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Pandemic Preparedness: 8 Schritte, um besser auf die nächste Pandemie(welle) vorbereitet zu sein

Pandemic Preparedness: 8 Schritte, um besser auf die nächste Pandemie(welle) vorbereitet zu sein

Pandemic Preparedness, frei übersetzt „die Vorbereitung auf mögliche weitere Pandemien“, beschäftigt Gesundheitssysteme weltweit, denn weitere Pandemien und Gesundheitskrisen sind absehbar. Die Corona-Pandemie hat viele Schwächen offenbart und Veränderungspotenzial aufgezeigt. Eine Auswahl an  Veränderungen, die von vielen Seiten gefordert werden.

Was bedeutet Pandemic Prepardness? Das Wichtigste in Kürze

  • Pandemic Preparedness beschreibt, wie gut ein Land darauf vorbereitet ist, eine Pandemie zu verhindern, zu erkennen, zu monitoren oder darauf zu reagieren.
  • Dafür müssen die Akteure über genügend Ressourcen verfügen, um sich auf neue Pandemien vorzubereiten oder auf sie zu reagieren
  • Pandemic Preparedness muss ganzheitlich angegangen und Bereiche wie Digitalisierung, Gesundheitskommunikation, medizinisches Personal oder auch Bildung umfassen.

In diesem Beitrag: 8 Schritte zu mehr Pandemic Preparedness

Warum wird Pandemic Preparedness in Zukunft wichtig(er)?

„SARS-CoV-2 war vielleicht noch nicht der härteste Test, wie gut wir auf Pandemien vorbereitet sind“, schreibt das renommierte Magazin Science im März 2022. Die Covid-19-Pandemie war die dritte pandemische Coronavirus-Neubildung dieses Jahrhunderts – nach SARS 1 (2003) und MERS (seit 2012). Alle gehen auf Wildtiere zurück, sind also so genannte Zoonosen. Man schätzt, dass inzwischen bis zu 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten Zoonosen sind, jüngstes Beispiel sind die Affenpocken.

Gleichzeitig warnt die WHO schon lange vor einer globalen Gefahr durch antimikrobielle Resistenzen (AMR). In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 2000 Menschen, weil Antibiotika nicht mehr wirken. In manchen EU-Ländern zeigen sich inzwischen sogar wachsende Resistenzen gegen Reserve-Antibiotika, die zum Einsatz kommen, wenn andere nicht mehr wirken. Man spricht hier auch von einer „stillen Pandemie“.

Was also tun mit Blick auf potenzielle weitere globale Gesundheitsrisiken? Wie gut ist das deutsche Gesundheitssystem darauf vorbereitet? 

1. Pandemieplan und Krisenmanagement – zusätzliche Ressourcen für den öffentlichen Gesundheitsdienst

Ein übergreifender Pandemieplan ist das Kernstück von Pandemic Preparedness. Er ermöglicht die Organisation aller wichtigen Prozesse im Pandemiefall.

Die Corona-Pandemie hat gezeigt: Wir brauchen ein institutionalisiertes Krisenmanagement, definierte Krisenstäbe und Pandemiepläne. In Berlin hat die WHO einen „Global Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence“ eröffnet, der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung erarbeiten soll. Die EU möchte mit einer neuen Behörde Health Emergency Preparedness and Response Authority (HERA) Gesundheitskrisen verhindern, erkennen und im Krisenfall agieren.

Und Deutschland stärkt seinen Öffentlichen Gesundheitsdienst mit vier Milliarden Euro: Im Rahmen des „Pakts für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD)“ sollen die Gesundheitsämter aufgestockt, modernisiert und digital vernetzt werden. Ein neues „Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit“ soll außerdem für „Aktivitäten im Public-Health-Bereich, die Vernetzung des ÖGD und die Gesundheitskommunikation des Bundes“ sorgen, so der Koalitionsvertrag. Was das im Einzelnen heißt, muss noch definiert werden.

2. Forschung und Institutionen vernetzen

Auf Pandemien vorbereitet zu sein bedeutet unter anderem, dass Forschung und andere Akteure schnell und vernetzt an neuen Erregern forschen können.

Vielleicht noch wichtiger als die Schaffung neuer Behörden ist die Vernetzung bestehender Akteure. Die rasche Entwicklung der Corona-Impfstoffe fußte einerseits auf bereits bestehender Forschung und etablierten Partnerschaften, aber auch einer neuen kooperativen Arbeitsweise zwischen Politik, Unternehmen, Wissenschaft und Startups. Solche Vernetzungen gehen bislang vor allem auf Einzelinitiativen zurück.

3. Gesundheitsdaten nutzen

Sinnvoll erhobene Gesundheitsdaten können Aufschluss über Infektionsmuster und die Auslastung des Gesundheitssystems geben. So lassen sich zielsicher Maßnahmen gegen Pandemien ergreifen.

Wo genau stecken sich die Menschen an? Welche Schutzmaßnahmen bringt wie viel? Und wie viele Menschen genau sind geimpft? Das alles wissen wir in Deutschland nicht, mangels Daten – die Corona-Krise wurde und wird daher auch als „Missing Data-Krise“ bezeichnet. Der Verzicht auf Datenerfassung, das Nicht-Weiterleiten von Daten und fehlende Datenauswertung führten zu vermeidbaren Infektionen und Todesfällen.

Arbeit mit Daten könnte das Krisenmanagement deutlich verbessern und Menschen schützen. So könnten Kliniken beispielsweise tagesaktuell erheben, wie viele (Vollzeit-)Pflegende auf wie viele besetzte oder freie Betten kommen (abzüglich der erkrankten Pflegenden). Gesundheitsämter könnten mit Algorithmen schon prospektiv erkennen, wo sich Hotspots bilden. Das sind nur zwei Beispiele für Datennutzen.

 

4. Pandemic Preparedness durch schnell verfügbare Medikamente, Antibiotika und Impfstoffe

Medikamente und Impfstoffe entschärfen Pandemien. Je schneller sie entwickelt und produziert werden können, desto besser können Pandemien bekämpft werden.

Die rasch entwickelten Impfstoffe wurde zum Gamechanger im Pandemiegeschehen. Nicht weniger schnell wurden die ersten Corona-Medikamente entwickelt und auf den Markt gebracht. Alle drei derzeit verfügbaren Medikamente gingen auf frühere Entwicklungsprogramme gegen andere RNA-Viren zurück.

Die Autoren des zitierten „Science“-Artikels (s. Quellen) empfehlen, schon jetzt systematisch bestehende Entwicklungsprogramme gegen RNA-Viren gegen verschiedene Prototypen von Viren zu testen. Im besten Fall könne die Forschung schon soweit vorangetrieben werden, dass man im Fall einer neuen Pandemie die Wirkstoffe sofort für den Studieneinsatz an an erkrankten Patient:innen zum Einsatz bringen kann.

Mit Blick auf die schwelende „stille Pandemie“ von antimikrobiellen Resistenzen (Antibiotikaresistenzen) – allein 2019 starben weltweit 1,3 Millionen Menschen durch antibiotikaresistente Bakterien – wird allgemein gefordert, dass  rasch gehandelt werden muss. Um multiresistente Problemkeime noch effektiv behandeln zu können, ist die kontinuierliche Entwicklung neuer Therapieoptionen und Wirkstoffklassen essenziell.

Bakterien entwickeln sich ständig weiter, auch gegen die Antibiotika, die sie bekämpfen sollen. Deshalb braucht es immer wieder neue Antibiotika, die die Erreger noch nicht „kennen“. In den vergangenen Jahren haben sich bereits verschiedene Kooperationen gebildet, um die Forschung an neuen Antibiotika voranzutreiben. Allerdings bleibt eine zentrale Herausforderung von Preis und Erstattung bei Antibiotika bestehen: Die Entwicklung eines Präparats, das dann möglichst wenig eingesetzt werden sollte, kann also nicht über das Verkaufsvolumen refinanziert werden. Hier sind neue Wege und Kooperationen gefragt.

5. Pandemic Preparedness und Pflegenotstand gleichzeitig angehen

Damit das medizinische Personal auf die Herausforderungen einer Pandemie vorbereitet ist, sind dort genügend Ressourcen und die richtigen Arbeitsbedingungen nötig.

Viele Klinikbeschäftigte gingen in der Pandemie über ihre persönlichen Grenzen. Insbesondere in der Pflege ist von einer moralischen Krise die Rede, wodurch einige auch ihren Beruf verließen. Bis zu 20 Prozent der Intensivbetten in deutschen Krankenhäusern konnten nicht genutzt werden, da es an Personal für diese High-Tech-Betten fehlte. Dieser Pflegenotstand bestand allerdings schon vor der Krise und wird sich weiter verschärfen.

Laut Deutschem Berufsverband für Pflegeberufe denken mehr als 30 Prozent in der Krankenpflege regelmäßig darüber nach, ihre Arbeit aufzugeben. Das ist für Deutschland als alternde Gesellschaft mit einer hohen Zahl betagter mehrfacherkrankter Patienten heikel. Kritisch wird es mit Blick auf mögliche weitere Gesundheitskrisen.

6. Mit besserer Kommunikation die Gesundheitskompetenz und das Vertrauen stärken

Damit Menschen Informationen erhalten, auf die sich Menschen verlassen und sich danach richten können, müssen Erkenntnisse und Maßnahmen sinnvoll kommuniziert werden.

Die öffentliche Kommunikation in der Corona-Pandemie wurde oftmals als widersprüchlich erlebt. Und sie traf auf eine Bevölkerung, deren Gesundheitskompetenz nachweislich mit Ges  Ob Masken, Ausgehverbot oder Impfabstände – wechselnde Positionen verunsicherten die Menschen  - ein idealer Nährboden für Fake News.

Zum Teil kamen solche Positionswechsel freilich durch eine sich ändernde Fakten- und Wissenslage– ein Umstand, der nicht leicht zu vermitteln ist. Vielstimmigkeit rührte allerdings auch daher, dass hinter Aussagen unterschiedliche Motive standen – sei es das wissenschaftlich Gebotene oder die so genannte „Realpolitik“. Krisen- und Aufklärungskommunikation muss künftig stärker ihre Adressaten und somit Zielgruppen berücksichtigen: „Kampftypen“ brauchen andere Worte als „Fluchttypen“. Außerdem sollte neben der offenen Mitteilung eines Inhalts auch der Gewissheitsgrad einer Aussage mitgeteilt werden. Multiplikatoren wie Medienvertreter:innen brauchen mehr Science-Literacy, um Aussagen einordnen zu können und keine Ängste zu schüren.

Psychische Gesundheit in Pandemiezeiten stärken

Eine Pandemie ist eine große psychische Herausforderung. Betroffene dürfen damit nicht alleingelassen werden.

Einsamkeit und Existenzangst, Angst vor Ansteckung, Überlastung durch Homeoffice und Homeschooling – dazu immer wieder neue Erkenntnisse und Verhaltensregeln: Die psychische Belastung in einer Pandemie ist groß. In der schon länger laufenden Nationalen Kohortenstudie (NAKO) mit rund 200.000 Teilnehmenden vermissten 80 Prozent die Gesellschaft anderer und ein Drittel fühlte sich einsam. Die Zahl der Depressionen bei Kindern und Jugendlichen stieg, auch die Zahl der psychiatrischen Notfälle.

Psychische Beeinträchtigungen wie Angststörungen, Depressionen oder Süchte waren schon vor der Krise im Anstieg, die Pandemie hat sie weiter befördert. Experten raten nicht zuletzt deshalb zu einer nachträglichen Aufarbeitung der psychischen Folgen durch Corona, damit Menschen besser auf künftige Krisen reagieren können.

8. Zusammenspiel von Pandemic Preparedness und Planetary Health: One Health Ansatz

Pandemien werden dadurch begünstigt, dass Menschen in Klima und Umwelt eingreifen. Wenn wir die Umwelt schützen, senken wir die Gefahr einer weiteren Pandemie.

Eine hohe Bevölkerungsdichte, globale Mobilität, der Verlust der Lebensräume für Wildtiere, die Massentierhaltung und der Klimawandel begünstigen das Überspringen von Erregern zwischen Tier und Mensch. Bis zu 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen – der Bremer Epidemiologe Professor Hajo Zeeb spricht von einem pandemischen Zeitalter.

Außerdem zeigte die Pandemie, dass Menschen mit Vorerkrankungen wie Atemwegserkrankungen oder Diabetes häufiger schwer an SARS-CoV2 erkrankten. Das wiederum wird auch von Umwelt und Lebensumständen beeinflusst. Die Wechselwirkungen zwischen individueller Gesundheit und Umwelt werden immer stärker offenbar und als Planetary Health bzw. One Health untersucht und diskutiert.

Quellen:

Aled M. Edwards u.a.: Stopping pandemics before they start: Lessons learned from SARS-CoV-2. In: Science, 10. März 2022

https://www.science.org/doi/10.1126/science.abn1900, abgerufen am 22. Juni 2022 S20 Academies Joint Statement: Pandemic preparedness and the role of science.

https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/pandemic-preparedness-and-the-role-of-science-2021/ abgerufen am 22. Juni 2022.

Dr. Julia Löffler, Petya Zyumbileva, Professor Dr. Christof von Kalle: „Lessons learned“ aus der COVID-19- Pandemie: Gesundheitsdatennutzung heute und morgen. In: PM QM Fachzeitschrift für pharmazeutische Medizin und Qualitätsmanagement. März 01/2022.

https://www.campus-halensis.de/artikel/rna-viren-sind-gefahrlich-weil-sie-sich-schnell-weiterentwickeln/

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