-Jährigen durch eine besonders niedrige Kompetenz auf. Den prozentual größten Rückgang gab es bei den bis 29-Jährigen: Statt 58,8 % haben jetzt nur noch 38,8 % eine gute Gesundheitskompetenz oder Health Literacy.

Gesundheitskompetenz ist statusabhängig …

Die meisten Menschen mit hoher Gesundheitskompetenz finden sich in der Oberschicht, es sind in beiden Befragungen, 2014 wie 2020, um die 62 %. Anders die Mittelschicht: Hier sank im Vergleichszeitraum der Wert von 45,5 % auf 32,0 %. In den ärmeren Bevölkerungsteilen weisen nur noch 16,9 % eine hohe Gesundheitskompetenz auf.

… und Gesundheitskompetenz wirkt sich direkt auf die Gesundheit aus.

Sogenannte Muster des Gesundheitsverhaltens hängen eng mit der Gesundheitskompetenz der Befragten zusammen: Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz bewegen sich weniger und ernähren sich ungesünder als Befragte mit einer hohen Gesundheitskompetenz. Zudem nutzen den Studienautoren zufolge Bevölkerungsgruppen mit einer geringen Gesundheitskompetenz das Gesundheitssystem überdurchschnittlich häufig.

Besonders betroffen: Menschen mit chronisch Krankheiten

Sowohl 2020 als auch 2014 zeigte sich in den Studien, dass vor allem chronisch Erkrankte große Schwierigkeiten damit haben, gesundheitsrelevante Informationen zu verarbeiten. Von ihnen verfügen laut aktuellen Survey nur jeder Vierte (24,9 %) über eine exzellente oder ausreichende Gesundheitskompetenz, während es bei den nicht chronisch Erkrankten fast jeder Zweite (45,5 %) ist. Das ist deshalb eine wichtige Erkenntnis, weil  Betroffene in besonderer Weise auf Orientierung im Gesundheitssystem angewiesen.

Besonders schwer: Infos zur Krankheitsbewältigung, Prävention und Gesundheitsförderung

Wenn es darum geht, sich über eine Erkrankung zu informieren, dann tun sich immer mehr Menschen schwer: Der Anteil der Befragten mit inadäquater Kompetenz hat sich von 10,1 % im Jahr 2014 auf 20,3 % im Jahr 2020 verdoppelt. Als ziemlich oder sehr schwierig bewerten die Befragten es zu beurteilen, ob Informationen über eine Krankheit in den Medien vertrauenswürdig sind (76 %, 2014: 49,3 %), die Vor- und Nachteile verschiedener Behandlungsmöglichkeiten zu beurteilen (69,0 %, 2014: 44,5 %) sowie zu beurteilen, wann sie eine Zweitmeinung einholen sollten (60,3 %, 2014: 42,4 %). Wenn es darum geht, die eigenen Gesundheit zu fördern, dann finden fast siebzig  Prozent der Menschen nicht die passenden Informationen. 

Verschlechterung der Ergebnisse – ein Corona-Effekt?

Die Befragung der Studienteilnehmer fiel mitten in die Corona-Pandemie. Eine Zeit, in der gesundheitliche Unwägbarkeiten greifbar waren wie nie und viele medizinische Fragen nicht geklärt. Kann die fast durchgängige Verschlechterung der Studienergebnisse damit zusammenhängen? Die Autoren lassen es offen: „Ob die zum Zeitpunkt der Wiederholungsbefragung mäßig stark ausgeprägte Corona-Pandemie Auswirkungen auf das Antwortverhalten hat, kann erst in einer Folgeuntersuchung geklärt werden.“ Was sie allerdings klar sagen, ist: Wie gut Informationen gefunden werden können hängt auch damit zusammen, wie gut sie angeboten werden. Eine mögliche Ursache für niedrige Gesundheitskompetenz ist eine Überfülle an schlecht strukturierten Informationen. Die Autoren schlagen unter anderem vor, Gesundheitsthemen in die Bildungs- und Lehrpläne von Kitas und Schulen aufzunehmen, Werbung mit Falschinformationen für ungesunde Lebensmittel zu verbieten und „interessenunabhängige Patienteninformationszentren“ einzurichten.

Foto: Shutterstock

Kommentare

  1. N. Lutz

    Das Thema Gesundheitskompetenz ist unheimlich wichtig und wird, so mein Eindruck, eher theoretisch diskutiert, als das die Allgemeinheit dies bewusst hätte. Erhöhte Gesundheitskompetenz würde das Gesundheitssystem auf seine ganz eigene Weise stärken: selbstbewusstere Patienten, frühere Diagnosen, bewusstere, persönlich motivierte Prävention bis hin zu weniger Kranken allgemein und vieles mehr. Gibt es schon Länder, wo dies deutlich besser läuft?

    vor 2 Monate
  2. Andrea

    Strategiepunkt Nr. 1: Einfache Sprache

    vor 2 Monate
  3. Hans Georg Trebbien

    Das Gesundheitsbedürfnis korreliert mit dem Sicherheitsbedürfnis, und beides wird immer größer. Die Kapazität des einzelnen wächst aber nicht mit. Die traditionellen Autoritäten für Gesundheit Arzt und Apotheker werden systematisch diskreditiert durch fachfremde Institutionen wie vor allem die Krankenkassen. So entsteht viel mehr der subjektive Eindruck nicht kompetent zu sein, als das wirklich der Fall ist.

    vor 1 Monat

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