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Covid-19: Arbeitslose sind stärker betroffen

Armut macht krank. Das ist weithin bekannt. Nun zeigte eine Studie aus Düsseldorf, dass auch bei der Covid-19-Erkrankung prekäre Lebensverhältnisse mit einem höheren Risiko verbunden sind: Langzeitarbeitslose sind demnach im Frühjahr 2020 fast doppelt so häufig wegen des Virus im Krankenhaus behandelt worden als Erwerbstätige. Ein Gespräch mit einem der Studienleiter und Medizinsoziologen Prof. Dr. Nico Dragano. 

Herr Prof. Dragano, Langzeitarbeitslose hatten in der Krise im Frühjahr in Deutschland ein um 84 Prozent erhöhtes Risiko für einen COVID-19-bedingten Krankenhausaufenthalt als die erwerbstätige Bevölkerung. Warum ist das so?

Bislang haben wir nur Vermutungen, eine genauere Analyse muss noch folgen: Ein Grund könnte sein, dass Langzeitarbeitslose vermehrt unter chronischen Erkrankungen leiden, die einen schweren Verlauf von Covid-19 begünstigen. Es ist vielfach belegt, dass es besonders Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem sozialen Status gesundheitlich schlechter geht als Menschen, die bessergestellt sind. Sie leiden häufiger unter Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch in normalen Zeiten ist Armut also stark mit Gesundheit assoziiert – und jetzt trifft "Corona" auf Bevölkerungsgruppen, die ohnehin schon eine schlechtere Gesundheit haben. Es kann aber auch noch andere Auslöser in dieser Corona-Situation gegeben haben.

Welche?

Bei Patienten, die unter schwierigen Bedingungen leben, könnten Ärzte womöglich stärker dazu neigen, sie ins Krankenhaus zu überweisen. Weil sie sich sagen: ‚Die haben zu Hause gar nicht die Ressourcen, um die Krankheit ordentlich auszukurieren.´

Haben Menschen in prekären Lebensumständen in der Krise auch ein höheres Infektionsrisiko?

Dafür gibt es Indizien. In den ärmeren Vierteln von New York ist die Zahl der entdeckten Corona-Infektionen, der Krankenhauseinweisungen und die Sterblichkeit vergleichsweise hoch. Das gleiche Muster zeigen Auswertungen aus England: aus benachteiligten Wohngebieten wurden deutlich mehr Todesfälle in Folge einer Covid-19-Erkrankung gemeldet als andernorts. Auswertungen der UK-Biobank zeigten, dass Menschen ohne Bildungsabschluss im Vergleich zu jenen mit hoher Bildung fast doppelt so häufig positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Sie erkrankten womöglich häufiger, weil sie in beengten Wohnverhältnissen wohnen, weil sie wegen eines unsicheren Jobs unter allen Umständen zur Arbeit gehen oder weil sie gar nicht die Chance haben, Homeoffice zu machen. Auch diese erhöhte Häufigkeit von Infektionen könnte die vermehrten Krankenhausaufenthalte erklären.[1]

Sie sagten, dass Armut auch in normalen Zeiten ganz stark mit Gesundheit assoziiert ist, nicht nur jetzt, während der "Corona" …

Ja, sie ist ein Gesundheitsrisiko und zwar in allen Altersklassen. Das beginnt schon direkt nach der Geburt: Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien sind häufiger gesundheitlichen Risiken ausgesetzt und haben häufiger körperliche und psychosoziale Entwicklungsstörungen wie Übergewicht, motorische Defizite, ADHS und Depressionen. Die Zahngesundheit dieser Kinder ist schlechter, sie rauchen häufiger oder machen weniger Sport. Die gesundheitlichen Unterschiede ziehen sich dann durch alle Lebensphasen und es gibt kaum eine Erkrankung, die nicht in irgendeiner Form sozial ungleich verteilt ist. Das alles schlägt sich auch in der mittleren Lebenserwartung nieder: Männer aus der höchsten Einkommensgruppe leben 8,6 Jahre länger als jene aus der niedrigsten; bei Frauen beträgt der Unterschied noch 4,4 Jahre. [2]  

Weshalb belastet Armut so besonders stark die Gesundheit?

Weil Gesundheit viel mit den verfügbaren Ressourcen zu tun hat. Wer genug Geld hat, kann sich leichter gesund ernähren, sich Sportangebote leisten und in einer gesunden Wohnung in einer gesunden Umgebung leben. Wer besser gebildet ist, hat in der Regel einen Job, der weniger körperlich und psychisch belastend ist. Anders bei Armen: Armut und auch Arbeitslosigkeit selbst sind eine psychische Belastung, weil dies keine angenehme Situation ist. Existenzielle Sorgen sind Stressfaktoren und diese können sich dann wiederum in psychischen und körperlichen Erkrankungen niederschlagen.  

Sind sich die betroffenen Menschen eigentlich ihres besonderen Gesundheitsrisikos bewusst?

Bei Veranstaltungen von uns mit Menschen in Armut oder Arbeitslosigkeit hat sich gezeigt, dass die Menschen schon sehr genau sehen, dass die schwierige soziale Lage, in der sie sind, nicht gut für ihre Gesundheit ist. Sie fühlen die Belastung, aber etwas an der Situation zu ändern, ist für den Einzelnen, der da drinsteckt, extrem schwierig. Ich glaube, dass oft das Gefühl aufkommt, dass man ohnehin nichts ändern kann. Und dass es extrem viel Kraft kostet, sich dagegen aufzulehnen. Gerade wird bei der Corona-Pandemie auf gesellschaftliche Solidarität gesetzt – das sollte eigentlich für Gesundheit insgesamt gelten. Wir müssen gesellschaftliche Solidarität auch hier einfordern. Wir müssen die Menschen, die es eben nicht so gut getroffen haben, unterstützen. Schließlich geht es dabei nicht um Lappalien – das zeigen allein die angesprochenen Unterschiede von Armen und Reichen bei der Lebenserwartung.    

Was könnte man in Deutschland konkret gegen diese Ungleichheit tun?

Zunächst einmal brauchen wir in unserem Land ein besser ausgebautes Public-Health-System. Besonders während der Pandemie wird jetzt deutlich, dass die Gesundheitsämter als Träger der öffentlichen Gesundheit unterbesetzt sind. Schon seit Jahren fordern Experten einen Ausbau der öffentlichen Gesundheit und einen Ausbau der Prävention, insbesondere auch, um vulnerable Gruppen im Land besser zu schützen – und das ist bisher versäumt worden. Zum anderen brauchen wir für eine bessere Gesundheit eine gesellschaftliche Gesamtstrategie, die alle Politikfelder einbezieht – also ‚Health in all Policies‘. Denn Gesundheit wird häufig in Bereichen produziert, die nicht auf den ersten Blick mit Gesundheit in Verbindung gebracht werden. Beispiel Bildungspolitik: Bildungsungerechtigkeiten bei Kindern führen später zu sozialen Ungerechtigkeiten, die dann wiederum mit gesundheitlichen Ungerechtigkeiten assoziiert sind. Aber auch die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft ist gefragt – das Thema betrifft uns alle. 

Glauben sie, dass die Befunde über Corona und Armut das Thema ‚Gesundheitliche Chancengleichheit‘ voranbringen werden?

Mit Blick auf die Vergangenheit bin ich eher skeptisch: Die sozialen Ungleichheiten der Gesundheit gibt es, seit diese regelhaft gemessen werden – also seit rund 60 Jahren. Seither hat sich wenig geändert, obwohl es viele Appelle gab. Generell muss man sagen, dass es sich dabei nicht um ein Phänomen in unserem Land handelt, sondern um ein universelles Muster der Bevölkerungsgesundheit. Es gibt also auch Verbesserungsbedarf in anderen Ländern und die Ursachen, die struktureller Natur sind, sind auch gestaltbar: Der britische Gesundheitswissenschaftler Richard G. Wilkinson hat in mehreren Arbeiten gezeigt, dass die Bevölkerungsgesundheit insgesamt besser wird, wenn ein Land egalitärer ist, also zum Beispiel das Einkommen gleicher verteilt ist und die Bildungschancen gerechter sind.   

 

 

  

Studie: Arbeitslose Menschen und Covid-19  

In einer gemeinsamen Analyse haben die AOK Rheinland/Hamburg und das Institut für Medizinische Soziologie des Universitätsklinikums Düsseldorf untersucht, ob Menschen in Arbeitslosigkeit (ALG I und ALG II) im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 4. Juni 2020 häufiger als erwerbstätig Versicherte mit einer COVID-19-Erkrankung in einem Krankenhaus behandelt werden mussten. Dafür wurden die Daten von mehr als 1,3 Millionen Versicherten betrachtet. Die Analyse ergab, dass Arbeitslosengeld II-Bezieher ein um 84 Prozent erhöhtes Risiko für einen COVID-19-bedingten Krankenhausaufenthalt hatten. Bei Arbeitslosengeld I-Empfängern war das Risiko um 17,5 Prozent erhöht.

Quellen:

[1] https://www.public-health-covid19.de/images/2020/Ergebnisse/Hintergrundpapier_SozUngl_COVID19_final.pdf

[2]https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/JoHM_01_2019_Soz_Unterschiede_Mortalitaet.pdf?__blob=publicationFile

 

Foto: Schlick / Photocase

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