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Prof. Dr. Andréa Belliger, Expertin für digitale Transformation, Luzern

Beteiligung

Digitalisierung: Der Patient wird vom Passagier zum Fahrer

Wenn heute von „ePatienten“ die Rede ist, dann denken viele vermutlich an Internetnutzer, die sich online über ihre Krankheit informieren. Doch ePatienten sind der Ausdruck eines viel größeren, grundlegenden Wandels. Sie zeigen die wachsende Teilhabe von Patienten im Medizingeschehen. Ob Gesundheit, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Politik, Recht oder Bildung – das Zusammenspiel von „Nutzern“ und „Anbietern“ funktioniert heute anders, als noch vor ein paar Jahren. Die Digitalisierung katapultiert uns in eine neue Welt des Mitmachens. Der Patient wird vom Passagier zum Fahrer.

Ob Kunde, Wissbegieriger oder Patient – wir finden heute im Internet nicht nur eine Fülle an Informationen. Wir können uns auch mit anderen austauschen und organisieren. Gestärkt durch das Internet, haben Kunden bisweilen mehr Ahnung von einem Produkt als der Verkäufer im Geschäft.

Ähnliches geschieht im Gesundheitswesen: Eine Mutter, die sich heute über die Hintergründe und Therapiemöglichkeiten für die seltene Erkrankung ihres Kindes informiert, weiß oft mehr oder anderes darüber als der behandelnde Hausarzt. Auch wenn dieser oder ein Facharzt jeden Tag einen wissenschaftlichen Aufsatz lesen würde – sie kämen mit der Wissensexplosion nicht mehr mit. Anders die „Online-Community“, die weltweit neueste wissenschaftliche Informationen, Forschungsberichte über Medikamente und Erfahrungsberichte von Betroffenen zusammenträgt. Für jede neue Einzelfrage lassen sich Kenntnisse vernetzen.

Open Notes, Blue button und Chief Listening Officer: Wer sich der Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht stellt, verliert Patienten

Patienten rücken also stärker auf Augenhöhe mit den medizinischen Profis. Sie möchten besser gehört und mit ihrer spezifischen Expertise „im Haben und Leben mit einer spezifischen Krankheit“ eingebunden werden. Wer sich diesem Wandel nicht stellt, wird Patienten verlieren. In Holland gibt es bereits ein Krankenhaus mit einem CLO, einem Chief Listening Officer, dessen Hauptaufgabe es ist, Patienten, ihren Angehörigen und Mitarbeitenden zuzuhören und das Gehörte in die Qualitätsprozesse der Organisation einzubringen. Die Open-Notes-Bewegung, bei der Patienten die Originalnotizen des Arztes oder der Pflegefachperson mitlesen (siehe Artikel hier), ist weltweit auf dem Vormarsch. Die Blue-button-Bewegung ermöglicht Patienten den Zugriff auf ihre medizinischen Daten und Unterlagen, also etwa Röntgenbilder oder Laborberichte: Ein blauer Download-Knopf auf der Website einer Klinik, eines Arztes oder einer Behörde zeigt dem Patienten oder Bürger an, dass er seine medizinischen Daten online anschauen, herunterladen und in andere Applikationen wieder importieren kann. Auch medizinische Forschung und Innovation wird künftig immer stärker partizipativ gestaltet werden, wie das etwa MedCrowdFund in Holland macht: Dort werden Patienten als Stakeholder in den ganzen Innovationsprozess medizinischer Entwicklungen mit eingebunden.

Prof. Dr. Andréa Belliger ist Prorektorin der PH Luzern, leitet das Institut für Kommunikation & Führung (IKF) in der Schweiz und dort die Weiterbildungsstudiengänge Digitale Transformation, eHealth, eLearning, Wissensmanagement, Social Media & Knowledge Management und eGovernment. Sie ist mit David J. Krieger Herausgeberin des Buches „Gesundheit 2.0. Das ePatienten-Handbuch.“

Kommentare

  1. Anonym

    Schonmal als Arzt in einer Sprechstunde mit einem im Internet gebildeten Patienten gewesen? Augenhöhe sieht anders aus. Eine Kommunikation rein um eine seltene Krankheit aufzubauen ist aus medizinischer Sicht leider häufig zu sehen aber für die Masse völlig unbrauchbar.

    vor 2 Monate
  2. Prof. Dr. Ulrich Otto, Careum Forschung

    Danke, Andrea Belliger, für das beherzte Plädoyer!
    Die Patientin wird zur Fahrerin - das ist doch ein spannendes Bild. Es lässt ganz viele Assoziationen aufkommen:
    Sie ist es eben noch lange nicht - es braucht ganz viel, bis sie es ist.
    Und wie meinen wir es im Gesundheitswesen eigentlich: soll sie denn wirklich die Fahrerin werden? Zumal im noch-nicht-durchdigitalisierten Gefährt, in dem die Fahrerin wirklich die Entscheidungen in der Hand hat - und nicht die Assistenzsystem und eingreifenden Algorithmen? Wer von den vielen, die mitmischen im Gesundheitswesen, will das wirklich?
    Die Sprechweise, die Begriffe verraten hier so viel Unentschiedenen, so viele Zwischentöne, so viel Relativierendes und vielleicht-schon-noch-zurückschreckendes.
    Andrea Belligers Blog auch: "stärker auf Augenhöhe mit den medizinischen Profis, (...) besser gehört und mit ihrer spezifischen Expertise „im Haben und Leben mit einer spezifischen Krankheit“ eingebunden werden."
    Natürlich hat sie recht, wenn sie mit dem "stärker", "besser" und "mit einbinden" ausdrückt, dass wir erst am Anfang des Weges sind, aber immerhin in der richtigen Richtung.
    Aber:
    Was und wie weitgehend meinen wir es denn nun?
    Mitbestimmung oder Selbstbestimmung?
    Shared decision making, aber wie genau?
    Wirklich entschiedenes Eintreten für gesundheitskompetente Menschen - und Profis und Organisationen, die dies systematisch empowern?
    Anspruchsvolle Koproduktion mit den Betroffenen mit wirklich bestmöglicher Augenhöhe?

    vor 2 Monate
  3. Anonym

    In der Schweiz sind die elektronischen Patientendossiers beschlossene Sache. EicentümerIn bleibt die PatientIn. Das heisst kranke Menschen müssen ihr Dossier selber Betreuen und Managen damit da keine falsche Daten drin stehen. Wer schwer krank ist hat aber oft gar nicvt die Kraft und die Nerven sich auch noch mit solchen elektronischen Geschichten herumzuschlagen. Da wird zu viel erwartet. Ist eine Fehlinformation im Dossier, die PatientIn korrigiert sie nicht, kann das auch Folgen für die Leistungsübernahme von Kosten durch die Krankenkasse oder die IV haben.

    vor 2 Monate
  4. Thomas Weber

    Da lebe ich in einem Paralleluniversum. Gottseidank. Meine Patienten vertrauen mir, weil sie bisher damit offenbar so gut gefahren sind, dass sie gar nicht selbst ans Steuer wollen. Sie kommen auch oft, weil sie mit Dr. Google & Co. schon krachend gegen eine Mauer gefahren sind. Die, die mir nicht vertrauen, suchen sich einen anderen Arzt ihres Vertrauens... und ich ermuntere sie stets dazu. Medizin ist mehr als angewandte Naturwissenschaft. Gute Medizin braucht Vertrauen und keine Algorithmen. Wie es Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin so schön auf den Punkt bringt: "Bislang haben nur wenige Projekte zur Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung dazu geführt, dass die Behandlung von bestimmten Patientengruppen einfacher oder besser geworden wäre. Ein auch nur theoretischer Nutzennachweis einer globalen Digitalisierung steht aus. Im Gegenteil: Im Zeitalter von „Big Data“ laufen wir Gefahr, Kausalität mit Korrelation zu verwechseln. Dies wäre ein digitaler Rückschritt ins Mittelalter."

    vor 2 Monate
  5. Anonym

    In einer digitalisierten Welt kann man sich nur noch auf einen verlassen:
    Wohlmeinende.
    Am.Ende der Digi stehen nämlich 1 und 0, Hop.oder Top.
    Daran wird auch jede Programmierung langfristig nichts ändern. Bis dahin werde ich nicht mehr da sein. Bis dahin werde ich ein wohlmeinender, menschlicher und deshalb auch fehlender Arzt bleiben.
    Ich werde Menschen trotz "bösen Keimen" anfassen und umarmen .
    Weiter zuhören, auch wenn es kaum "nutzt (schon gar nicht finanziell) und Mut zusprechen , wo kaum noch Hoffnung zu erwarten ist.
    Ich werde mich irrational und menschlich verhält, so lange ich noch darf.
    ....

    vor 1 Monat
  6. Anonym

    Vom Passagier zum Fahrer werden, klingt gut. Was aber mit denen, die weder das Fahrzeug haben, noch die Fähigkeiten, es zu beherrschen, oder den Mut, es beherrschen zu wollen??

    vor 2 Monate
  7. Anonym

    Die negativen Kommentare wirken auf mich überheblich. Ich kann sie nicht nachvollziehen, da sie bestenfalls für einen Teil der Patienten gelten.

    Ärzte erwarten bei bestimmten Medikamenten ein tägliches Blutdruckmessen. Die Werte soll man dann in ein Büchlein schreiben, das viel zu klein ist. Natürlich kann man die Werte auch in Excel erfassen. Am Ende druckt man den Quatsch aus und schleppt das Papier zum Arzt in die Sprechstunde, wo lustlos draufgeschaut wird, denn alle anderen Ergebnisse der Untersuchung kennt der Arzt ja schon und hat sich, sofern der Patient keine unerwarteten Beschwerden hat, bereits entschieden.

    Kommt man wegen akuter Beschwerden zum Arzt, hat man den aktuellen Ausdruck garantiert nicht am Mann. Eine Übernahme der Daten von einem mobilen Gerät oder von einem Medizinportal ist nicht möglich.

    Das Ganze hat auch etwas mit der Wertschätzung des Patienten bzw. der fehlenden Wertschätzung zu tun.

    vor 1 Monat

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