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„Man kann viel mehr vorsorgen“

Mit zehn Thesen fordert eine breite Allianz, Gesundheitsvorsorge auf ein ganz neues Niveau zu heben. Die sogenannte ‚Berliner Erklärung‘ wurde nun auf dem virtuellen Hauptstadtkongress vorgestellt. Ein Gespräch mit dem Schirmherrn der Initiative, Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. 

Wieso braucht es zehn Thesen zur Vorsorge, wir haben doch schon ein Präventionsgesetz?

Zwischen „Prävention“ im herkömmlichen Sinn und „Vorsorge“ in unserem Sinn gibt es einen Unterschied. Prävention denkt zumeist noch von Gesundheit und dem Gesundheitswesen aus. Das Präventionsgesetz von 2015 ist trotz des Verweises auf soziale Ungleichheiten oder Lebenswelten zu eng definiert. Man kann sehr viel mehr machen. Unsere zehn Thesen zur Vorsorge gehen daher über diesen Präventionsrahmen hinaus. 

Was kann man „viel mehr machen“?

Die Politik anderer Ressorts ist manchmal für das Thema ‚Gesundheit‘ genauso wichtig wie der Entscheidungsspielraum des Gesundheitsministers. Indem sich der Verkehrsminister mit Radwegen befasst, entscheidet er über Gesundheit. Indem die Agrarministerin für Lebensmittel zuständig ist, bestimmt sie über Gesundheitschancen. Bildung, Arbeit, Wissenschaft – das ließe sich durch alle Resorts fortsetzen. Gerade die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, dass das Thema systemisch relevant ist. Gesundheit steht bis hin zur Kanzlerin auf der Tagesordnung. Das müssen wir bewahren. Die Forderung nach ‚Gesundheit in allen Politikfeldern‘ gab es allerdings schon vor Corona. Nun ist uns die Bedeutung dieser Forderung noch einmal deutlicher vor Augen geführt worden.

Ressortübergreifend an Gesundheit denken – auch ohne Pandemie?

Ja klar. Wir haben ein Klimakabinett. Wieso nicht auch dauerhaft ein Gesundheitskabinett statt nur eines temporären Corona-Kabinetts?

Was sollte das Gesundheitskabinett denn als erstes angehen?

Zunächst müssen wir noch besser wissen, wo Bedarf besteht. Dafür brauchen wir eine viel konsequentere Datenverfügbarkeit und -nutzung. Ich meine eine echte Gesundheitsberichterstattung, die nach regionalen, demografischen Gesichtspunkten schaut, wo es welche Erkrankungen gibt: Ist die Zahl der Atemwegserkrankungen in Gebieten mit höherer Feinstoffbelastung höher? Haben wir regional mehr Krebsfälle? Das sind ganz banale Fragen, von denen der Bürger auch denkt, dass sie irgendwer untersucht. Macht aber keiner.

Aufgrund solcher Daten würden Sie dann regional gegensteuern?

Ich würde erst einmal auf Ursachenforschung gehen: Wieso unterscheidet sich die Gesundheit einer bestimmten Personengruppe hier von einem anderen Landkreis? Liegt das daran, dass sie weniger Hausärzte haben? Oder die Hausärzte weniger mit ihren Patienten reden? Oder sind es Umweltfaktoren? Und dann, ja: individuelle Antworten. In der Gesundheit gibt es nicht für alle eine Standardlösung. Und es ist auch nicht in einem Jahr genauso wie in einem anderen. Da kann man nicht dogmatisch rangehen.

Worauf werfen die Thesen der ‚Berliner Erklärung‘ noch das Licht?

Wir haben insgesamt zehn Leitprinzipien formuliert, samt Vorschlägen für konkrete Maßnahmen. Dazu gehört auch der Gedanke der „Quartärprävention“, nämlich der Schutz vor zu vielen unnötigen Gesundheitsleistungen. Auch zu viel Medizin ist gesundheitsgefährdend. Oder das Thema „Impfungen“ bei medizinischem Personal. Gesundheitsberufe sollten da selbst eine gewisse Vorbildrolle einnehmen. Bei der Grippeimpfung beispielsweise sind sie selbst weit entfernt von den empfohlenen 75 Prozent Geimpften. Gesundheit braucht auch eine viel höhere Sichtbarkeit. Das reicht von einer gesundheitsfördernden Stadt- und Raumplanung über eine höhere Besteuerung gesundheitsschädlicher Produkte bis zur Aufwertung von nicht-medizinischen Gesundheitsberufen. Medizinische Fachangestellte, Pflegekräfte, Apotheker und andere Fachberufe könnten einen größeren Beitrag in der Prävention leisten. Und Ärzte selbst brauchen viel mehr Zeit, um mit ihren Patienten über Prävention zu sprechen.

Gibt es Länder, die in der Vorsorge eine Vorreiterrolle einnehmen?

Die skandinavischen Länder zum Beispiel. In Schweden sehen Sie am Preis des Biers, wie viel Alkoholgehalt es hat, da brauchen Sie gar nicht mehr auf die Flasche schauen. Dänemark und Norwegen haben gute Radwegenetze in Städten. Solch eine Förderung gesunden Verhaltens kann man dann wieder an der Gesundheitsstatistik ablesen: Seit 1990 ist bei uns die Krankheitslast durch vorzeitigen Tod und Lebensjahre mit gesundheitsbedingter Beeinträchtigung bei uns um 10 Prozent zurückgegangen, in Dänemark um 20 Prozent - und in Norwegen sogar um 30 Prozent. 

 

 

 

Die Berliner Erklärung wurde von einem breiten Bündnis gesundheitspolitischer Akteure entwickelt. In drei interdisziplinären Zukunftswerkstätten haben rund 40 Experten Hebel für eine wirkungsvollere Gesundheitsvorsorge identifiziert und Vorschläge für Maßnahmen entwickeln, die den Stellenwert der Vorsorge erhöhen sollen. Angestoßen wurde die Initiative im Frühjahr 2019 von Springer Medizin (Ärzte Zeitung) und dem forschenden Pharmaunternehmen Pfizer.

 

 

Foto: bit.it/photocase

Haben Sie die 10 Schritte der „Berliner Erklärung“ zu einer zukunftsfähigen Gesundheitsvorsorge schon gelesen? Teilen Sie hier, was Sie darüber denken!

Kommentare

  1. Anonym

    Es wird dringend Zeit mehr für die Prävention in der Gesundheit zu tun und dies nicht nur dem Bürger zu überlassen!

    vor 3 Wochen
  2. Anonym

    Ich wohne in Weimar.Habe seit einiger Zeit keinen Hausarzt mehr(aus privaten Gründen),putze seitdem Klinken bei Weimarer Hausärzten-werde immer wieder von den Praxisschwestern abgewießen.Oftmals sogar sehr ungezogrn!
    Bin Medikamenten pflichtig.Kassenärztliche Vereinigung nicht zu erreichen!Krankenkasse(TK) nicht zu erreichen.
    Versteht man das als Gesundheitsvorsorge????

    vor 2 Wochen
  3. Dr. Lorenz Eberle

    "Die angeforderte Seite konnte nicht gefunden werden." Ansonsten besteht der Text aus viel Husch und Pfusch. Ein nettes Motiv. Aber inhaltlich nur rudimentär durchdacht.

    vor 2 Wochen

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