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Klimawandel und Gesundheit - das müssen Sie wissen

Der Klimawandel birgt „inakzeptabel hohe und potenziell katastrophale Risiken für die menschliche Gesundheit“: Das stellt das ‚Lancet Countdown Symposium‘ klar – ein Zusammenschluss von 120 Forschenden weltweit, auch aus Deutschland. Die Fachleute fordern schnelle Maßnahmen gegen den Klimawandel und präsentieren im ‚Lancet Countdown 2020‘ neue Daten und Fakten – für Deutschland, Europa und die Welt.

Klimawandel und Erkrankungen – eine systemische Verbindung

91 Prozent aller Todesfälle in Deutschland gehen auf nicht-übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes zurück. Hinter diesen Krankheiten und dem Klimawandel stecken zwei systemische Treiber: die heutige Ernährungsproduktion/-art sowie die heutige Mobilität. Beides schadet in der jetzigen Form sowohl der Umwelt als auch dem Klima. Die Nahrungsmittelproduktion ist besonders energieintensiv und beruht vorrangig auf fossilen Energieträgern; sie verleitet zu einem Überkonsum von verarbeiteten, energiereichen und häufig auf tierischen Produkten basierenden Produkten. Die auf fossilen Brennstoffen basierende Mobilität macht viele zu Bewegungsmuffeln und steigert die gesundheitsschädliche Luftverschmutzung und Lärmbelästigung.

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Die Kosten für Gesundheit: Beispiel Hitze

Allein von 2000 bis 2018 sind die Todesfälle aufgrund von Hitze bei über 65jährigen um fast 54 Prozent gestiegen: Weltweit waren es 2018 296.000 Tote. Deutschland ist mit über 20.000 Todesfällen ganz vorne mit dabei. Nur in China und Indien wurden mehr gezählt. Die Zahl der Tage mit Hitze hat weltweit stark zugenommen. In Europa beliefen sich die finanziellen Kosten der hitzebedingten Sterblichkeit in 2018 auf ein bis zwei Prozent der summierten Bruttosozialprodukte der Länder.

Die Kosten für Gesundheit: Beispiel Ernährung

Ungesunde Ernährungsweisen sind ein maßgeblicher Risikofaktor für Krankheit und frühzeitigen Tod (s. Infobox). Gleichzeitig ist etwa ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen der Nahrungsproduktion geschuldet, die in ihrer heutigen Form auch den Verlust der Biodiversität und der natürlichen Lebensräume vorantreibt. Land- und Viehwirtschaft, vor allem die Fleischproduktion, liefern zwar nur 18 Prozent der weltweiten Nahrungsenergie, verbrauchen aber 83 Prozent der für Landwirtschaft verfügbaren Fläche, die dann nicht mehr für pflanzliche Grundnahrungsmittel zur Verfügung steht. Allein in Deutschland hat die Haltung von Wiederkäuern (hauptsächlich Rindern) im Jahr 2017 62 Prozent der Treibhausgasemissionen des Landwirtschaftssektors verursacht.

Ernährung und Krankheit

Etwa 11 Prozent der vermeidbaren Krankheiten in Deutschland beruhen auf ernährungsbezogenen Risikofaktoren. 7 Prozent der direkten Gesundheitskosten hängen mit Konsum von zu viel gesättigtem Fett, Salz und Zucker zusammen. Ein Viertel der Erwachsenen und 6 Prozent der Kinder in Deutschland haben Adipositas und 10 Prozent der Erwachsenen Typ2-Diabetes. Weltweit hat die Zahl der Todesfälle aufgrund exzessiven Konsums roten Fleisches auf 990.000 zugenommen – 72 Prozent mehr als 1990.

Die Kosten für Gesundheit: Beispiel Luftverschmutzung

Zurzeit geht ein Viertel des CO2-Fußabdrucks der EU auf den Fahrzeugverkehr zurück; er ist gleichzeitig die Hauptquelle für die städtische Luftverschmutzung. Luftschadstoffe wirken sich in allen Lebensphasen negativ auf die menschliche Gesundheit aus und sind der wichtigste umweltbedingte Risikofaktor in Deutschland. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit chronischen Atemwegs- und/ oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind besonders betroffen. Laut ‚Lancet Countdown 2020‘ hat die Exposition gegenüber Feinstaub mit Partikeln kleiner als 2,5 Mikrometern im Jahr 2018 in Deutschland 48.700 vorzeitige Todesfälle verursacht. Eine Reduktion der Luftschadstoffe – durch Maßnahmen gegen den Treibhauseffekt – würde zu einem Rückgang von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall und Tumorerkrankungen führen.

Achtung Rückkopplung!

Die Folgen unseres Handelns verändern unsere Ausgangslage: Solche Rückkopplungsmechanismen, auch Feedbacks genannt, sind Teil des Klimawandels. Beispiel Nahrungsmittelproduktion: Sie erzeugt etwa ein Viertel der globalen Treibhausemissionen. Durch diese Treibhausgase steigen die Temperaturen. Durch steigende Temperaturen geht die Nahrungsmittelproduktion zurück – etwa in der Getreideproduktion: Sie sank temperaturbedingt zwischen 1981 und 2019, je nach Studie, um 1,8 bis 5,6 Prozent. Rückkopplungen gibt es sowohl zum Schlechten wie zum Guten.

Verbesserung durch ‚triple win‘

Die Experten mahnen – das Entweder-Oder muss aufhören: Entweder der Wirtschaft geht es gut oder der Umwelt. Entweder die Ökonomie krankt oder der Mensch. Covid-19 führt vor Augen, wie stark vernetzt Gesundheit, Wirtschaft und Klima sind. Der Lancet-Kreis fordert eine gesunde, nachhaltige Wiederaufbaustrategie: „Wenn Deutschland Mittel zur Stimulierung der Wirtschaft bereitstellt, sollten bei der Verteilung der Investitionen neben der Berücksichtigung wirtschaftlicher Nachhaltigkeit auch Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen berücksichtigt werden (…).“ So könnten beispielsweise klimafreundliche Technologien für die Nahrungsproduktion neun Milliarden Tonnen globaler Treibhausgase einsparen. Frische, regionale und saisonale Produkte sind nicht nur gesund, sondern in der Regel auch ökologisch nachhaltiger.

World in Data, Ernährung und Umwelt

Die Autoren der-Plattform "Our World In Data" haben sich mit dem Zusammenhängen zwischen Ernährung, Umwelt und Klima beschäftigt: Mehr dazu finden Sie hier.

Was man anpacken kann – Ernährung

Deutschland braucht Ernährungsempfehlungen und Qualitätsstandards, die die Ressourcen der Erde und gesundheitliche Aspekte berücksichtigen. Sie sollten flächendeckend umgesetzt werden, vor allem in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen. Kinder sollten vor Werbung für gesundheitsgefährdende Produkte geschützt werden, die unausgewogene Ernährungsmuster und einen Überkonsum begünstigt. Solide Kenntnisse und praktische Fähigkeiten zu Ernährung unter Berücksichtigung kultureller Vielfalt sind notwendig, um Menschen zu befähigen, informierte ernährungsbezogene Entscheidungen zu treffen. Beginnend im Kindergarten und in allen Stadien der Ausbildung sollten junge Menschen umfassend über gesunde Ernährung – und den Zusammenhang mit dem Klima – informiert werden. Nur so könnten Menschen fundierte Entscheidungen darüber treffen, wie sie sich ernähren wollen.

Was man anpacken kann – Mobilität

Förderung von öffentlichen Verkehrsmitteln, Fahrradfahren und Mobilität zu Fuß. Konkret: ein verbessertes Radwegenetz mit sicheren und komfortablen Wegen, Abstellplätze für Fahrräder und Änderungen der Verkehrsregeln, attraktive Fußgängerzonen, autofreie und verkehrsberuhigte Zonen sowie ergänzend preiswerte und sichere öffentlichen Verkehrsmittel. An Schulen und Arbeitsplätzen einschließlich Krankenhäusern soll aktives Pendeln gefördert werden. Dies bedeutet konkret zum Beispiel: Der Kauf von Fahrrädern sollte finanziell unterstützt werden; die Bereitstellung von Fahrradabstellplätzen und Umkleidekabinen; die Zertifizierung als fahrradfreundlicher Arbeitgeber. Darüber hinaus: Zugang zu Grünflächen sicherstellen. Grünflächen führen zu mehr körperlicher Aktivität und besserer Gesundheit. Durch ihre kühlende Wirkung können sie die gesundheitlichen Folgen von Hitzewellen eindämmen.

Was man anpacken kann – Stadtentwicklung

Städte spielen eine Schlüsselrolle beim transformativen Wandel. Hier liegen die Chancen für bessere Gesundheit und besseres Klima (zurzeit verursachen Städte 70 % der Treibhausgasemissionen). Hier können soziale, ökologische und ökonomische Ziele austariert werden. Kommunen müssen künftig die gesundheitlichen Auswirkungen ihres Tuns bedenken. Als Hauptrisiko benennen Städte, die dies bereits machen, extreme Hitze. Entsprechend wichtig sind Parks, Straßenbäume, Dachbegrünungen in Verbindung mit entsprechendem Wassermanagement. Resiliente, nachhaltige Stadträume animieren schon rein städtebaulich zum Zu-Fuß-Gehen und Radfahren, sie verkürzen Pendelzeiten und reduzieren die Verkehrsdichte.

Die Reaktionen der Regierungen und Mediziner

86 Staaten weltweit haben inzwischen auf die neuen Erkenntnisse reagiert und Maßnahmen in ihren Gesundheitssystemen etabliert. Das Bundesministerium für Gesundheit hat eine Abteilung für Gesundheitsschutz und Nachhaltigkeit gegründet. Die Gesundheitsministerkonferenz hat erstmals eine Absichtserklärung zu Klimawandel und Gesundheit veröffentlicht. Bereits 2019 stellte die Bundesärztekammer zusammen mit führenden akademischen Instituten die dringende Notwendigkeit zu handeln heraus. Entsprechend haben Universitäten zahlreiche Lehrangebote zum Thema eingerichtet. Die Zahl von Fachartikeln über Klimawandel und Gesundheit hat sich seitdem deutlich erhöht.

Quellen:

1. The 2020 report of the Lancet Countdown on health and climate change: responding to converging crises: https://www.thelancet.com/journals/lanplh/home

2. The Lancet Countdown on Health and Climate Change, Policy Brief für Deutschland 2020: https://www.dropbox.com/s/bfmhpi69mutbsrm/Lancet%20Countdown%20Policy%20Brief%20Germany_DEU.pdf

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