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Gesund alt werden – wie geht das?

Prof. Dr. Linda Partridge vom Kölner Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns.

Älter und älter werden – wollen viele Menschen. Und das möglichst ohne schwere und kleinere Erkrankungen. Wie man ein Jahrhundert lang möglichst gesund leben kann, das erforscht ein Team um Prof. Dr. Linda Partridge am Kölner Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns. Bei Tieren klappt das Anti-Aging bereits hervorragend. Der Sieg über den Tod freilich bleibt nach Ansicht von Frau Partridge eine Domäne der Bibel.

Frau Prof. Partridge, wie sehen Sie die Zukunft der Alternsmedizin?

Meine Vision der Alternsmedizin – und die vieler anderer Experten, die die Mechanismen von Alterungsprozessen erforschen – ist klar: Mit einer Art der präventiven Medizin wollen wir jene Erkrankungen verhindern, die durch diese Alterungsprozesse mit verursacht werden – von Arthrose über Sehschwäche bis hin zu Herz-Kreislauf-Leiden oder Krebs oder Alzheimer. Oder auch Gebrechlichkeit. Dinge, die die Lebensqualität der Leute sehr vermindern oder an denen sie frühzeitig sterben.

Überspitzt formuliert: 100 soll das neue 60 werden, gesundheitlich gesehen?

Ja, kann man so ausdrücken. Es wird immer klarer, dass Alterungsprozesse nicht zufällig ablaufen, sondern nach ganz bestimmten biologischen Mechanismen. Und wir verstehen immer besser, wie diese Mechanismen ablaufen. Da wird es in den kommenden Jahren weitere deutliche Fortschritte geben.

Werden die Menschen damit auch länger leben?

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass ein längeres Leben nicht unser primäres Ziel ist. Dass die Menschen immer älter werden, passiert sowieso. Gerade deshalb haben wir ja solche Probleme mit Erkrankungen, die auf Alterungsprozessen beruhen – weil eben seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Lebenserwartung kontinuierlich gestiegen ist. Und das bleibt höchstwahrscheinlich auch erst einmal so. Mit unserer Forschung wollen wir den Menschen am Ende ihres langen Lebens einfach mehr Gesundheit schenken, bevor sie sterben.

Aber wenn die Leute, sagen wir, mit 100, meinetwegen auch mit 80 oder 90, alle gesünder sein werden, leben sie dann nicht automatisch auch länger?

Das ist schwer zu sagen. Die meisten unserer Erkenntnisse über Alterungsprozesse stammen aus Studien mit Tieren. Diese Alterungsprozesse ähneln sich über die Tierarten hinweg bis hin zum Menschen. Und wenn wir zum Beispiel den Tieren das Futter verknappen – was sie in der letzten Phase ihres Lebens gesünder macht –, können wir oft nicht genau sagen, woran sie sterben. Manche erscheinen kerngesund, und am nächsten Tag sterben sie. Deshalb: Ja, es kann sein, dass wir auch länger leben werden. Vielleicht aber auch nicht.

Aber haben wir als Menschen eine maximal mögliche Lebensspanne?

Nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen gehe ich nicht davon aus, dass wir eines Tages unsterblich werden. Keiner wird es schaffen, den Tod zu besiegen. Es gibt Organismen wie der Süßwasserpolyp Hydra, die deutlich länger leben als wir. Das ist darin begründet, dass sie eine große Anzahl an Stammzellen besitzen, durch die sie sich immer wieder regenerieren und verjüngen können. Wir Menschen können das nur im begrenzten Rahmen.

Was nun sind realistische Ziele in den kommenden fünf Jahren, um Menschen im Alter gesünder zu machen?

Wenn ich ganz ehrlich bin: Zunächst einmal sollte es ein kurz- bis mittelfristiges Ziel sein, die sozioökonomischen Ungleichheiten zu beseitigen, die die Lebenserwartung von Menschen massiv beeinflussen. Das ist eine Aufgabe des öffentlichen Gesundheitswesens. Und da brauchen wir eine Veränderung des Lebensstils. Denn erst einmal müssen die Menschen wissen, was gesunde Lebensführung ist und wie man sie am besten erreichen kann. Das ist eine riesige Zukunftsaufgabe! Bewegung ist wichtig. Vor allem aber gut und vernünftig zu essen – und das ist auch eine Frage des Geldes.

Und wenn ich Sie als Forscherin frage, die biologische Alterungsprozesse beleuchtet?

Dann sage ich Ihnen, dass meine Forscherkolleginnen und -kollegen nach spezifischen Medikamenten suchen, die diese Alterungsprozesse positiv beeinflussen können. Wir haben da Wirkstoffe im Blick, wie beispielsweise einen, der seit Jahrzehnten eingesetzt wird, um die Abstoßung transplantierter Organe zu verhindern. In allen Labortieren, die wir darauf untersucht haben, verlängerte seine Gabe das Leben und führt zu einem gesünderen Dasein im Alter. Es gibt auch erste Hinweise darauf, dass alte Menschen, die eine sehr geringe Dosis des Medikaments bekommen, im Winter besser gegen Infektionserkrankungen gewappnet sind. Bei solch geringen Dosen wurden auch keine Nebenwirkungen beobachtet. Nicht nur deshalb sehe ich für das Medikament eine realistische Zukunft auch als Medikament gegen Alterungsprozesse, vielleicht schon in diesem Jahrzehnt.

Ist es eine Strategie, bereits vorhandene, sogar zugelassene Wirkstoffe zu prüfen, ob sie auch gegen Alterungsprozesse wirken?

Ja, weil es die Suche nach solchen Medikamenten und vor allem ihre langfristige klinische Erprobung wesentlich günstiger macht. Denn die Sicherheitsprofile dieser Wirkstoffe sind bereits bekannt. In den USA wird zum Beispiel gerade klinisch untersucht, ob der Wirkstoff Metformin Alterungsprozesse positiv beeinflusst. Metformin wird seit vielen Jahren zur Therapie des Typ-2-Diabetes eingesetzt. Da passiert also einiges. Ein Medikament nur gegen Alterungsprozesse völlig neu zu entwickeln, wäre logistisch, zeitlich und finanziell eine zu große Herausforderung.

Das alles setzt ja voraus, dass die Wissenschaft schon wirklich weiß, wie die Mechanismen der Alterung in unseren Zellen funktioniert, oder?

Ja, auf alle Fälle. Wir haben dabei zum Beispiel einen ganz bestimmten Typ von Zellen gefunden, die seneszenten Zellen. Im Alter machen sie sich im Körper in Massen breit und schütten Stoffe aus, die eine chronische Entzündung fördern, die wiederum altersbedingte Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Krebs befeuert. In jüngeren Jahren werden diese Zellen noch rasch vom Immunsystem entfernt. Im Alter hingegen werden sie vor der Zerstörung geschützt, und zwar von dem sogenannten Hitzeschockprotein HSP-90. Wir haben bei Recherchen in Datenbanken vorhandener Wirkstoffe einen Stoff namens Tanespimycin gefunden, der das HSP-90 blockiert. In ersten Studien mit Tieren reduziert er die Zahl der seneszenten Zellen mit ganz dramatischen positiven Effekten.

Was verhindert dann die rasche Erprobung im Menschen?

Dieses Medikament hat einige schwere Nebenwirkungen. Wir können es also nicht im ganzen Körper verabreichen. Die Strategie für die kommenden Jahre ist jetzt, den Wirkstoff lokal in bestimmten Geweben zu geben, in denen altersbedingte Erkrankungen auftreten. Zum Beispiel bei der Makula-Degeneration, die häufigste Ursache von Erblindung im Alter. Oder bei der Knochenarthritis des Knies, an deren Entstehung seneszente Zellen erheblich beteiligt sind. Bei diesen lokalen Verabreichungen sind keine problematischen Nebenwirkungen zu erwarten. Das wird interessant.

Wie die Ernährung das Altern beeinflusst

Sie haben schon erwähnt, dass Alterungsprozesse viel mit dem Essverhalten zu tun haben. Was ist da bekannt?

Ja, das ist hochinteressant, wie weniger Essen bei Mäusen und auch in Rhesusaffen zu einem längeren und gesünderen Leben führt. Es gibt nur das Problem, dass sich in entsprechenden Studien mit Menschen die meisten Probanden nicht an die Vorgaben halten können. Sie schaffen den Verzicht nicht. Als probates Mittel für ein längeres Leben scheidet es deshalb aus meiner Sicht aus. Deshalb forschen wir weiter. Und es stellt sich heraus, dass es nicht nur weniger Kalorien sind, die die Alterungsprozesse verlangsamen. Zum Beispiel scheint dafür eine optimale Zufuhr von Proteinen entscheidend zu sein. Zu wenig Protein in der Nahrung – und die Leute werden mehr essen, um sich die nötigen Proteine zu holen. Zuviel Protein ist andererseits aber auch nicht gut, weil das höchstwahrscheinlich das Krebsrisiko erhöht. In unserem Labor jedenfalls läuft die Lebensuhr schneller ab, wenn man die Fliegen auf eine Diät mit hohem Proteingehalt setzt.

Aber ist die optimale Proteinzufuhr nicht individuell verschieden?

Ja, dafür gibt es Hinweise. Wir haben zum Beispiel das Genom der Fliegen analysiert, um herauszufinden, welche Proteine sie in welcher Menge selbst herstellen um daraus abzuleiten welche Aminosäuren sie in welcher Menge benötigen. Darauf basierend wurde im Labor eine optimierte Diät mit definiertem Aminosäuregehalt zusammengemixt. Damit gefütterte Fliegen entwickelten sich schneller, wurden größer und legten mehr Eier als Fliegen, die eine Standard-Ernährung erhielten. Erstaunlicherweise lebten sie genau so lang wie ihre Artgenossen aus der Kontrollgruppe. Sie aßen auch weniger, weil sie schneller satt wurden. Individuell abgestimmte Proteinzufuhr könnte ein Weg für die Zukunft sein, um die Alterung zu verlangsamen.

Kommt es auch darauf an, wann man isst? Stichwort: Intervallfasten!

Es ist noch nicht ganz geklärt, ob sich damit gesünder älter werden lässt. Was aber klar ist: Nur in einer gewissen Zeitspanne über den Tag zu essen, hilft auf jeden Fall. Und besonders hilfreich ist es, nicht in der Nacht zu essen! Das ist grundfalsch. Und was wir auch noch herausgefunden haben, ich möchte fast sagen leider: Um gesünder älter zu werden, braucht es eine lebenslange gesunde Ernährung. Es ist zwar nie zu spät, damit zu beginnen. Aber ob es dann noch die Alterungsprozesse bremst, ist sehr fraglich.

Was uns gesund altern lässt:

Die Stellschrauben des „unglaublich komplexen Prozesses der Alterung“, wie Linda Partridge es ausdrückt, sind jetzt bekannt. Unsere Gene scheinen dabei nur eine Nebenrolle zu spielen. „Der Anteil der Gene ist in keiner Studie über 20 Prozent hinausgekommen“, erklärt die Biologin, „wahrscheinlich liegt er sogar unter zehn Prozent.“ Im Umkehrschluss bedeutet das: Unser individuelles Verhalten – und nicht zu vergessen: der sozioökonomische Status – diktieren zu 80 bis 90 Prozent, wie hart und schnell uns die sogenannten Alterserkrankungen ereilen – und auch, wie alt wir letztlich werden. Kranke 70. Oder einigermaßen gesunde 85. Die Spannbreite ist erstaunlich. Abgesehen von nachteiligen Gewohnheiten wie Rauchen oder übermäßigem Alkoholkonsum, beeinflussen vor allem zwei Verhaltensparameter das Tempo des Alterns: Bewegung und Ernährung. Zellulär und molekular wirken Lebensstil und Gene auf folgende Faktoren: Veränderungen am Erbgut. Veränderte Signalwege im Stoffwechsel. Veränderungen in den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zelle. Die seneszenten Zellen. Eine nachlassende Autophagie, also jener Prozess, mit dem Zellen Abfall recyclen. Und noch einige andere. All diese Dinge lösen die großen Volkskrankheiten wie Herz- und Kreislaufleiden, Krebs oder Alzheimer mit aus.

 

 

Artkelfoto: yemaija/photocase

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