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Wie Pest, Cholera und die Spanische Grippe die Welt verändert haben

Pandemien und Epidemien schreiben sich ins Gedächtnis der Menschen und die Geschichte ein. Die Angst und der Schrecken der Vorfahren vor den Erregern der Epidemien und den Infektionskrankheiten, die durch die Seuchen verursacht wurden, lebt bisweilen Jahrhunderte weiter – etwa in Redewendungen wie „ich meide das wie die Pest“ oder "die Wahl zwischen Pest und Cholera".

Doch es gibt auch die andere Seite der Seuchen. Mit ihrer umwälzenden Kraft stoßen Pandemien Veränderungen bei Menschen an – setzen gesellschaftlichen Wandel in Gang, verändern Gefüge, öffnen Bahnen in die Zukunft. Sie verändern die Welt. Vier Beispiele.:

 

Pest_Epidemie_Seuche_Mensch_Zeit

In der Geschichte der Seuchen hat die große Pest fast ikonischen Status – so makaber es klingt. Denn die Infektionskrankheit – „schwarzer Tod“ genannt – forderte allein in der Epidemie der Jahre 1346 bis 1353 in Europa geschätzte 50 bis 80 Millionen Tote. Auch in den kommenden Jahrhunderten flackerte die Pest-Epidemie immer wieder lokal auf. Aufgrund des daraus resultierenden Mangels an Arbeitskräften erließ der englische König mit dem "Ordinance of Labourers" das erste Arbeitsgesetz überhaupt. England schaffte infolge der großen Pest als erstes Land Europas auch die Leibeigenschaft ab. Anderswo in Europa kletterten in den Städten die Löhne ebenso. Insgesamt stiegen in dieser Zeit mehr und mehr Menschen aus ärmeren Schichten auf. Parallel aber wuchsen die Lohnkosten, so dass eine Mechanisierung der Arbeitsabläufe lockte. Es kam eine Dynamik der Erfindungen in Gang – beispielsweise Buchdruck und Webstuhl.

 

Handelsstädte führten eine reaktive Abwehr von Gesundheitsgefahren und Krankheit ein. Vorreiter: Venedig. Schiffe mit Kranken an Bord mussten so lange auf Reede liegen, bis klar war, dass keine Ansteckungsgefahr von den Passagieren ausging, keine Infektionskrankheit eingeschleppt werden würde. Dann erst durften sie im Hafen andocken. Der Ausdruck Quarantäne stammt aus dieser Zeit. „Die Maßnahmen zur Seuchenabwehr im Inneren der Handelsstädte umfassten allgemein ausgerichtete Vorschriften mit gesundheitlichen (Neben-)Wirkungen, darunter etwa Vorschriften zur öffentlichen Ordnung der Stadt, zur Wasserversorgung, zur Straßenreinigung sowie Lebensmittel- und Marktordnungen“, so die Medizinhistoriker Heiner Fangerau und Alfons Labisch.

Pest_Epidemie_Seuche_Mensch_Zeit

Von Indien ausgehend, durchzogen im 19. Jahrhundert etliche Cholera-Epidemien die ganze Welt, 1832 erstmals auch in Westeuropa und den USA. In Deutschland starben etwa eine halbe Million Menschen infolge dieser Seuche. Die Politik wurde zum langfristigen Handeln gezwungen. „Die Angst vor der Cholera war die große Peitsche“, wie es der Historiker Thomas Nipperdey ausdrückte. Kanalisation und Wasserreinhaltung, penible Trennung von Abwässern und Trinkwasser, um Krankheiten zu vermeiden, wurden modern. 1869 gründete sich der Niederrheinische Verein für öffentliche Gesundheitspflege. Der Verein befasste sich mit nahezu allen Fragen der Hygiene zum Schutz vor Krankheit und hatte maßgeblichen Einfluss bis hin zur Gesetzgebung.

 

Charakteristikum war die Kooperation über berufliche Grenzen hinweg: Bürgermeister, Ärzte, Wissenschaftler, Techniker arbeiteten zusammen. 1873 folgte der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege. „Durch die bis dahin unvorstellbar großen, präventiv ausgerichteten Investitionen in die gesundheitliche Infrastruktur der Städte – Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, Wohnungswesen, Nahrungsmittelversorgung, Straßenbau, Gewerbehygiene, Schlachthäuser, Markthallen, Müllabfuhr etc. – wurde die präventive Gesundheitssicherung zu einem eigenen Politik-, Wirtschafts- und Verwaltungsfeld“, so die Medizinhistoriker Fangerau und Labisch.

Pest_Epidemie_Seuche_Mensch_Zeit

Etwa 50 Millionen Menschen – manche schätzen die Zahl der Opfer sogar auf 100 Millionen – sind zwischen 1918 und 1920 an dem Erreger der Spanischen Grippe gestorben. Die Pandemie, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney in ihrem Buch „1918 – die Welt im Fieber“, beeinflusste den Verlauf des Ersten Weltkriegs und trug möglicherweise zum Zweiten Weltkrieg bei. Sie brachte Indien der Unabhängigkeit näher, Südafrika der Apartheid und manövrierte die Schweiz an den Rand eines Bürgerkriegs. Sie führte [...] zu unserem Bedürfnis nach frischer Luft und zu unserer Leidenschaft für Sport [...].“

 

Zwar hatte mit Österreich ein Land schon vor Ausbruch der Pandemie ein staatliches Gesundheitssystem eingeführt. Doch wuchs mit der Spanischen Grippe in vielen Ländern die Einsicht, dass die Gesundheitsversorgung der Menschen eine zentrale staatliche Aufgabe sei. International entstand nach dem Massensterben durch die Influenza-Krankheit die Gesundheitsorganisation des Völkerbundes – also eine Art Vorläufer der heutigen WHO.

 

Typhus

Der Typhus wütete im 19. und 20. Jahrhundert auch in Deutschland immer wieder. Die ethische Grundhaltung des medizinischen Universalgenies Rudolf Virchow wurde früh geprägt durch seine Erfahrungen der Typhus-Epidemie 1848 in Oberschlesien (in Wirklichkeit eine Fleckfieber-Epidemie). Hier begriff Virchow, wie soziale Hintergründe Erkrankungen und Epidemien beeinflussen und wie bessere Lebensverhältnisse Krankheiten verhindern können. So forderte der Ausnahme-Arzt zeitlebens Bildung, Freiheit und Wohlstand. Der Typhus-Epidemie in Gelsenkirchen 1901 führte auch dazu, in Deutschland Leitungswasser in den Status eines Nahrungsmittels erhoben – mit strenger Kontrolle.

 

Quelle: 

Heiner Fangerau und Alfons Labisch: Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Verlag Herder 2020.

 Copyright Artikelfoto: Keystone / gettyimages.de

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