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Ganz ohne Zwang: 5 Ideen, die Impfquoten zu steigern

Dr. Mathias Krisam ist Mediziner und leitet die Beratungsagentur „läuft“. 2020 ist sein Whitepaper „Impfquoten in Deutschland einfach und effektiv steigern mit Behavioural Insights“ erschienen.

Die Impfquoten in Deutschland sind niedrig. Das liegt nicht etwa daran, dass die Bürgerinnen und Bürger nichts davon halten; gerade mal 2,6 Prozent sind erklärte Impfgegner. Es scheitert eher am Aufwand, der betrieben werden muss, so der Mediziner und Fachmann für Verhaltensmuster, Dr. med. Mathias Krisam. „Gesundheitsverhalten ist stark in Routinen eingebettet. Viele Entscheidungen treffen wir unbewusst“, so Krisam. „Wir müssen es den Menschen leichter machen: Es reicht nicht, einfach nur Informationen zu Impfungen herauszugeben, denn das spricht nur die bewusste Ebene an.“ Menschliches Handeln werde aber in einem hohen Ausmaß von nicht-rationalen Faktoren bestimmt, von Routinen, der Außenwelt. „Entsprechend müssen wir es ihnen leichter machen und intuitiver vorgehen“, so Krisam, der auch Unterzeichner der soeben veröffentlichten „Berliner Erklärung“ ist, einem Zehn-Punkte-Plan für eine wirkungsvollere Gesundheitsvorsorge der Zukunft. Fünf Ideen von ihm, wie Impfungen leichter zugänglich werden – basierend auf der so genannten Verhaltenswissenschaft (Behavioral Insights).

1. Bessere Information: Möglichst individuell und überall verfügbar

Informationen zu Impfungen gibt es im Internet reichlich. Nur: Meist geht es ums Impfen an sich, um die Krankheit und mögliche Nebenwirkungen. Zu starker Fokus auf Edukation aus Sicht der Verhaltenswissenschaft. Statt Futter für den Kopf braucht es mehr praxistaugliche Features: Anhand von Alter, Geschlecht und weitere persönlichen Indikatoren feststellen, welche Impfung ansteht. Oder mal eben checken, wogegen man sich für ein bestimmtes Reiseland impfen lassen sollte. Daneben gleich die Suchfunktion, wo’s diese Impfung in der Nähe gibt. Zum Beispiel beim Arzt – oder auch im Krankenhaus, der Apotheke oder auf dem Gesundheitsamt. Außerdem Online-Entscheidungshilfen, ob eine diese Impfung im persönlichen Fall Sinn macht – wie die bereits bestehenden Faktenboxen der AOK.

2. Impfpass: besser verständlich und endlich digital

Der Impfpass gleicht bisweilen einem abstrakten Kunstwerk. Da brüten nicht nur Laien, sondern schon auch mal medizinische Fachleute darüber, um den aktuellen Impfstatus herauszulesen. Neue Impfpässe sollten daher viel übersichtlicher gestaltet werden und chronologisch aufgebaut sein. Außerdem: endlich der digitale Impfpass – integriert in der elektronischen Patientenakte. Schluss mit der Impfpass-Sucherei.

3. Weniger Verpassen: Digitale Tools zur Erinnerung nutzen

Man war bereits bei der Impfung, jetzt steht die Auffrischungsimpfung an – und man kommt einfach nicht dazu oder hat sie schlicht vergessen: Durch die Bank fallen bei Auffrischungsimpfungen, die Impfraten bei so genannten Follow-up-Impfungen, niedriger aus. 35 Prozent der Erwachsenen geben an, dass sie schon mal ihren Impftermin verpasst oder vergessen haben. ‚Reminder‘, digitale Erinnerungshilfen sind hier genauso nützlich wie Online-Portale, auf denen durch die Eingabe des Geburtsdatums die jeweiligen Impftermine abrufbar sind – am besten mit automatischer Integration in den eigenen Kalender. Auch Ärzte könnten durch Software daran erinnert werden, nach dem Impfstatus zu fragen. Studien zeigen, dass die Impfquoten dann steigen.

4. Das Impfen leichter machen: Die Schutzimpfung in der Apotheke oder im Supermarkt

Termin vereinbaren, in die Praxis fahren, dort warten: Eine Impfung bedeutet Aufwand. Das lässt sich ändern, etwa indem die Möglichkeit geschaffen wird, diese Schutzmaßnahme quasi nebenbei zu erledigen. Zum Beispiel durch Grippeschutzimpfungen in Apotheken, was bereits in Modellprojekten erprobt wird. Oder – ähnlich wie Reiseschutzimpfungen, die es schon lange in Outdoor-Läden gibt – Impfungen durch medizinisches Fachpersonal in Supermärkten, Drogerien oder Baumärkten. Weitere Idee: Impftage. Und eine standardmäßige Impf-Einladung wie zur Krebs-Früherkennung.

5. Höhere Attraktivität: Belohnungen für alle!

Der Mensch liebt es, das zu tun, was einfach ist und wenn damit eine positive Konsequenz verbunden ist. Deshalb könnten Belohnungen für Patienten wie für Ärzte einen Beitrag zu höheren Impfquoten leisten. So könnten Krankenkassen Boni für Versicherte erwägen, um Anreize zu schaffen. Und Kassenärztliche Vereinigungen könnten Folgeimpfungen höher honorieren als Erstimpfungen. Und auch das so genannte Framing spielt eine Rolle: Stellt man die Inanspruchnahme einer Grippeschutzimpfung als Möglichkeit dar, Versicherungsleistungen auszunutzen, ist die Impfbereitschaft um zehn Prozent höher als gegenüber der primären Darstellung von gesundheitlichen Vorteilen. Genauso steigt die Impfbereitschaft, wenn man den Schutz der anderen vor den eigenen Schutz vor Erkrankungen in den Vordergrund rückt.1

Interessiert Sie das Thema?

Impfquoten durch Nudging steigern – darum geht es auch in der #Nudge2020-Konferenz, initiiert von Dr. Krisam, aka Dr. Nudge. Am 8. Oktober von 15.00 bis 16.00 Uhr diskutiert er das Thema mit weiteren Experten, unter anderem aus der Ständigen Impfkommission. Hier geht es zur Anmeldung: https://www.laeuft.eu/konferenz-nudging-und-gesundheit/

1 Betsch, Cornelia; Böhm, Robert; Korn, Lars (2013): Inviting free-riders or appealing to prosocial behavior? game- theoretical reflections on communicating herd immunity in vaccine advocacy. In: Health psychology : official journal of the Division of Health Psychology, American Psychological Association 32 (9), S. 978–985. DOI: 10.1037/a0031590.

Copyright Artikelfoto: Astonishing / photocase.de

Kommentare

  1. Wolfgang Jeschke

    Wenn Sie schreiben, die Impfquoten seien niedrig, sollten Sie internationalen Vergleichszahlen anhand belastbarer Quellen liefern. Diese sagen nämlich etwas anderes aus. Nach Frankreich hat Deutschland die höchste Impfquote in Europa. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1034782/umfrage/laender-… Im Auftrag des Impfherstellers und Seitenbetreibers Pfizer verbreiten Sie vorsätzlich Unwahrheiten. Das ist nicht gut.

    vor 2 Wochen
  2. Redaktion

    Im internationalen Vergleich sind die Impfraten bei Kindern hierzulande tatsächlich relativ hoch. Die Masernausbrüche der vergangenen Jahre zeigen aber beispielhaft, dass es weiterhin Nachholbedarf gibt. Wesentlich schlechter sieht es aber bei den Impfraten von Erwachsenen aus, zum Beispiel bei der Grippeimpfung: Hier ist Deutschland mit Impfraten von rund 35% eines der Schlusslichter in Europa. Das hat auch die Nationale Lenkungsgruppe Impfen festgestellt: https://www.nali-impfen.de/fileadmin/pdf/Poster_Influenza_Impfquoten_BVOEGD_2019.pdf
    vor 1 Woche
  3. Anonym

    Im Osten wurden im Vergleich zum Westen schon immer mehr geimpft. Warum war das so?

    vor 1 Woche

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