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Was wir über Zoonosen wissen

Das Coronavirus SARS-CoV2 stammt höchstwahrscheinlich aus dem Reich der Wildtiere. Ein solches Überspringen von Erregern auf Menschen nennt man Zoonose. 40 der heute bekannten Zoonosen könnten eine Pandemie auslösen. Da sie oft menschengemacht sind, ändern sie inzwischen das Denken über Gesundheit. Was man über sie wissen sollte.

Die Medizin kennt derzeit etwa 200 Zoonosen.

Neben COVID-19 sind das beispielsweise HIV-AIDS, Ebola, Tollwut, BSE/Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung, Zika, MERS, das West-Nil-Fieber, die Frühsommer-Meningo-Enzephalitis FMSE oder Salmonellosen und so weiter.

 

60 Prozent aller ansteckenden Erkrankungen unter Menschen sind Zoonosen.

Vermutlich nimmt deren Anzahl zu, denn die Faktoren, die das Überspringen von Erregern vom Tier auf den Menschen begünstigen, mehren sich (siehe unten).

Es gibt zwei Übertragungsarten.

Die Erreger – Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten oder Prionen – werden entweder über direkten Kontakt (Speichel) oder über einen sogenannten Vektor (Mücke, Zecken und andere) vom Tier auf den Menschen übertragen. Sie können auch auf tierischen Lebensmitteln wie Fleisch, Eier oder Milch sitzen.

 

 

Die Mundwerkzeuge einer Einzelstern-Zecke sind in lebhaften Details dargestellt. Die Mitte des Mundes (gelb) ist mit vielen winzigen Widerhaken bedeckt. Diese Widerhaken halten die Zecke beim Fressen sicher im Wirt fixiert. 

Eine Zoonose, lange bekannt.

Der bedeutendste Vektor in Europa sind derzeit Zecken. Sie übertragen die Viren der Frühsommer-Meningo-Enzephalitis – eine Form der Gehirnhauentzündung. Rein statistisch braucht es 100 Zeckenstiche, um sich in Deutschland mit dem FSME-Virus zu infizieren. Doch wenn es passiert, resultieren oft schwere Fälle. Die Verbreitung der Viren in den Zecken folgt mitunter rätselhaften Mustern. Beispiel: Noch Mitte der Zehner-Jahre waren FSME-Infektionen entlang des Alpenkamms nahezu unbekannt. Jetzt treten dort bayernweit mit die meisten Fälle auf, sogar in höheren Lagen von 600 bis 700 Metern. Umgekehrt in Unterfranken: Noch vor zehn Jahren war die Region ein FSME-Brennpunkt. Heute ist sie dort verschwunden. Niemand weiß, warum.

Der rötlichen Färbung des Abdomens nach zu urteilen, zeigt dieses Bild eine Nahaufnahme einer blutrünstigen Mücke, der Aedes albopictus-Mücke, die sich von einem menschlichen Wirt ernährt. Unter experimentellen Bedingungen wurde festgestellt, dass die A. albopictus-Mücke, auch als asiatische Tigermücke bekannt, ein Überträger des West-Nil-Virus ist.

Zoonosen, schon vor der Tür.

Die Asiatische Tigermücke überträgt Krankheitserreger wie Dengue-, Zika- oder Chikungunya-Viren. Lange Zeit war sie nur in den Tropen und Subtropen Südostasiens heimisch. Bedingt durch die Klimaerwärmung fühlt sie sich mittlerweile auch auf der nördlichen Halbkugel wohl – und wurde inzwischen in mehr als 25 europäischen Ländern nachgewiesen. Auch in Deutschland, wo ihre Populationen jetzt sogar den Winter überleben. Noch aber haben sie die krankheitsauslösenden Viren hierzulande nicht aufgenommen. In Südfrankreich allerdings wurden 2019 bereits die ersten beiden Zika-Erkrankungen bekannt.

Farbige rasterelektronenmikroskopische Aufnahme einer apoptotischen Zelle (violett), die stark mit SARS-COV-2-Viruspartikeln (gelb) infiziert ist, isoliert aus einer Patientenprobe. Das Bild wurde in der Integrierten Forschungseinrichtung (IRF) des NIAID in Fort Detrick, Maryland, aufgenommen.

Und nochmal Corona:

Allein die verschiedenen Fledermaus-Arten der Welt beherbergen etwa 3200 Corona-Viren. Beim Menschen sind lediglich sieben bekannt. Das Potenzial neuer Corona-Pandemien ist real.

Hohe Verluste an Menschenleben und für die Volkswirtschaft.

Laut einer Studie aus 2012 verursachen die knapp 60 häufigsten zoonotischen Erreger alljährlich weltweit bei zweieinhalb Milliarden Erkrankungsfällen mehr als zweieinhalb Millionen Todesfälle. Schon vor Covid-19 schätzte die Weltbank die wirtschaftlichen Verluste infolge der sechs größten Ausbrüche zwischen 1997 und 2009 auf 80 Milliarden Dollar. Experten schätzen, dass 40 der bekannten Zoonosen eine Pandemie auslösen können.

Der Mensch ist Treiber.

Ein gesundes Ökosystem sorgt für eine Balance der einzelnen Erreger, sie bleiben in ihrem ‚Biotop‘. Doch je mehr der Mensch eingreift, desto weniger Stabilität: Durch Rodung verschwinden Lebensräume für Wildtiere und damit Wirte für die Viren. Genauso das Artensterben, dass begünstigt, dass Viren auf Menschen überspringen: Irgendwann verlassen sie ihre seit ewigen Zeiten angestammten Lebensräume und suchen sich neue – etwa den Menschen. Und der trägt den Erreger dann hinaus in wachsende Städte, oder per Flugzeug bis auf andere Kontinente. Die globale Mobilität, das Bevölkerungswachstum, die Klimaerwärmung und die veränderte Tierhaltung greifen unheilvoll ineinander.

Die Antwort lautet: „One health“.

Mensch, Tier und Umwelt hängen derart miteinander zusammen, dass der Weg zur Lösung nur mit vernetztem Denken geht. Unter dem Begriff „One Health“ – „eine Gesundheit“ für Tier und Mensch – bündeln sich gemeinsame Forschungsinitiativen von Humanmedizinern, Tierärzten und Umweltschützern. Ökologische Faktoren wie Klimaerwärmung und Massentierhaltung sowie Lebensmittelsicherheit sind mithin ausdrücklich einbezogen. Ziel ist ein fundamentales und systematisches Verständnis von Zoonose-Erregern in ihren Ökosystemen, um effektiv und schnell auf neue Erreger reagieren zu können. Zum Beispiel arbeiten seit Anfang 2020 etwa 40 Partner aus fast 20 Ländern im One-Health-Programm der Europäischen Union zusammen.

Das Artikelfoto zeigt das "Design" der Mundpartie einer Zecke - das erklärt, warum sie so schwer zu entfernen sind; Copyright National Institute of Allergy and Infectious Diseases / flickr.com

Kommentare

  1. Anonym

    Sehr guter Artikel,den viel mehr Menschen lesen sollten.

    vor 3 Wochen
  2. Müller

    Dem kann man nichts entgegensetzen !!

    vor 2 Wochen
  3. Karin Pohlmann

    Ich finde, es kommt zu wenig zur Sprache, dass eine Übertragung selbstverständlich auch umgekehrt, von Mensch auf Tier möglich ist, z.B. eine einfache Erkältung, die durch Bakterien übertragen wird.

    vor 2 Wochen
  4. Anonym

    ganz genau!!!

    vor 2 Wochen
  5. Anonym

    Und nun wird der Mensch auch das regulieren!

    vor 2 Wochen
  6. Anonym

    Das mag alles stimmen ,aber ich möchte nicht mehr was von alle dem hören lesen,dann darf man nur noch in Laborbekleidung durch das Leben gehen ,und schon mal überhaupt kein Tier halten !

    vor 2 Wochen
  7. Anonym

    ach Zensur auch noch ,ich sage dass was ich denke sorry

    vor 2 Wochen
  8. Alexander Strempel

    Der Mensch ist im Grunde ein Egoist und ganzheitliches Denken ist der Masse fremd, diese Eigenschaft gepaart nit einer gehörigen Portion von profilneurotischen Handlungsweisen z.b. gut zu erkennen bei den Politikern, die derzeit Entscheidungen im Rahmen der Pandemie treffen, sorgen dafür, dass dies immer eine Fiktion einer schönen vollkommenen Welt bleiben wird. Die Welt ist nicht zu retten!!!!!

    vor 2 Wochen
  9. Klaus

    Was man alles nicht weiß, stimmt hoffentlich, aber richtet sich ohnehin keiner danach?

    vor 2 Wochen
  10. Alexander Römer

    "Genauso das Artensterben, dass (das!) begünstigt, dass Viren auf Menschen überspringen: Irgendwann verlassen sie (die Viren) ihre seit ewigen Zeiten angestammten Lebensräume und suchen sich neue – etwa den Menschen." Die Aussage ist falsch. Die Viren suchen nicht aktiv. Richtig ist, dass dadurch, dass die Tiere ihre angestammten Lebensräume verlassen (müssen), der Mensch in Kontakt mit diesen Tieren mehr in Kontakt kommt und dadurch die Wahrscheinlichkeit für einen zuzufälligen Übergang eines bisher nur bei diesen Tieren beheimateten Virus auf den Menschen steigt.

    vor 2 Wochen
  11. Redaktion

    Danke für diese Hinweise, Herr Römer - wir haben die entsprechende Stelle dahingehend geändert.
    vor 1 Woche
  12. Annerose Kegel

    Toller aufschlussreicher Artikel. Vieles wusste ich nicht. Es ist gut manches nicht zu wissen. Aber wenn man ihren Artikel gelesen hat, kann man aufmerksamer durchs Leben gehen.

    vor 2 Wochen
  13. Anonym

    Panik und Angst verbreiten mediales Interesse beifallheischende Endzeitszenarien farbig dargestellt.
    Wo bleibt die Lebensfreude das Glück das Lachen ....

    vor 2 Wochen
  14. Cordula Klemm

    Zweieinhalb Milliarden Erkrankungsfälle jährlich durch Zoonosen? Das wäre ja mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung. Andererseits waren die schlimmen Epidemien der Geschichte auch nichts anderes - siehe die Pestzüge Mittelalters.

    vor 2 Wochen
  15. Sascha

    Warum fordert niemand eine massive Einschränkung der Nutztierhaltung

    vor 1 Woche
  16. Anonym

    Hierüber sollte die Menschheit nachdenken. Wir schaffen es die Erde kleinzukriegen

    vor 1 Woche
  17. Karel

    Die Rodungen der Regenwälder müssen unbedingt aufhören. Die Bauern dort müssen von den reichen Staaten unterstützt werden und die Großgrundbesitzer müssen staatlich kontrolliert werden damit der Anbau von Monokulturen zur Gewinnung von Palmöl, Soja usw.
    eingeschränkt wird. Auch den Rinderbaronen muss die zügellosen Brandrodungen untersagt und staatlich überwacht werden. Dazu muss man die Regime ins Boot bekommen. Das funktioniert nur wenn die reichen Staaten bereit sind sich hier zu engagieren.
    Politische Weitsicht ist hier angebracht um letztlich globale Katastrophen wenigstens einzuschränken.

    vor 1 Woche
  18. B. Mueller

    Ich hätte ja gerne noch die anderen Zoonosen gewusst! Gehören z. B. Leishmaniose, Staupe oder Pavovirose auch dazu..?

    vor 1 Woche
  19. Redaktion

    Lieber Herr Müller, eine gute Übersicht der in Deutschland aufgetretenen Zoonosen finden Sie auf den Seiten des Robert Koch-Instituts: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/Z/Zoonosen/Zoonosen.html. Dort wird Leishmaniose als Zoonose aufgeführt. Bei Staupe und Pavovirose sind hingegen nach kurzer Recherche unseres Wissens nach keine Übertragungsfälle auf den Menschen bekannt
    vor 1 Woche
  20. Ani

    Ich finde diesen Artikel sehr gut. Die Übertragungswege sind vielfältig und Menschen stecken genauso Tiere an.
    Mögliche Ursachen der Übertragung von Zoonosen, wie das Füttern von „zerhackten Fleisch“ an Kühe, die sich ausschließlich durch Pflanzen ernähren, die Globalisierung und so das Reisen, der Verzehr von Wildtierfleisch, die Rodung der Regenwälder, der unbegrenzter Einsatz von Pestiziden, um nur einen Teil zu erwähnen, können als Ursachen nicht oft genug benannt werden.

    vor 6 Tage
  21. Britt Jochimsen

    Der Beitrag bringt es auf den Punkt, doch nicht in die Köpfe der Menschen!
    Wollten wir die Massentierhaltung? Wollten wir, dass der Regenwald gerodet wird? Und und und! Sicher nicht! Es verdienen einschlägige Unternehmen mit deren riesigen Wasserkopf an diesen Missbrauch und Ausbeutung der Natur und somit der Erde.
    Es wurde schon vor jahrzehnten gewarnt, was passiert, wenn wir derart in die Natur eingreifen und trotzdem wird weiter gemacht! Allein die Mingfarmen in Dänemark und das Millardengeschäft mit China durch diese ekeleregenden Massenzucht und Tierquälerei ist ein Paradebeispiel!
    Alle wissen was passiert und alle gucken zu.
    Die Politiker sind von uns gewählte Vertreter um unsere Sicherheit zu gewährleisten, lässt aber aus Geld-und Machtgier so etwas zu.

    vor 5 Tage
  22. Anonym

    Sehr interessant Artikel, gut und klar geschrieben. Leider protestieren die Menschen gegen Lockdown statt sich zu informieren woher die coronavirus Pandemie kommt.

    vor 4 Tage
  23. Eva

    Globalität und Mensch hat positive alsauch negative Seiten. Der Mensch benutzt die Natur und lebt schon lange nicht mehr mit ihr im Einklang.
    Die globale Welt sollte man nicht nur für seine eigene Zwecke nutzen sondern dann auch gemeinschaftlich HANDELN. Entweder man ist für Globalisierung, dann aber als Einheit der Erde, oder man werkelt wieder jedes Land für sich. Ob Politik, Zerstörung, Klimawandel, Wirtschaft, Kriege und Glaubensrichtungen usw. , wir leben alle auf dem gleichen Planeten. Entweder wird er zerstört von Allen, oder alle arbeiten zusammen.

    vor 4 Tage

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