„Die Energiewende ist das größte Gesundheitsprojekt unserer Zeit.“

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Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsbedrohung unserer Zeit – aber wir können etwas tun: Dr. Martin Herrmann, Vorstand der der Deutschen Allianz für Klimawandel (KLUG) sieht als Arzt und Veränderungsberater den Gesundheitssektor in einer besonderen Verantwortung.

Martin Herrmann war 2017 Mitbegründer der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und ist heute Vorsitzender. KLUG ist ein Netzwerk von Einzelpersonen, Organisationen und Verbänden aus dem gesamten Gesundheitsbereich, das auf die weitreichenden gesundheitlichen Folgen des Klimawandels aufmerksam machen. Dr. Herrmann ist Mediziner und arbeitete viele Jahre als Veränderungsberater für internationale Organisationen. Im April 2022 erschien von ihm und Harald Lesch „Sprung über den Abgrund“ im Residenz Verlag.

Warum engagieren Sie sich als Arzt für das Klima?

Ich habe vor sieben Jahren nach der Lektüre von This Changes Everything  von Naomi Klein begriffen, dass die Art, wie wir in der Welt mit der Klimakrise umgehen, völlig unzureichend ist. Wir sind in der manifesten Gefahr, die Bewohnbarkeit unseres Planeten zu zerstören.

Vorher dachten Sie: Das kriegen wir schon hin?

Ja, ich glaubte der Rhetorik, dass Deutschland ein Klimavorreiter sei. Dass die Uhr aber so tickt und all die Emissionen ungemindert ansteigen, war mir nicht klar. Die Hälfte der Weltbevölkerung leidet heute schon massiv unter der Biodiversitäts- und Klimakrise. Das nimmt nicht langsam zu, sondern in Sprüngen.

Und da können Mediziner etwas ausrichten?

Der Verlust der biologischen Vielfalt, die Klimakrise und Umweltzerstörungen zählen zu den drängendsten medizinischen Problemen unserer Zeit: Sie führen unter anderem zu Infektionskrankheiten, Zivilisationserkrankungen und antimikrobiellen Resistenzen. Eine noch so perfektionierte individuelle Medizin wird uns den Weg aus der Gesundheitskrise nicht mehr weisen. Wir müssen jetzt einen Schritt zurücktreten und das große Ganze ansehen. Wir Mediziner haben eine besondere Verantwortung.

Inwiefern?

Unser Lebensstil führt einerseits dazu, dass wir krank werden, und schadet andererseits der Umwelt. Wir ernähren uns ungünstig, bewegen uns zu wenig, bauen Städte noch nicht so, dass sie zur Gesundheit beitragen. Diesen Zusammenhang haben Ärzt:innen täglich vor Augen – in Form von chronischen Erkrankungen, Allergien, Adipositas, Antibiotikaresistenzen. Wenn wir unser Leben umstellen, als Einzelne, als Familien, als Kommunen, dann haben wir doppelten Nutzen: Wir erhalten einen Planeten, auf dem wir leben können, und es geht uns persönlich besser.

„Health in all policies“ sagt ja: Jeder Politikbereich soll Gesundheit mitbeachten, denn jeder Politikbereich hat auch Auswirkungen auf Gesundheit.

Ich gehe noch weiter: Es geht um „Planetary Health in all Policies.“ Unsere Gesundheit hängt von der Gesundheit von Ökosystemen und letztlich der Gesundheit des Planeten ab. Das erklärt auch, warum die Energiewende das größte Gesundheitsprojekt unserer Zeit ist. Weniger fossile Brennstoffe sorgen für bessere Luft und damit bessere Gesundheit. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung senkt Emissionen und fördert die Gesundheit. Gleiches gilt für mehr aktive Bewegung. Wenn wir da ansetzen, können wir für uns und den Planeten viel erreichen. Dieser ganzheitliche Blick wird heute als „Planetary Health“ diskutiert.

Welche konkreten Gesundheitsfolgen wird der Klimawandel für Menschen haben?

In Europa wirkt es sich am meisten über die Hitze aus. Schon jetzt sterben in Hitzesommern in Deutschland 5000 bis 10.000 Menschen verfrüht. Hundertausende vorerkrankte, ältere oder schwache Patient:innen haben massivste Symptome. Und Millionen Menschen sind in ihrer Befindlichkeit und Arbeitsfähigkeit enorm eingeschränkt. Einen zweiten Gefahrenkomplex bilden die Allergien: Die Pollenflüge beginnen früher und dauern länger, außerdem wirken Pollen bei Hitze stärker. Und es gibt neue allergene Pflanzen wie Ambrosia.   

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Trifft der Klimawandel vor allem alte und vorerkrankte Menschen gesundheitlich?

In der Geriatrie und der Inneren Medizin gibt es stärkere Auswirkungen als anderswo, aber der Klimawandel erreicht alle medizinischen Disziplinen. In unserem Buch „Planetary Health – Klima, Umwelt und Gesundheit im Anthropozän“ haben 31 unterschiedliche Fachdisziplinen die Folgen aufgezeigt, von der Allergologie bis zur Zahnmedizin. Säuglinge leiden weltweit am meisten! 

Wie anpassungsfähig ist der Mensch letztlich? Können wir auch auf medizinische Innovationen hoffen?

Sie können an der physiologischen Grenze beispielsweise für Hitzeanpassung nichts verändern. Das kennen wir von Fiebererkrankungen: Ab 40 Grad Celsius wird es sehr schnell gefährlich. Dann fangen die Eiweißstoffe in Zellen an, sich zu verändern. Wir Menschen sind Naturwesen.

Okay, wie kommen wir vom Wissen ins Handeln? Was ist der soziale Kipppunkt?

Untersuchungen zeigen: Wenn 3,5 Prozent einer Population sich zu einem Thema engagieren und zusammentun, ist die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung sehr groß. In der Geschichte haben bei großen Veränderungen immer einzelne Leute angefangen. Das zog dann Kreise und setzte sich für die ganze Bevölkerung durch: So sind im 19. Jahrhundert Gewerkschaften entstanden, haben sich Frauenrechte durchgesetzt. Wissenschaft und Politik spielen zwar eine wichtige Rolle, aber sie können den nötigen Druck nicht aufbringen: Es liegt an uns Bürgern. Umfragen zeigen, dass 60 bis 70 Prozent den Klimaschutz als sehr großes Thema sehen …

… aber sie machen nichts.

Doch, sie machen schon. Sie haben indes den Eindruck, dass sie an die großen Stellschrauben nicht herankommen. Auch bei Entscheidern beobachte ich eine Lähmung. Das Thema erscheint ihnen oft zu groß.

Was tun?

Wir müssen die Klimakrise als Schlüsselthema unserer Zeit verstehen. Wir brauchen eine Kooperationsrevolution und dürfen uns nicht mehr von Abteilungsgrenzen bremsen lassen. Wenn wir die Energiewende als ein Gesundheitsprojekt verstehen, wird sich der Vorteil davon schnell gesundheitlich auswirken. Alle Gesundheitsakteure müssen ihrer besonderen Verantwortung gerecht werden: Kassen, Krankenhausgesellschaften, Pharmafirmen ... Derzeit suchen alle Kassenverbände mit KLUG das Gespräch. Alle! Die Frage ist inzwischen nicht mehr: Ist Klima auf der Agenda? Sondern: Lauft ihr voraus oder hinterher?

Welche drei Dinge sollte jeder Abgeordnete heute wissen und beachten?

Erstens müssen Abgeordnete verstehen, was die größten globalen Krisen unserer Zeit sind. Zweitens müssen sie wissen, wie sich diese auf ihren lokalen Kontext auswirken – auf ihren Wahlkreis. Und drittens sollen sie Maßnahmen entwickeln, die der Vielschichtigkeit der Krisen gerecht werden. Jetzt beim Ukrainekrieg hat man den Eindruck, dass sich viele auf ein Thema konzentrieren und alles andere aus dem Blick lassen. In der Intensivmedizin würde das bedeuten, dass man bei einem Multiorganversagen nur auf ein Organ schaut, es operiert – und der Patient an anderem stirbt.

Martin Herrmann, Harald Lesch: Sprung über den Abgrund. Warum die Klimakrise zum Handeln zwingt. Residenz Verlag 2022

 

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