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Interoperabilität im Gesundheitswesen: Wie nahtlose Prozesse gelingen können

Tobias Leipold ist E-Health-Vordenker und Mitbegründer sowie ehemaliger Co-CEO der eHealth-Tec GmbH, die Teil der Zur Rose-Gruppe ist.

Wenn Ärztinnen und Ärzte ohne Fax und Scan jederzeit auf die für sie relevante und aktuelle Krankengeschichte zugreifen können, Pharmazeut:innen mit einem Blick Unverträglichkeiten erkennen und vermeiden, Krankenkassen Leistungen mit wenigen Klicks genehmigen und abrechnen können und Patient:innen keine Papier-Arztbriefe mehr in Ordnern sammeln müssen – dann ist die Vision der Interoperabilität im Gesundheitswesen Realität. Dass es bald so weit ist, allein schon, weil Patient:innen die digitalen Dienste fordern werden, davon ist der Mitbegründer der eHealth-Tec GmbH, Tobias Leipold, überzeugt. Wie aber könnte eine nahtlose Patient Journey in Zukunft aussehen und wie kommen wir dorthin? Ein Kommentar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Interoperabilität: Der Begriff beschreibt die Fähigkeit eines Systems, mit anderen zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit – meist der Austausch von Daten – basiert auf gemeinsamen Regeln und Standards. Übertragen auf das Gesundheitssystem bedeutet dies, dass alle Beteiligten (Patienten, ärztliche Praxen, Krankenhäuser, Krankenkassen etc.) schnell und unkompliziert alle nötigen Gesundheitsdaten über IT-Systeme, Geräte und Sektoren hinweg austauschen können.
  • 3 konkrete Schritte sind nötig, um die Interoperabilität zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen auszubauen.
  • Es gibt bereits Beispiele in der Realität, die zeigen, wie Interoperabilität im Gesundheitssystem in Zukunft aussehen kann

Vision von Interoperabilität: So könnte ein digital unterstützter Behandlungsweg aussehen

Nehmen wir folgendes Szenario aus der Praxis an: Ein Patient ist gestürzt, woraufhin die Angehörigen eine telemedizinische Sprechstunde mit der Notaufnahme eines Krankenhauses gemacht haben. Der zuständige Arzt entscheidet dann, dass der Rettungsdienst gerufen werden muss.

Auf dem Weg zum Patienten erhält die Notärztin erste Informationen über seinen Zustand, zum Beispiel, dass er zurzeit schlechte Nierenwerte hat und vor zwei Tagen bei seiner letzten Dialyse war.

Beim Patienten angekommen, erhält die Notärztin die Informationen aus dem elektronischen Medikationsplan und sieht, dass der Patient zwei neue Medikamente einnimmt, die sich untereinander nicht vertragen – was der Grund für die schlechten Nierenwerte sein könnte. Die Notärztin übernimmt die Patientendaten aus der digitalen Patientenakte und macht eine Voranmeldung im zuständigen Krankenhaus.

Sobald der Rettungswagen in der Klinik eintrifft, erfolgt eine kurze Ersteinschätzung in der Notaufnahme – die bereits erste anamnestische Parameter der Notärztin übermittelt bekommen hat und vorbereitet ist. Im Anschluss wird der Patient zum CT gebracht, die Untersuchung wurde bereits vorab angeordnet. Die Ergebnisse der Röntgenbilder werden über KI ausgewertet und von Radiologen bestätigt und auch die Laborwerte liegen dank automatisierter Prozesse innerhalb kürzester Zeit vor.

Nach der eigentlichen Behandlung, z.B. einer Operation, wird der Patient in eine Reha-Klinik entlassen. Die entsprechenden Anträge bei der Krankenkasse wurden bereits nach der Diagnose gestellt und liegen genehmigt in digitaler Form parat. Die Daten werden datenschutzkonform an die Reha-Klinik übersendet, sodass die entsprechende Reha-Behandlung optimal geplant werden und sofort beginnen kann, ohne dass eine weitere Anamnese notwendig ist. Parallel dazu werden auch dem Hausarzt des Patienten alle wichtigen Informationen zugesandt.

Aus der Reha-Klinik entlassen, findet der Patient seine neuen Medikamente, die ja während des Klinikaufenthalts umgestellt wurden, bereits zu Hause vor – gebracht hat sie der Botendienst der Vor-Ort-Apotheke oder die Versandapotheke. Das weiß der Patient bereits, denn er konnte sich stets in seine Patientenakte einloggen und wusste in Echtzeit über alle Entwicklungen seiner Laborwerte, Behandlungen und Medikationsumstellungen Bescheid. Fragen zu seiner neuen Medikation kann der Patient in einer telepharmazeutischen Sprechstunde mit der Apotheke abschließend klären.

Wie kann die Interoperabilität im Gesundheitswesen zwischen Sektoren und Systemen umgesetzt werden?

Wie wir sehen, sind in diesem eigentlich überschaubaren Prozess aus unserer Arbeitspraxis zahlreiche Akteure involviert, die miteinander vernetzt sein müssen, damit alle Beteiligten zu jedem Zeitpunkt auf alle relevanten Informationen zugreifen können. Unsere Vision ist es, diesen Prozess – und alle anderen Prozesse im Gesundheitswesen – so zu gestalten, dass er über alle Sektoren des Gesundheitssystems hinweg nahtlos ablaufen kann, ohne Medienbrüche und Datenverluste auf der gesamten Kette.

Dafür braucht es interoperable Schnittstellen und einheitliche Standards. Das ist in vielen Ländern wie Estland, Dänemark oder Schweden, aber auch außerhalb Europas, etwa in Israel, bereits der Status Quo.

Bei uns in Deutschland wurde die Digitalisierung im Gesundheitswesen bisher von vielen einzelnen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen vorangetrieben, was viele einzelne Insellösungen zur Folge hatte, die im Zweifel nicht mit anderen Systemen interagieren. So gibt es Krankenhausplattformen oder verschiedene Arztplattformen der Arzt-Software-Anbieter, die nicht untereinander kompatibel sind.

Einzelne Systeme sind nur für bestimmte Fachrichtungen oder Fakultäten verfügbar, und Patient:innen müssen sich in unterschiedlichsten Systemen neu anmelden. Auch kann das System eines Kardiologen nicht automatisch mit dem System einer Hausärztin interagieren. Hinsichtlich der Interoperabilität haben wir also noch Nachholbedarf.

3 Schritte zu mehr Interoperabilität im Gesundheitssytem

Um den entscheidenden Durchbruch zu schaffen, müssen wir die einzelnen Puzzlestücke zu einem großen Ganzen zusammenfügen und Prozesse neu denken. Aus meiner Perspektive kann das nur gelingen, wenn wir folgende Grundlagen berücksichtigen:

  1. Einen erlebbaren Nutzen schaffen: Alle Prozesse im Gesundheitswesen müssen so designt sein, dass alle Beteiligten – Hausärzt:innen, die Klinik, die Krankenkasse – einen erlebbaren und nicht nur finanziellen Nutzen für sich und die Anwender bzw. Patienten sieht.
  2. Systeme interoperabel gestalten: Systeme müssen ausreichend gut miteinander vernetzt und die Prozesse abgestimmt sein, um für einen reibungslosen Datenaustausch zu sorgen – mit Standards wie FHIR, MIO’s, SnowMed u. a., die aktuell implementiert werden, sind wir in Deutschland bereits auf dem richtigen Weg.
  3. Einen übergreifenden Prozess für das Gesundheitswesen designen: Es muss ein gesamtheitlicher Überblick über die verschiedenen Prozesse im Gesundheitssystem geschaffen werden, der gesteuert werden muss, um etwaige Redundanzen zu vermeiden. Systeme dürfen nicht nur aus dem Blickwinkel der Patient:innen oder Ärzt:innen oder der Apotheke entwickelt werden – wir benötigen hier eindeutig eine moderne Brückentechnologie.

Aktuell fehlt in Deutschland oft noch der übergreifende Blick auf Prozesse im Gesundheitssystem, bspw. anhand einer Patienten-Indikation: Es existieren zwar Vorstellungen davon, wie das ideale, vernetzte Gesundheitswesen aussehen müsste, aber in der Realität wird noch zu sehr auf Partialinteressen geschaut und nicht auf das große Ganze.

Unsere große Herausforderung ist es, alle handelnden Akteure an einen Tisch zu bringen: Ein interoperables Gesundheitssystem kann nur dann entstehen, wenn Ärzt:innen, Kliniken, Apotheken, Vor-Ort- & Versandapotheken, Arztplattformen, aber auch Patient:innen an einem Strang ziehen.

Systemgrenzen überwinden – technologisch und im Kopf

Unsere dringendste Aufgabe: Wir müssen mit guten Beispielen vorangehen und Use Cases schaffen, die allen Leistungserbringern zeigen, dass die Digitalisierung funktioniert und allen etwas bringt.

Wie das im Einzelnen gelingen kann, sehen wir am Beispiel unseres Notaufnahmen-Informationssystems ERPath: Bei eHealth-Tec arbeiten wir eng mit allen an Notaufnahmen-Prozessen beteiligten Akteuren und Systemen zusammen und haben in Kooperationen funktionierende Schnittstellen zu vielen anderen Systemen geschaffen – vom Rettungsdienst bis zum Entlassmanagement. Die Informationen werden dort gebündelt und übersichtlich dargestellt, so dass sie auf einen Blick erfassbar sind. Somit sind wir unserer Vision der nahtlosen Patient Journey bereits nahegekommen.

Weitere Dienste müssen folgen. Dafür brauchen wir strukturierte digitale Daten und selbstverständlich einen vernünftigen praktikablen Datenschutz mit modernster Technologie – aber wir müssen auch Systemgrenzen überwinden, technologisch und im Kopf.

Wir müssen die beteiligten Akteure davon überzeugen, neue, mutige Gesamtprozesse zu denken und beginnen, diese wirklich umzusetzen, um nach einem MRT-Termin eben keine CD-ROM oder den Arztbrief auf Papier zu bekommen. Denn durch diese fließenden digitalen Daten wird es uns gelingen, die Behandlung schneller, effektiver und vor allem sicherer zu gestalten.

Grafik: Shutterstock

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