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„Sie haben ein Recht darauf, gesund zu bleiben.“

Die „prädiktive Medizin“ ist ein neuer Bereich in der Prävention von Erkrankungen. Im Kern geht es darum, einem noch jungen, symptomfreien Menschen so verlässlich wie möglich vorauszusagen, wie hoch sein Risiko ist, im Laufe des Lebens zum Beispiel an Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken. Dann könnte jeder frei entscheiden, seinen Lebensstil an dieses individuelle Risiko anzupassen. Denn Krankheitsrisiken sind meist über Ernährung, Bewegung und Ähnliches zu senken. Oder aber die Medizin verordnet, falls vorhanden, eine medikamentöse oder anderweitige „präventive Therapie“. Prof. Dr. Olga Golubnitschaja von der Universität Bonn ist Expertin in prädiktiver Medizin.

Frau Prof. Golubnitschaja, Sie sind eine glühende Verfechterin der sogenannten 3P-Medizin, also der prädiktiven, präventiven und personalisierten Medizin. Warum?

Prof. Olga Golubnitschaja: Wenn in Ländern wie Deutschland die Menschen immer länger arbeiten sollen, dann müssen sie sehr lange gesund bleiben. Oder anders gesagt: Wenn so etwas verlangt wird, haben Sie ein Recht darauf, gesund zu bleiben. Dafür ist die 3P-Medizin die einzig sinnvolle Strategie. Wir brauchen einen entsprechenden Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen. Wir dürfen nicht einfach warten, bis eine Krankheit auftaucht, um sie dann mit einer Menge Geld mehr oder weniger erfolgreich zu behandeln. Wir sollten viel lieber in jungen Jahren noch reversible Schäden präventiv angehen, damit eine Erkrankung, wenn überhaupt, erst spät und so mild wie möglich ausbricht. In diesem Sinne sprechen wir von primärer prädiktiver Medizin.

Dafür bräuchte man aber sehr zuverlässige Hinweise, um einem jungen Menschen nicht mit der Bürde einer falschen Risikovorhersage zu belasten. Oder?

Golubnitschaja: Das ist absolut richtig. Denken Sie an die Schauspielerin Angelina Jolie. Das war ein sehr heiß diskutierter Fall unter Fachleuten. Frau Jolie hat von ihrer Mutter ein Gen geerbt, das sie mit einer 60- bis 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs veranlagt. Es liegt also eine Risikoabschätzung auf der Basis eines genetischen Biomarkers vor. Das ist aber keine Diagnose. Einem 16- oder 17-jährigen Mädchen kann man deswegen nicht vorsorglich die Brust abnehmen, zumal selbst bei diesem seltenen erblichen Brustkrebs das Risiko durch einen gesunden Lebensstil positiv beeinflusst werden kann. Das heißt: Ein 60-prozentiges Risiko ist eine Warnung! Und deshalb ist eine personalisierte gesunde Lebensführung obligat, um intensiv an den vermeidbaren Gesundheitsrisiken zu arbeiten. Eine andere Frage ist, ob jeder einem gesunden Lebensstil auch gewachsen ist, der viel Disziplin verlangt.

Gene sind die bekanntesten Biomarker für Risikoabschätzungen. Gehört genetischen Biomarkern auch die Zukunft?

Golubnitschaja: Am Beispiel Angelina Jolie sieht man auch, dass die Analyse der Gene allein nur bedingt für die prädiktive Medizin taugt. Auch wenn man mit Genanalysen im Einzelfall Prognosen mit deutlich über 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit schaffen kann, sind sie in den meisten Fällen für eine prädiktive Diagnose zu unpräzise. Dafür brauchen wir auch andere Biomarker jenseits der Gene – auf der Basis von freier Erbsubstanz im Blut, sogenannter Mikro-RNA, Proteinen und anderen Molekülen – oder Bildgebung als Biomarker. Die Erforschung solcher Biomarker wird aber noch nicht ausreichend von Politik und Gesellschaft unterstützt. Deshalb ist die primäre prädiktive Medizin in der Realität noch weitgehend Zukunftsmusik.

Aber man hört doch immer wieder davon, dass aus einer Blutprobe gewonnene Biomarker schon jetzt das Krebsrisiko prognostizieren können. Was ist da dran?

Golubnitschaja: Sie sprechen von der sogenannten liquid biopsy. Dazu gehören unter anderem Körperflüssigkeiten, vor allem Proben aus Blut, Urin, Speichel und Tränenflüssigkeit. Tatsächlich wird diese Form der prädiktiven Diagnostik in der sekundären Prädiktion bereits eingesetzt – zum Beispiel, wenn jemand bereits Brust- oder Prostatakrebs hatte, um das Risiko eines Rückfalls und / oder einer aggressiven Metastasierung vorherzusagen. Je höher die Dichte zirkulierender Tumorzellen im Blut ist, desto eher streut der Krebs die Tochtergeschwulste und desto höher das Risiko, daran zu sterben. Man zählt diese zirkulierenden Tumorzellen und sucht nach tumor-spezifischen Molekülen im Blut.

Und in der primären prädiktiven Medizin?

Golubnitschaja: Einige Forscherteams arbeiten an neuen Biomarkern auch für die primäre Prädiktion unter anderem von Krebs. Aber da ist noch sehr viel zu tun. Wir selbst sind aktiv, um RNA-Biomarker für ein Brustkrebs-Screening auch für junge Frauen zu entwickeln.

In einer US-Studie wird eine bestimmte Gruppe gesunder Menschen vorsorglich mit einem Antikörper behandelt, um den Ausbruch der Alzheimerschen Erkrankung zu verzögern. Ist das auch ein gutes Beispiel für die primäre prädiktive Medizin?

Golubntitschaja: Es ist gut, dass man auf diesem wichtigen Gebiet Initiativen entwickelt. In dieser Studie erfolgt aber keine Vorauswahl wahrscheinlich gefährdeter Personen, sondern es konnte sich jeder melden. Das ist keine kosteneffektive Prädiktiv-Medizin. Nötig ist aber eine gezielte Prävention, um kosteneffektiv zu agieren und nicht die gleichen Tests allen Menschen anzubieten. Dafür braucht man eine individualisierte Prädiktivmedizin, die so früh wie möglich im Leben individuelle Gesundheitsschwachstellen feststellt, um dann gezielte, an eine Person angepasste Prävention zu betreiben. Wie zum Beispiel bei den Menschen mit dem Flammer-Syndrom-Phänotyp.

Flammer-Syndrom?

Golubnitschaja: Das Flammer-Syndrom, kurz FS, ist gekennzeichnet durch simpel festzustellende Symptome, die schon im Jugendalter beginnen. Die Betroffenen sind oft sehr schlank, haben einen niedrigen Blutdruck, von Aura begleitete Kopfschmerzen, erhöhte Medikamenten-Empfindlichkeit und vermindertes Durstgefühl. Und sie haben sogar im Sommer kalte Hände und Füße. Dahinter steckt unter anderem eine gestörte Mikrozirkulation. Die FS-Symptomatik kann jeder Hausarzt mit einem Fragebogen ermitteln. Weisen die Antworten auf das Flammer-Syndrom hin, beginnt die individuelle Prädiktion über Biomarker – wie zum Beispiel erhöhte Blutplasma-Endothelin-1-Werte. Wichtig zu wissen ist: Das Flammer-Sydrom kann mit dem Erkrankungsrisiko im späteren Leben zusammenhängen, unter anderen für den Grünen Star aber auch für potenzielle Schwangerschaftsrisiken, für eine aggressive Metastasierung bei Brustkrebs und für das Sicca-Syndrom mit Trockenheit im Mund, der Haut und im Vaginalbereich.

Wie lebt man im Schatten eines Risikobewusstseins, wenn man schon mit 20 seine Krankheitsrisiken mitgeteilt bekommt? Kann das nicht eine zu hohe Bürde fürs Leben sein? Steigt nicht das Risiko, hypochondrisch zu werden?

Golubnitschaja: Es kommt sehr darauf an, wie gut einem solche Dinge erklärt werden. Wenn man weiß, dass jeder Mensch von Geburt an individuelle Gesundheitsschwachstellen hat und in eigenem Interesse mitmachen soll, die vermeidbaren Risiken zu minimieren, ist das Risiko eher gering, hypochondrisch zu werden. Allerdings: Speziell in der Prädiktivmedizin besteht ohne Zweifel ein akuter Bedarf der optimierten Patientenberatung – mit multidisziplinärer Expertise inklusive Medizinethik und psychologischer Betreuung.

Würde eine flächendeckende prädiktive Medizin nicht zu teuer?

Golubnitschaja: Gesetzt den Fall, man hätte eines Tages labordiagnostische Biomarker für die 50 häufigsten Erkrankungen, die tödlich sind oder die Lebensqualität erheblich senken, wären die Kosten für ein flächendeckendes Screening astronomisch. Ganz wichtig wären deshalb zunächst – wie beim Flammer-Syndrom-Screening – eine Phänotypisierung durch simple Fragebögen, die Hausärzte an ihre 13- bis 30jährigen Patienten verteilen könnten. Die Antworten, ausgewertet durch smarte Algorithmen, gäben uns klare Hinweise, in welcher Richtung man genauer nach individuellen Krankheitsrisiken suchen sollte. Da bin ich mir ganz sicher. Auf diese Weise würden sich die Kosten erheblich reduzieren.

Prof. Dr. Olga Golubnitschaja ist Medizinerin und Biotechnologin und leitet an der Universitätsklinik Bonn die experimentelle Radiologie. Sie ist Generalsekretärin der European Association for Predictive, Preventive Personalised Medicine (EPMA) in Brüssel und Chefredakteurin der internationalen medizinischen Fachschrift EPMA J.

Kommentare

  1. Anonym

    Sehr interessant!

    vor 2 Monate
  2. Katalin Sabo

    Danke sehr interesant

    vor 2 Monate

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