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Wissenschaft der Zukunft: Wie die Gesundheitsforschung vorankommen kann

Im deutschen Wissenschaftssystem muss sich einiges ändern. Das hat der Wissenschaftsrat  in einem Positionspapier festgestellt. Darin hat das Gremium die Schwächen der derzeitigen Forschungslandschaft in Deutschland analysiert. Die Experten gehen dabei dezidiert auf die Gesundheitsforschung ein. EInige Beispiele.

1. Mehr Studien aus der Wissenschaft heraus und in besserer Qualität

Ein altbekanntes Problem ist durch die COVID-Krise in den Fokus des Wissenschaftssystems gerückt: das der sogenannten Translation. Will heißen: Wie bringt man Erkenntnisse, Ideen, Ergebnisse von Wissenschaftlern der biomedizinischen Forschung schnell(er) und trotzdem mit hoher Qualität in die Praxis der Patientenversorgung? Die Experten beklagen, dass erstens zu wenige klinische Studien gestartet würden, deren Fragestellung aus der Wissenschaft heraus formuliert wird. Und dass es dort zweitens oft an Qualität mangelt, weil die Zahlen der Patienten für aussagekräftige Erkenntnisse oft zu klein sind und gut finanzierte Studienzentren fehlen. Das sei zum Beispiel zu Beginn der Pandemie augenfällig geworden, als klinische Studien zu Wirkstoffen und Therapien gegen das neue Corona-Virus vor allem in anderen Ländern getestet wurden. Und nicht in Deutschland. 

2. Mehr Wagniskapital für Biotech-Entrepreneure

Im internationalen Vergleich etwa zu den angloamerikanischen Ländern oder zu Israel erkennt der Wissenschaftsrat zu wenige erfolgreiche Start-Ups, die aus biomedizinischer Forschung an Universitäten hervorgehen. Das mag erstaunen angesichts der Tatsache, dass zwei deutsche Biotech-Firmen – beide Ausgründungen aus Universitäten – zügig erfolgreiche Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 entwickelt haben. Doch in der Fläche bedarf es im Feld der Biotech-Entrepreneure mehr Anstrengungen, um Forschende zu derlei Ausgründungen zu ermutigen. Ein entscheidender Faktor: die Bereitstellung von Risikokapital. Was die Inhalte betrifft: Großes Potenzial sehen die Experten im Bereich der Entwicklung von Apps, die beispielsweise in der Therapieoptimierung eingesetzt werden. Dieses Feld boomt derzeit.

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3. Höchste Zeit für die bundesweite Datenvernetzung

Um schneller neue Therapien und Diagnoseverfahren zu entwickeln, braucht es: Daten. Viele Daten, und zwar aus der flächendeckenden Versorgung der Patienten in ganz Deutschland. Diese Daten müssen digital gepoolt und verarbeitet werden. Leider knirscht es bei dieser Datenvernetzung nach Ansicht der Experten an allen Ecken und Enden. Beispielsweise fehlt ein standortübergreifender Zugang zu standardisierten Daten aus medizinischer Forschung und Versorgung. Damit würden innovative Therapien auch schneller ans Krankenbett kommen. Es gibt allerdings Lichtblicke am Horizont der Vernetzung und Standardisierung von Routinedaten. Zum Beispiel mit der elektronischen Patientenakte (ePA). Ab 2023 lassen sich damit rechtssicher Patientendaten über das Forschungsdatenzentrum für die wissenschaftliche Nutzung freigeben – oder man kann sie über den Weg der Einwilligung von Patientinnen und Patienten direkt den Forschenden zur Verfügung zu stellen. Nun, so die Experten, kommt es darauf an, dies auch umzusetzen und die Möglichkeiten rasch zu nutzen. Last not least erlaubt die Einführung einer Datenschutzaufsicht die bessere Nutzung von Gesundheits- und Versorgungsdaten für die länderübergreifende Forschung.

Mehr Kooperation in der Gesundheitsforschung

Platt formuliert kochen in der deutschen Gesundheitsforschung viele Köche ihr eigenes Süppchen – das fällt auch auf im internationalen Vergleich. Sie ist auf die 16 Bundesländer verteilt mit etlichen Wissenschaftler-Teams an Hochschulen und anderen öffentlichen Institutionen und Forschungseinrichtungen in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen. Die Pandemie hat gezeigt, dass Deutschland keine Strukturen hat, um die täglich neu gewonnenen Erkenntnisse und Daten all dieser „Player“ zügig und effizient national zu koordinieren. Der Beginn einer Lösung: das Nationale Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin, das seit März 2020 aufgebaut wird und in dem alle Universitätsmedizinstandorte zusammenarbeiten. Das Ziel: Strukturen für eine Zusammenarbeit auch nach der Krise zu schaffen. Die standardisierte Erfassung von Daten (siehe 3) ist essentiell für die Arbeitsfähigkeit eines solchen Netzwerks. Ein entsprechender Datensatz für die COVID-19-Forschung wurde bereits erstellt

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5. Bessere Vernetzung unter den Disziplinen

Um an einem Standort – etwa einer Stadt wie Berlin oder München – die Expertise aller Fächer in Gesundheitsforschung und -versorgung optimal zu bündeln, braucht es bessere Organisationsstrukturen als bisher. So können Informationen zwischen biomedizinischer Grundlagenforschung und patientenorientierter, klinischer Forschung ausgetauscht werden. Zu diesem Verbund, so der Wissenschaftsrat, gehören zwingend auch Fachleute der Public-Health-Forschung, der Versorgungs- und Präventionsforschung sowie der Gesundheitswissenschaften (Pflege-, Hebammen und Therapiewissenschaften).

6. Mehr Interaktion mit Expertise „von außen“

Die Gesundheitsforschung an öffentlichen Einrichtungen wie Hochschulen ist das eine – Expertise außerhalb dieses Wissenschaftssystems, etwa aus der Industrie oder der Verwaltung oder der ambulanten Versorgung von Patienten, das andere. Der Sachverstand solch externen Knowhows muss laut Wissenschaftsrat stärker mit der Arbeit der öffentlichen Forschung verzahnt werden, um neue Erkenntnisse schneller zu den Patientinnen zu bringen.

7. Förderung auch an Vernetzung und Kooperation binden

Was hat Mathematik mit Gesundheitsforschung zu tun? Oder Informatik und Technik? Viel! Und die Sozialwissenschaften wie die Psychologie oder die Soziologie erst recht. Das betonen die Experten des Wissenschaftsrats ganz explizit. Die Epidemiologie zum Beispiel kann nur zusammen mit Mathematik, Informatik und den Technikwissenschaften verlässliche Modelle, Simulationen und Szenarien für die Ausbreitung der Pandemie schaffen. Um gesellschaftliche Folgen von Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie – einschließlich des Einsatzes der Corona-Warn-App – zu verstehen, ist es notwendig, die Expertise von Sozialwissenschaftlern mit einzubeziehen. Denn auf allen Ebenen tauchen ethische und rechtliche Fragen auf – zum Beispiel beim Umgang mit einer begrenzten Kapazität von Intensivbetten oder der Entwicklung einer Impfstrategie. Auch logistische Fragen spielen eine Rolle. Eine solche multi- und interdisziplinäre Vernetzung ist in Deutschland bisher vernachlässigt worden. In Zukunft sollte die Gesundheitsforschung eine stärker kooperative Forschungskultur zu anderen Wissenschaften pflegen und dafür dauerhaft vernetzte Strukturen aufbauen, um Innovation zu beschleunigen. Entsprechend empfiehlt der Wissenschaftsrat, die gängige kompetitive Forschungsförderung konsequent zu hinterfragen und Formate zur effektiven Förderung von Vernetzung und Kooperation – vor allem über die Grenzen der Gesundheitsforschung hinaus – zu entwickeln. Und das vorwiegend in langfristig orientierten Projekten..

Quelle:

Impulse aus der COVID-19-Krise für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland, Positionspapier https://www.wissenschaftsrat.de/download/2021/8834-21.pdf?__blob=publicationFile&v=11

Copyright Artikelfoto: Shutterstock

Kommentare

  1. Anonym

    E5 sollte nicht vergessen werden das nicht nur covit die Ärzte übervordert sind. Auch bei arbeiter zum Beispiel auf dem bau. Gesundheit wird von der deutschen Rentenversicherung runtergespielt zusammen mit Ärzte. Aber ich kann nicht mehr laufen und habe nur noch Schmerzen. Keiner hilft. Bin 42Jahre alt und schon kaputt gearbeitet. Leben im arsch da nicht rechtzeitig richtig ärtzlich gehandelt wurde. Soviel zu deuter Wirtschaft.

    vor 6 Monate
  2. Markus Stein

    Es ist eigentlich sehr traurig dass dafür Untersuchungen (Studien) durchgeführt werden müssen, welche ein Haufen Geld kostet. Dieses ist doch Alles eine logische Konsequenz, welches sich sicherlich viele (kleinere oder auch größere) Systemmitarbeiter durch den Arbeitsalltag analysiert haben. Ich als jetziger Leser und Nichtsystemarbeiter (weder Forschung noch medizinischer Richtung) haben das mit Feststellung der aufgetrenen Mängel bei Fragen oder Entscheidungen einzelner Bereiche festgestellt. Das Geld dieser Untersuchung ist unverhältnismäßig verpulvert worden. Wenn jeder einzelne seine Arbeit macht, und entsprechende Informationen oder Vorschläge vorlegt, und diese dann auch weitergeleitet werden (jeder seine Arbeit macht) dann käme man auf das gleiche Ergebnis, aber auch gleich mit den richtigen Ansätzen (Was, Wie usw) zur Abhilfe bei der Bewältigung der Defizite wichtig ist. Dafür bräuchte man natürlich kompetänte Leute die anfangen und machen. Es gibt soviele Politiker und auch Wissenschaftler für ähnliche Aufgabenbereiche, wozu werden dafür Gelder verwendet, wenn zusätzlich zu diesen Ausgaben doch nur kostenpflichtige Studien dieses analysiert bekommen?

    vor 6 Monate

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