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Raul Krauthausen

Beteiligung

"Wir gönnen anderen nicht den Dreck unter dem Fingernagel"

Gesellschaft, der Wortherkunft nach eine Gruppe von Gesellen. Doch sind wir auch eine Gemeinschaft? Nachgefragt bei Raul Krauthausen, einem der kreativsten Aktivisten Deutschlands.

Herr Krauthausen, wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Raul Krauthausen: Ich schaue gern Leute in deren Alltag an, eben ihr allgemeines Nutzungsverhalten. Und dann stelle ich mir die berühmte Kinderfrage: Warum ist das so?

​​​​​​​Was ist Ihnen zuletzt aufgefallen?

Krauthausen: Die komischen Bordtoiletten in den ICE-Zügen, die haben drei Schalter: Einen fürs Öffnen und einen fürs Schließen – man sollte denken, das reicht. Doch dann gibt es noch den Knopf fürs "Verriegeln", der überhaupt keinen Sinn macht und zur Folge hat, dass man schon mal vergisst zu verriegeln. Und dann der Klassiker: Es kommt einer rein ... Da hat der Ingenieur nur von der Wand bis zur Tapete gedacht.

Hat Ihr Verein "Sozialhelden" nun einen Ingenieur beauftragt, eine neue Tür zu entwerfen?

Krauthausen: Nein, wir wollen nicht die Welt vor ihren Fehlern retten. Vielmehr versuchen wir, aus einer gewissen Lage das Beste zu machen. Unser Verein "Sozialhelden" spezialisiert sich auf die Belange von Menschen mit Behinderung, weil viele von uns eine haben. Dabei ist uns wichtig, Leuten nicht vorzuwerfen, dass sie privilegiert sind, oder nicht behindert oder schlicht ohne Erfahrungen. Uns geht es um Handreichungen für jene, die Neugierde zeigen. In den vergangenen Jahrzehnten hat es mit dem Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung nicht so gut geklappt – man lebt eher aneinander vorbei.

Warum eigentlich?

Krauthausen: Das ist mir zu pauschalisiert. Vor 70 Jahren sah es in Deutschland doch viel gruseliger aus, und wenn ich mir die aktuelle Lage etwa in Afrika oder im ländlichen Südamerika anschaue, sind wir hier doch ziemlich gut weggekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland halt ein System mit dem Ziel installiert, dass so etwas wie eine Eugenik nicht mehr geschehen darf. In diesen Strukturen erhielten Menschen mit Behinderung erst einmal das Bestmögliche an Rehabilitation, Bildung und Wohnen nach damaligem Wissensstand.

Und heute?

Krauthausen: Heute haben wir einen Rückstand: Die Gesellschaft entwickelte sich weiter, es gab die Emanzipation, die Studentenbewegung, mehr Selbstbestimmung. Aber Heime, Werkstätten und Schulen passten sich dem nie an! Die hinken der aktiven Behindertenbewegung mehr als zwanzig Jahre hinterher und sind hochgerüstet zu einer Industrie, die auf Effizienz getrimmt ist – damit Menschen mit Behinderung bei minimalem Aufwand satt und sauber sind.

In all diese Einrichtungen kommen Menschen ohne Behinderung kaum rein ...

Krauthausen: Genau, es gibt zwar die Idee, dass alle Menschen in die Mitte der Gesellschaft gehören, dass nichtbehinderte Menschen ein Recht darauf haben mit Menschen mit Behinderung zusammenzuleben. Aber die Systeme haben noch mehr Parallelisierungen geschaffen, zum Beispiel eigene Fahrdienste, eigene Werkstätten bei den Heimen – damit man noch nicht einmal die Straße überqueren muss; so sieht man sich schlicht nicht. Nichtbehinderte Menschen sammeln nicht genügend Erfahrungen, haben weniger Chancen, Ängste und Vorbehalte abzubauen. Deutschland hat doch 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben.

Ändert sich dadurch nichts?

Krauthausen: Der Druck steigt aufs System, sich zu öffnen – dass die totale Abschottung der Pflegeimperien Löcher kriegt. Aber es ist noch ein langer Weg.

Warum?

Krauthausen: Die Beharrungskräfte sind stark. Schließlich sind Politik und Wohlfahrt eng miteinander verzahnt. Wenn ein Politiker etwa im Vorstand der Lebenshilfe sitzt, sägt er kaum am eigenen Ast. Wir müssen alles kleiner machen. Heime und Förderschulen müssen kleiner werden, es sollte doppelt genau hingeschaut werden, ob jemand wirklich in der Förderschule sein muss – und genau so kritisch beobachten, ob Kinder mit Behinderung an Regelschulen tatsächlich optimal gefördert werden. Wenn wir wollen, dass alle Kinder stressfrei zur Schule gehen und gut lernen, dann brauchen wir mehr Pädagogen und kleinere Klassen – ganz egal, ob Förder- oder Regelschule.

Die Gesellschaft sollte vielzelliger werden?

Krauthausen: Ja, und keiner sollte mehr Einfluss darauf haben, welche Kinder in der Klasse sind. Schule ist immer eine Schicksalsgemeinschaft: Ich kann mir meine Klassenkameraden nicht aussuchen. Jedes Kind sollte auf die Schule in der Nachbarschaft kommen und basta!

Werden Menschen mit Behinderung eigentlich als Gruppe wahrgenommen?

Krauthausen: Ja, aber letztlich sind wir keine Gruppe. Ich weiß ja nicht, wie es ist blind zu sein. Und ein Gehörloser kennt nicht das Leben eines seelisch Kranken, wenn er es selbst nicht ist.

Ist dieses Schubladendenken ein Problem?

Krauthausen: Ach, es kann durchaus sinnvoll sein. Wir unterscheiden bei Leuten auf Anhieb, ob wir sie sympathisch finden oder nicht. Würden wir permanent alles neu hinterfragen, kämen wir aus dem Grübeln nicht mehr heraus. Der Mensch muss handeln. Auch Vorurteile sind dann sinnvoll, wenn schnelle Entscheidungen her müssen.

Ab wann schaden sie?

Krauthausen: Wenn sie niemals einer Prüfung unterzogen werden. Das Gehirn ist darauf ausgelegt, energieeffizient zu arbeiten. 700 Entscheidungen am Tag kann das Gehirn treffen, die meisten betreffen Kindererziehung und Arbeit, die anderen müssen im Sparmodus getroffen werden. Wenn man das weiß und in einer ruhigen Minute sich fragt: Warum habe ich diese Person so behandelt – dann kann ich es künftig vielleicht anders machen. Dafür aber braucht es Reflexion und Demut.

Können wir von Kindern lernen?

Krauthausen: Kinder sind toll, weil sie ständig die Welt neu entdecken. Jeder Eindruck, den sie sammeln, ist das neue Normal. Sie können Umstände, seien sie gut oder schlecht, schneller als gegeben hinnehmen als wir Erwachsene. Diese Leichtigkeit ist uns verloren gegangen. Zum Nachdenken braucht es Geduld. Laotse wird zugeschrieben: Weiches Wasser höhlt den harten Stein.

Gilt das auch für die Bemühungen, in die Mitte der Gesellschaft zu gelangen?

Krauthausen: Unser Land hat sich doch sehr stark weiter entwickelt – ich bin gar nicht solch ein Kulturpessimist, wie manche meinen. Allein in meiner Lebenszeit habe ich große Veränderungen beobachtet: Der Blick auf homosexuelle Menschen hat sich gewandelt, oder allein die #MeToo-Debatte verändert das Bewusstsein der Männer – auch mich; ich fühle mich in mancher Situation "ertappt". Die Richtung ist gut. Ich habe die Hoffnung, dass wir irgendwann diskriminierungsfrei leben werden.

Wie wichtig sind Verbündete?

Krauthausen: Würden wir nur allein für unsere Rechte kämpfen, wären wir nur zehn Prozent des Landes – so viele von uns haben eine schwere Behinderung in Deutschland. Das reichte nicht. Selbst 50 Prozent der Gesellschaft, nämlich Frauen, reichen nicht allein, um die Gesellschaft zu verändern. Sie brauchen Alliierte, die mitkämpfen; vielleicht nicht in erster Reihe, aber die ihre Privilegien nutzen, um die Menschen, für die gekämpft wird, nach vorn zu bringen.

Um Alliierte zu werben, muss man sich erst einmal Gehör verschaffen.

Krauthausen: Ach, zuallererst muss man selbst zuhören können – und zwar zu beiden Seiten hin. Ich kann nicht ständig im Aggro-Modus sein, wenn ich mit den Skeptikern und Verteidigern des Status quo zu tun habe – denn es macht Sinn, deren Argumente zu durchdringen; manchmal ergeben sich dann gemeinsame Ideen. Übrigens, ich habe aus meiner Arbeit als Telefonseelsorger gelernt, dass jede Gesellschaftsschicht Probleme hat, nicht nur Arme, Alleinerziehende oder Leute mit Behinderung – sondern auch Reiche.

Sind mehr ausgeschlossen, als man denkt?

Krauthausen: Viel mehr kämpfen mit schwierigen Lebensumständen, als man denkt. Unser größtes Problem ist Einsamkeit. Wir müssen mehr Schicksalsgemeinschaften schaffen. Je länger wir mit vielfältigen Menschen zu haben, und das fängt schon bei der Schule an, desto mehr bleiben wir untereinander in Kontakt und halten uns gegenseitig fest.

Wann haben Sie erstmals Bekanntschaft mit dem Wort "Teilhabe" gemacht?

Krauthausen: Vor ungefähr 15 Jahren. Vorher wollte ich einfach mitmachen, alles andere war mir schnuppe. Ich mag den Begriff auch nicht, denn er trägt Paternalistisches in sich: Jemand erlaubt dir, mitzumachen. Dabei es geht ja auch um Teilgabe. Ich als Mensch mit Behinderung möchte ebenfalls jemandem erlauben dürfen, dass er mitmacht. Ich will im Theater nicht nur im Publikum sitzen, sondern auch auf die Bühne kommen!

Wann haben Sie erstmals gespürt, dass es schwieriger wird mit dem Mitmachen?

Krauthausen: Klar war mir die Behinderung immer. Gespürt habe ich es erst in der fünften Klasse beim Sportunterricht. Da wurde es leistungsdifferenziert – und es wurde offensichtlich, dass ich den Ball nicht so weit warf wie meine Freunde. Dann ging es nicht mehr ums Spiel. Die Lehrer wussten damals nicht, wie sie damit umgehen sollten.

Ließ man Sie dann nicht mehr werfen?

Krauthausen: Doch, schon. Aber das wurde mit einer Teilnehmerurkunde beantwortet. Jedes Kind weiß, solch ein Papier ist eigentlich die Arschkarte. Und mir leuchtete ein, dass dies alles eine reine Verlegenheitsnummer war. Dann bat ich darum, vom Sportunterricht befreit zu werden. Es war keine Demütigung, sondern lächerlich. Es macht keinen Sinn, dass ein Kind, welches Sport treiben soll, für den Lehrer die Zeit stoppt.

Wer ist der schlimmste Feind der Gemeinschaft?

Krauthausen: Das Schlimmste ist, dass wir dem Schwächeren nicht einmal den Dreck unterm Fingernagel gönnen. Wir sind dazu erzogen worden, lieber nach unten als nach oben zu treten. Der ehemalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat einmal etwas sehr Kluges gesagt: Kein einziger Mensch in Deutschland bekommt, seitdem Geflüchtete zu uns gekommen sind, weniger Zuwendung. Dennoch gibt es diese Rhetorik, immer wieder. Die Schwachen sollten sich untereinander solidarisieren und sie müssen die richtigen Fragen stellen.

Kommentare

  1. Norbert Eiben

    Nein und Ja! So wie den Schwächeren den Dreck unter den Fingernägeln nicht gegönnt wird, so wenig wird aber auch das Glück des Stärkeren gegönnt. Dem Stärkeren wird schnell Verbrechen und Schlupflöcher im System vorgeworfen. Neid, ist das schlimmste, welches die soziale Gemeinschaft beiwohnt.
    So lange Werkstätten und kleine Läden, welche in der Stadt verteilt waren, aufgelöst werden, um ein "Lager" zu schaffen, wird sich nichts ändern. In Bremerhaven gab es ein Brötchengeber und auch ein Werkstattladen mitten in der Stadt. Nun gibt es sie nicht mehr. Sie sind nun im "geschützten Raum" . Der Kontakt zur Gesellschaft ist stark eingeschränkt. So was wird lange passieren. "Denn die Nichtbehinderten wissen ja besser bescheid über uns Behinderten, was wir benötigen und wünschen" Darum werden ja auch die ganzen Demonstrationen von Nichtbehinderten organisiert.

    vor 2 Monate
  2. Hendrik Köhlern

    Ich denke, ich bin einer dieser "Stärkeren", zumindest was finanzielle Sicherheit und meine nicht vorhanden Eigenerfahrungen mit Diskriminierung angeht. Ich würde aber Ihnen widersprechen, was das Thema Neid angeht, weil ich denke, dass Menschen, wie ich durchaus deutlich mehr in die Verantwortung für andere genommen werden könnten.
    Wir leben in einer sehr wohlhabenden, aber auch sehr vereinzelten Gesellschaft, in der das "Ich" für viele immer zuerst kommt. Ich denke der Neid auf die Privilegierten ist angemessen und nicht verwerflich, denn wir könnten dadurch, wenn er konstruktiv artikuliert wird und von anderen nicht als Missgunst diskreditiert würde, zu einer gerechteren Gesellschaft werden.
    Abgesehen davon sollte man natürlich jedem Menschen sein Glück gönnen können. (Aber nicht unbedingt drei Autos, zwei Boote und eine Villa)

    vor 3 Wochen
  3. Hans-Jürgen Pütz

    Ich finde wenn einer keine Arme hat,dann hat er keine Arme,die kann man ihn auch nicht anreden. Man sollte ihn als Mensch mit einen klugen Verstand begegnen und nicht mit den Blick auf seine Behinderung!

    vor 1 Monat
  4. Dr. Peter Radtke

    Sehr kluges Interview. Radikal, weil die Wurzeln betreffend, und dennoch differenziert.

    vor 1 Monat
  5. Patsy

    Wir sollten uns an die Stadt Vermont in Kanada ein Beispiel an die seit 20 jährige Umsetzung des Wortes „ Inklusion „ nehmen und Deutschland sollte keine Angst davor haben. Die Menschen mit Behinderung werden normal und selbstverständlich von Geburt an in die Gesellschaft , die Kitas , Schüler u Arbeitswelt mit Liebe aufgenommen, geführt und inkludiert . Wie Raoul erwähnt, sollte wir nicht trennen, sondern uns gegenseitig Helfen und einander stärken , indem wir voneinander lernen und eine Behinderung als eine Bereicherung sehen. Ohne Einander wäre unser Charakter ganz schön arm an Empathie und Mitgefühl und das Dasein ziemlich langweilig ohne diesen wunderschönen Vielfalt an Menschen und Kulturen die uns das Leben geschenkt hat. Irgendwann , spätestens im Alter sind wir auch auf die Hilfe andere angewiesen und möchten nicht von der Gesellschaft getrennt werden. Danke Raoul für dein sehr lehrreiches Interview.

    vor 1 Monat

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