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„Einen anderen Stil, bitte!“

Warum verbinden wir gesundes Verhalten so oft mit Disziplin und Mühe? Darf es auch etwas leichter sein? Ein Gespräch mit dem Mediziner Dr. Mathias ­Krisam. Als Experte für „Nudging“ möchte er Gesundheit einladender gestalten.

Ein Nudge ist im Wortsinn ein Stups. Was soll gestupst werden?

Dr. Mathias Krisam: Der Mensch soll zu einem gesunden Verhalten angeregt werden. Ein Nudge ist eine Ergänzung zu anderen Public-Health-Instrumenten wie zum Beispiel Gesetze oder auch wirtschaftliche Anreize. Wenn ich Obst auf Augenhöhe setze, ist das ein Nudge. Fast Food zu verbieten oder eine Zuckersteuer zu erheben, wären hingegen keine Nudges.

Sie sagen, gesundes Verhalten kann Spaß machen.

Ja, denken Sie an das Spiel Pokémon Go, das brachte Jugendliche raus in die Parks. Die klassischen Präventionsmaßnahmen setzen viel zu oft nur auf der rationalen Ebene an. Viele denken immer noch, alles sei eine Frage der Information. Dabei weiß in der Regel jeder Raucher, dass Rauchen schädlich ist. Viele wissen, dass sie sich zu wenig bewegen oder zu wenig schlafen. Vielleicht schafft man es einfach nicht zu Sport- oder Gesundheitskursen, weil man Kinder versorgen muss. Das müssen wir uns anschauen und verstehen. Wo stehen die Menschen wirklich? Und dann sollten wir auch einen viel positiveren Kommunikationsstil wählen, nicht immer die Moralkeule schwingen oder Gesundheitsförderung als Verzicht verstehen.

Wo würden Sie ansetzen?

Gesundheit ist stark in unsere Routinen eingebettet, da können wir viel tun. Liegt in Supermärkten und Kantinen das Gesunde vorn? In Berlin haben wir gemeinsam mit der Kreativagentur Peix im Herbst am Bahnhof Zoo für die Nutzung der Treppe anstelle der Rolltreppe geworben (#treppegehtimmer). Mit Slogans wie: „Leider steil, leider geil“ oder „Beim inneren Schweinehund hört der Tierschutz auf“. Davon brauchen wir mehr.

Also Werbung für Gesundheit?

Wieso nicht? Die grundlegende Methodik ist die gleiche. Softdrink-Hersteller inszenieren ihre Produkte ja auch mit hübschen Menschen und Coolness. In diesem Sinne sollten auch Nudges funktionieren und so gesundes Verhalten einfacher und attraktiver machen. Der Unterschied zur Werbung liegt dann primär im jeweiligen Ziel: Bei dem einen geht es um höheren kommerziellen Absatz, bei dem anderen um die Förderung der Gesundheit.

   

Die Welt der Nudges

Dimensionierung

Probanden löffelten in einem Versuch auch dann immer weiter, als ihr Teller unmerklich nachgefüllt worden war. Die Größe von Tellerportionen, Trinkgefäßen und Besteck beeinflusst, wie viel wir konsumieren. Also: Keine Riesenportionen mehr.

Nähe

„Quengelware“ begegnet uns auf den letzten Schritten im Supermarkt: Schokolade und Kaubonbons ... Läge hier Gesundes, es wäre eine Hilfe. Kantinen, die gesunde Ernährung befördern wollen, platzieren übrigens die Salatbar im Eingangsbereich auf Augenhöhe.

First Choice

Was oben auf der Speisekarte steht, wird häufiger bestellt. Weswegen hier gerne Speisen mit hohen Margen stehen. Warum nicht gesunde Kost?

Planung und Commitment

Wer am Wochenanfang schon das Kantinen- oder Catering-Essen für die gesamte Woche bestellt, trifft eine gesündere Wahl als mit knurrendem Magen.

Peer-Vergleich

Wir orientieren uns gern an der Mehrheit – und so funktioniert dann der „Peer-Vergleich“. Als die Top-Verschreiber von Antibiotika in Großbritannien und Australien per Brief und Grafik erfuhren, dass sie zu den Top-20- bzw. -30-Prozent zählen, änderten sie ihr Verhalten. Die Verschreibungsrate sank in Großbritannien um knapp 4 Prozent und in Australien um über 12 Prozent.

Verfügbarkeit

Ob im Bürgeramt, Ärztehaus oder der Universität: Meist führt das Foyer direkt auf den Aufzug zu. Das Treppenhaus ist indes so versteckt wie das Klo. Eine Architektur, die Gewohnheiten prägt ...

Prompting

... apropos Treppen: Wenn schon versteckt, dann könnte man das Treppenhaus zumindest aufpeppen. Farben oder flotte Sprüche wie „A Treppe a day keeps the doctor away“.

Ambiente

Hintergrundmusik, Beleuchtung und die Farben können Kaufentscheidungen beeinflussen: Grün eignet sich etwa für gesunde Gerichte auf der Speisetafel der Kantine.

Priming

Beim Metzger gibt’s Wurst mit Lächelgesicht. Wie wäre es, wenn das Vollkornbrötchen lächelt?

Gamification

Schnitzeljagden, Motto-Touren, Themenspaziergänge von Städten oder auch Betrieben bringen in Bewegung.

 

 

Dr. Mathias Krisam ist Mediziner und leitet die Beratungsagentur „läuft“.

Kommentare

  1. Bianca

    Ja, gute Ideen!

    vor 5 Tage

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