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Armut und Gesundheit

Beteiligung

Armut und Gesundheit: „Wir sollten Lebenslagen weniger medikalisieren und stärker danach fragen, was die Ursachen sind.“

Arme Menschen sterben in Deutschland rund zehn Jahre früher als reiche. Was ist zu tun? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin.

Frau Prof. Kostka, vor 135 Jahren wurde die Sozialversicherung eingeführt – 90 Prozent der Menschen in Deutschland sind bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert. Eigentlich eine gute Nachricht.

Prof. Kostka: Wir haben zwar ein hochentwickeltes Gesundheitssystem und die Mehrzahl der Bürger ist krankenversichert, aber gleichzeitig fallen Menschen durchs Raster – obdachlose Menschen beispielsweise und andere Personen, die keinen Zugang zur Krankenversicherung haben. Das ist – drei Minuten von der Charité entfernt – schon relevant.

Die Mehrzahl der Bürger ist krankenversichert und doch ist Gesundheit auch eine Frage des Einkommens.

Kostka: Arme Menschen haben hierzulande grundsätzlich deutlich schlechtere Gesundheitschancen. Besonders schlimm ist, dass dies auch schon Kinder betrifft: Kommen sie aus armutsbetroffenen Familien, haben sie höhere Gesundheitsrisiken und gleichzeitig schlechtere Bildungschancen. Berlin ist dabei die Armuts- und Harz IV-Hauptstadt. Jedes dritte Kind ist hier von Armut betroffen. Der Ernährungs- und Bewegungszustand vieler Kinder ist bedenklich – also genau das, was das große Feld Prävention betrifft. Das heißt nicht, dass ärmere Menschen nicht gut für ihre Kinder sorgen. Oftmals ist die Koppelung verschiedener Umstände wie schlechte Ernährung, Umfeld und Wohnort dafür verantwortlich.

Mixtur für ein gesundes Leben

Die Infografik zeigt die Bedingungen für ein gesundes Leben sowie die Risikofaktoren, die ein Leben verkürzen können. In größerer Version ist die Grafik hier einsehbar. 

Berlin ist Armutshauptstadt, sagen Sie – den Kindern ist es meist nicht anzusehen. Aber man sieht viele Obdachlose auf den Straßen …

Kostka: … und manche von ihnen haben keinen Zugang zum regulären Gesundheitswesen. Meist tauchen sie erst als Notfall im Krankenhaus im System auf. Eine niedrigschwellige Akutversorgung, wie wir sie beispielsweise in unserer Caritas-Wohnungslosen-Ambulanz am Bahnhof Zoo leisten, kann zwar kurzfristig Linderung bringen – aber die eigentlichen, oft chronischen gesundheitlichen Probleme, die die Menschen haben, verschlimmern sich durch die Lebensumstände auf der Straße.

 

 

Das Caritas-Arztmobil im Einsatz

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Firas Alshater begleitet für einen Tag das Caritas-Arztmobil und erlebt hautnah, wie in Berlin Hilfsbedürftige durch die Maschen des Hilfenetzes fallen. Menschen, die auf der Straße leben. So wie Marius. Wohnungslose, die keine Krankenversicherung haben oder sich schämen, in eine Arztpraxis zu gehen.

Was ist dagegen zu tun?

Kostka: Viele der Obdachlosen in Berlin kommen aus ost- und südosteuropäischen Ländern, – wir gehen von rund 6000 bis 8000 Menschen aus, die dauerhaft auf der Straße leben. Aktuell findet ihre medizinischen Versorgung zu zwei Dritteln außerhalb jeglicher Förderung statt. Also zum überwiegenden Teil ehrenamtlich. Wenn wir hier keine Veränderung schaffen, ist es nicht nur schlimm für die Betroffenen, sondern auch teuer fürs System, weil die Menschen irgendwann im Krankenhaus landen.

Was würden Sie tun, um den engen Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit zu lockern?

Kostka: Wir sollten Antworten auf die Frage finden, wie wir Gesundheit fördern und nicht nur Krankheit verhindern können. Und dabei ist zentral, dass wir Gesundheit als soziale Gesundheit begreifen. Ein Problem bei arbeitslosen oder älteren Menschen ist, dass viele soziale Nöte medikalisiert werden. Sie bekommen eine aufwendige Diagnose und Therapie, aber eigentlich sind die Probleme sozialer oder psychischer Natur – sie leiden unter Einsamkeit, Isolation, Perspektivlosigkeit. Viele Menschen vereinsamen in ihren Wohnungen in der Großstadt. Aber auch auf dem Land sitzen die Menschen in ihren Häusern auf dem Dorf, kein Bus fährt mehr – sie sind abgehängt von allem. Wir sollten uns genau ansehen, wo wir Lebenslagen medikalisieren, anstatt die Ursachen zu bekämpfen. Deswegen ist Gesundheitspolitik auch immer Sozial- und Bildungspolitik. Und Beteiligung spielt eine große Rolle.

Inwiefern?

Kostka: Wenn man Menschen beteiligt, so unsere Erfahrung, führt das in vielen Fällen dazu, dass sie wieder mehr Lebensqualität gewinnen. Für arbeitslose und suchtkranke Menschen schaffen wir durch konkrete Arbeitsangebote neue Perspektiven – wir betreiben zum Beispiel in Vorpommern einen Holzhof oder auch Tagesstätten, um suchtkranke Menschen wieder in die Berufs- und Lebenswelt zurück zu führen.

Wie bringt man Kinder aus dem Teufelskreis von Armut und schlechter Gesundheit?

Kostka: Bei der Caritas setzten wir uns dafür ein, dass armutsgefährderte Kinder Zugang zu Bildung haben. Alleinerziehende haben es schwer, einen Kitaplatz zu bekommen. Dafür setzten wir uns ein. Für einen besseren Alltag der Kinder beziehen wir die Eltern mit ein und zeigen, dass gesunde Ernährung und Bewegung Spaß machen können. Und ganz wichtig: Wir arbeiten zusammen daran, dass die Kinder Selbstvertrauen lernen.

Und wenn die Eltern dabei nicht mitmachen?

Kostka: Wir bleiben einfach dran. Hier wollen wir vor allem dafür sorgen, dass die Kinder dem hohen Risiko entkommen, selbst suchtkrank zu werden. Wir machen beispielsweise Kindergruppenarbeit gemeinsam mit Erziehern und Therapeuten, damit sie lernen, besser mit der Erkrankung der Eltern umzugehen und gleichzeitig auch Glücksmomente zu haben – kurz: um Selbständigkeit zu lernen, und dem Teufelskreis zu entkommen.

 

 

 

 

Prof. Dr. Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin 

 

 

 

 

Copyright Artikel-Foto: owik2/photocase

Kommentare

  1. Thnerry

    Ein - oft verkanntes, aber weitverbreitetes - Problem (sehr oft sogar die Ursache von Armut!) ist das Rauchen:
    Man beginnt als Teenager damit, legt sein Gehirn durch das Nervengift Nikotin und den entstehenden Sauerstoffmangel lahm, Folge: Lernschwierigkeiten, folglich weniger Erfolgserlebnisse im der Schule, dadurch wiederum kaum Bock auf Ausbildung, u.U. in den Raucherecken auch eher Kontakt zur kriminellen Szene...
    Ohne Ausbildung bzw. mit schlechteren Noten bleiben einem später nur noch unterprivilegierte Jobs, schlecht bezahlt - und wenn man obendrein noch ca. 400,-€ (!) pro Monat für diese Suchtkrankheit ausgibt, bleibt nicht mehr viel übrig für die Familie, Kinder oder sinnvollere Hobbies als das Rauchen übrig.
    Und da sind die Kosten der späteren Raucherkrankheiten und der passivrauchenden (oft asthmakranken) Kinder nicht mal berücksichtigt!
    Warum wird Tabak (ist übrigens auch die Einstiegsdroge schlechthin!) nicht endlich zur illegalen Droge erklärt? Von mir aus auch zusammen mit Alkohol?
    Ja, klingt provokant - aber genauso verliefen fast alle Raucherkarrieren während und nach meiner eigenen Schulzeit!!
    Dieses Armutsrisiko ließe sich politisch leicht vermeiden. Leider sind etliche Politiker korrupt, lobbyhörig oder - weil selbst Raucher - persönlich befangen in ihren Entscheidungen!

    vor 3 Wochen
  2. Susanne

    Interessant..

    vor 3 Wochen
  3. Bolek lolek

    Das liegt nicht an der Armut. Dafür muss ich kein Psychologe sein. Die Harzer glauben nicht an sich und sind sich somit egal. Den Bus zum artzt nehmen ist u viel verlangt. Die begwemlichkeit siegt

    vor 1 Woche
  4. Anonym

    Ganz bestimmt,was ist das denn für ein Humbug,selten sowas dummes gelesen.Erstmal sich mit der Materie befassen bevor man so einen pauschalidierten Kommentar ab gibt!!!!

    vor 4 Tage

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