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Krank ohne Krankenversicherung

In Berlin kümmert sich die „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ um jene ohne Schutz. Die Zahlen steigen. Das Bewusstsein dafür steigt auch.

Auf den ersten Blick erkennt man nicht die Warteschlange vor diesem bescheidenen Zweistöcker mit verputzter Fassade in altem Weiß. Mehrere Meter voneinander entfernt, als hätten sie alle nicht das gleiche Ziel, stehen acht Leute auf dem Bürgersteig. Schauen auf ihre Handys oder in ihre Plastiktüten und immer wieder auf die Glastür, wenn sie sich öffnet – einzeln hereingelassen werden hier die Patienten der „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“ (MMM). Ein kurzer Check bei einer Schwester auf Hinweise von Covid-19, dann geht es hinauf in den ersten Stock, vorbei an den Räumen für Pädiatrie, Internistik und Gynäkologie. „Vor Corona hatten wir 700 Patienten im Monat“, empfängt Praxismanagerin Felicitas von Wietersheim, „nun sind es 360“.

MMM bietet seine Dienste in der Hauptstadt seit 2001 an. Die Türen öffnen sich für jene, die keine Krankenversicherung (KV) haben. Die wenigsten sind obdachlos – für sie gibt es in der Stadt andere, die sich um sie kümmern. Hierhin kommt, wer als EU-Bürger in Deutschland wohnt, arbeitet und Steuern zahlt, aber keinen richtigen Versicherungsschutz aus dem Heimatland mitbringt, zuweilen auch Studierende mit einem Auslandssemester. Und dann gibt es viele Selbständige, die ihre private KV nicht mehr bezahlen können, weil sie mit ihrer Unternehmung durch schwere Zeiten segeln, sie wie eine Art Sparbüchse benutzen. Die jüngste Mikrozensus-Umfrage, bei der jeder hundertste Bundesbürger befragt wurde, zeigt: Statistisch lässt sich auf eine Zunahme der Versicherungslosen von 79.000 im Jahr 2015 auf 143.000 im Jahr 2019 schließen.

Immer mehr Patienten ohne Versicherung

Die Hintergründe können nur vermutet werden, es gibt keine konkreten Hinweise. Aber auch MMM hat immer mehr zu tun. 2016 wurden hier rund 6000 Patienten versorgt, 2019 waren es knapp 8000. „Das hat nichts mit den Fluchtbewegungen von 2015 nach Deutschland zu tun“, bilanziert von Wietersheim. Denn Asylbewerber agieren innerhalb des Versicherungssystems auf behördlich organisierten Bahnen. Die 53-Jährige macht insgesamt einen Wandel aus: „Da ist zum einen die gestiegene Mobilität in der EU – mehr Leute versuchen ihr Glück in Deutschland und stranden zuweilen. Und zum anderen stellt man sich mehr dem Thema, hat ein verbessertes Problembewusstsein.“ Dies führt zu mehr Angeboten und zu mehr Patienten, die ansonsten in keiner Statistik auftauchen, sondern still leiden.

Im Wartezimmer sitzt Omar* aus Jordanien, mit seiner Familie zog er vor acht Jahren nach Deutschland. Er kommt wegen Bauchschmerzen, die er vor zwei Wochen hatte, jetzt gibt es eine Nachsorge. „Ich hatte psychische Probleme“, sagt der Anfangzwanziger, „da hab ich das mit der Krankenversicherung nicht auf die Reihe gekriegt“. MMM wird zu fast 50 Prozent vom Berliner Senat finanziert, den Rest bilden Spenden. Von Wietersheim, eine Sozialarbeiterin und ein Arzt arbeiten Teilzeit, dazu kommen vier Schwestern in geringfügiger Beschäftigung und 28 Ehrenamtliche: 24 Ärzte und vier Schwestern. „Das machen wir ehrenamtlich“, sagt Stefan Crusius. Der pensionierte Zahnarzt arbeitet hier aus „Spaß am Beruf“. Irgendjemand müsse sich ja um die Leute kümmern. Wegen Corona kann die fachärztliche Behandlung nur nach Termin stattfinden – eine Hemmschwelle für manchen. Eine offene Sprechstunde gibt es noch für Allgemein- und internistische Medizin. Früher waren die Flure oft überfüllt. Heute müssen die Leute wegen der Abstandsregelungen draußen warten.

„Wir haben ein Interesse“, sagt von Wietersheim, „das ist die akute Gesundheitslage der Patienten, die zu uns kommen. Wir wollen, dass es ihnen besser geht. Mehr wollen wir von ihnen nicht wissen.“ Zu ihnen kommen die arbeitsintensiveren Fälle, jene, bei denen die Patienten wissen: Von allein geht es nicht mehr weg. Heißt: entwickelte Krankheitsbilder, nicht selten schwere Diabetes und Herz-Kreislauf-Probleme – unter deren verschleppter Behandlung nicht nur die Erkrankten leiden, sondern auch die Kosten nur noch steigen. „Länder wie Berlin haben den Fakt dieser Versicherungslosen erkannt“, sagt von Wietersheim, „sie stellen sich ihrer Verantwortung“ Aber noch mangele es bei der Dringlichkeitsversorgung an vielem.

 

*der Name wurde auf Wunsch des Zitierten von der Redaktion geändert

 

Foto: Behandlungssituation des Patienten Heinz T., der 23 Jahre nicht beim Arzt war, weil er nicht krankenversichert ist. Copyright: Malteser/Julian Stähle Wer sich übrigens ehrenamtlich bei den Maltesern engagieren möchte, findet hier mögliche Tätigkeitsbereiche: https://www.malteser-berlin.de/

 

Kommentare

  1. Wilfried Leifeld

    Ich finde das sehr Gut was ihr da macht solche Menschen müßte es viel mehr geben

    vor 2 Wochen
  2. Anonym

    Ja da rutscht man ganz schnell rein , zb. Ablehnung des Antrages auf Arbeitslosen Hilfe 2 .....toll ist es dann , keine Krankenversicherung aber die Beiträge laufen weiter ,dadurch dann auch noch hoch verschuldet , Teufelskreis aus dem man nicht mehr raus kommt . Es ist sehr schön und bewundernswert das es solche Menschen gibt

    vor 2 Wochen
  3. Anonym

    Die Vorstellung, keine Versicherung zu haben, ist extrem beängstigend. Ich würde mir wünschen, dass dagegen etwas unternommen wird, dass so etwas möglich ist. Toll, dass es freiwillige Helfer gibt.

    vor 2 Wochen

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