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„Zum Überleben zwingen?“

Sich im Auto anzuschnallen, ist nicht nur Gesetz, sondern für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Doch als zum 1. Januar 1976 in Deutschland die Gurtpflicht eingeführt wurde, war die Mehrheit der Autofahrer dagegen. Und erst das Jahre später verhängte Bußgeld gegen Gurtmuffel half. Die Geschichte der Gurtpflicht zeigt, wie ein Präventionsmittel, das heute unumstritten ist, in seinen Anfängen alles andere als akzeptiert war. 

Man hatte es auf vielen Wegen versucht, die Menschen vom Anschnallen zu überzeugen: Mit Charme-Offensiven wie einer Plakataktion, auf der ein Förster, ein Pfarrer oder eine Hebamme fürs Anschnallen warben („Durch mich kommen die Babys sicher zur Welt. Aber nur, wenn ich sicher zu den Babys komme"). Mit drastischen Unfallbeispielen aus der ARD-Verkehrssendung „Der 7. Sinn“. Mit Promis, die für Gurte warben oder gelben Zitronen, die der ADAC damals vor Ampeln an nicht angeschnallte Fahrer verteilte. Doch es blieb in Deutschland noch bis in die 1970er für die meisten Bürger normal, ohne Gurt zu fahren. Nur 5 Prozent der Autofahrer schnallten sich einer Umfrage von 1972 in Städten an. Auf Autobahnen: 15 Prozent. 

Dabei war ihnen, rein in der Theorie, die Wirkung des Gurts klar: 90 Prozent hielten ihn 1974 „für ein notwendiges, da sinnvolles aktives Rückhaltesystem", 81 Prozent waren für den Gurteinbau in Autos. Und trotzdem schlugen die Wogen hoch, als die Gurtpflicht eingeführt werden sollte: Man fürchtete, bei einem Unfall erwürgt zu werden, angeschnallt zu verbrennen oder zu ertrinken. Man fürchtete, dass Helfer das Gurtschloss nicht mehr lösen oder Herzschrittmacher außer Dienst gesetzt werden könnten. Und manch einem war das Anschnallen einfach nur peinlich.  

Zum Selbstschutz verdonnern?

„Soll und darf der liberale Staat die Auto-Bürger zum Überleben zwingen?“, brachte das Nachrichtenmagazin SPIEGEL die Diskussion damals auf den Punkt. Es war die Grundfrage, die große Präventionsmaßnahmen immer begleitet: Darf, muss man die Bürger vor sich selbst schützen? Wie viel Selbstschutz kann ein Staat verordnen? 

Mehr als 20.000 Menschen verunglückten damals jährlich im Straßenverkehr tödlich (2019: ca. 3000). Doch auch die Gurtpflicht brachte die Anschnallquote nur auf 58 Prozent. Erst als zum 1. August 1984 ein Verwarngeld von 40 Mark eingeführt worden war, änderte sich das Verhalten der meisten Menschen: Im September waren 92 Prozent der Autofahrer angeschnallt. 

Aber auch da hatte manche Richter noch Zweifel: Unverhältnismäßig, fand ein Amtsgericht, ein Bußgeld für den fehlenden Gurt zu verhängen. Ein Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit. Das Bundesverfassungsgericht entschied schließlich für Sanktionen gegen Gurtmuffel. Es wies eine Verfassungsbeschwerde gegen die bußgeldbewehrte Gurtanlegepflicht ab. Und argumentierte dabei, fürs heutige Empfinden, um die Ecke: Wenn sich ein Fahrer mangels Gurts in einem Unfall verletzt, kann er am Unfallort vielleicht nicht mehr helfen. Dann hat ein anderer womöglich den Schaden. Man schnallt sich also nicht zuletzt auch für andere an.

 

Foto: lalihi / Photocase

Kommentare

  1. Julia Peters

    Meine Eltern fuhren Ende der 70er Jahre einen Volvo. Schon damals war dort ein Warnsystem für Fahrer- und Beifahrersitz eingebaut, wenn man nicht angeschnallt war, wurde es aktiv: Kam Gewicht auf einen der beiden Sitze, hörte man ein fürchterlich lautes Klacken und eine Warnleuchte blinkte ununterbrochen. Das hat so genervt, dass man sich freiwillig angeschnallt hat. Es war sehr wirkungsvoll, wir waren immer alle angeschnallt. Heute würde man das vielleicht als "Nudging" bezeichnen ;-)

    vor 7 Monate
  2. Anonym

    Wären meine Freundin und ich damals angeschnallt gewesen, hätte meine Freundin den Unfall überlebt und ich wäre nicht durch die Scheibe geflogen. Zu der Zeit gab es noch nicht einmal Gurte im Auto.

    vor 7 Monate
  3. Anonym

    Was ist der Zweck des Artikels ? Sollen die Menschen eingeimpft bekommen , was gut oder schlecht für sie ist ? Wenn sich etwas logisch erklärt , machen die Menschen das von allein , da brauchen wir keine Vorschriften .

    vor 7 Monate
  4. Anonym

    Der zweck des Artikels ist mMn. u.a. aufzuzeigen, dass es eben offenbar nicht so ist, dass die Menschen von allein und ohne Vorschriften logisch erklärende Dinge auch tatsächlich machen!
    Dass Sicherheitsgurte Leben retten ist logisch und wohl unbestritten.
    Dennoch haben Kampagnen mit logischen Erklärungen offensichtlich kaum etwas bewirkt.
    Und selbst die per Gesetz verfügte Gurtpflicht zeigte ihre volle Wirkung erst, als 8 Jahre nach der Einführung zusätzlich ein Bußgeld gegen Gurtmuffel verhängt wurde.

    Mein Rückschluss daraus:
    Würden die Menschen von allein und ohne Vorschriften etwas machen das gut für sie ist, wenn es sich logisch erklärt, wären weder Gurtpflicht noch Bußgeld nötig gewesen, um die Zahl der Verkehrstoten so nachhaltig zu reduzieren!

    vor 6 Monate
  5. Claudia Sperlich

    1972 war ich zehn Jahre alt. Es gab noch keine Rücksitzgurte.
    Hätte es die gegeben, wären mir drei Wochen Koma, viel Elend in der Kindheit und eine bleibende Epilepsie erspart geblieben.

    vor 7 Monate

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