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Beteiligung

Achtung, Patient liest mit! Hurra, Patient liest mit!

Sollen Patienten sämtliche Notizen ihres Arztes mitlesen? Keine gute Idee, fand Professor Dr. Tobias Esch vor einigen Jahren. Doch als der Allgemeinmediziner und Gesundheitswissenschaftler in dem entsprechenden Harvard-Studienprojekt „Open Notes“ die Forschungsdaten auswertete, änderte er seine Meinung von Grund auf. „Die Daten sind eindeutig.“

 

Herr Professor Esch, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Projekt „Open Notes“ hörten?

Prof. Dr. Tobias Esch: Ich hielt nichts davon, dass Patienten alles lesen, was ihr Arzt notiert. Die Arzt-Patienten-Beziehung ist für mich heilig. Dass mein Patient jetzt meine Notizen mit Familie und Nachbarn teilen könnte, war mir unvorstellbar. Ich wollte nicht mit meinen Privatnotizen auf den Markt gehen.

 

Open Notes begann 2005 in den USA als Pilotprojekt mit 105 niedergelassenen Hausärzten und 19 000 ihrer Patienten. Immer wenn ein Arzt etwas notiert hatte, wurde der entsprechende Patient per E-Mail darüber informiert und konnte es in einer Datenbank abrufen. Hatten diese Ärzte ähnliche Bedenken wie Sie?

Esch: Jeder Zweite war skeptisch. Die teilnehmenden Mediziner fürchteten, dass durch Open Notes zu viele Nachfragen entstehen und dass sie fortan anders schreiben müssten. Und sie fragten sich, was passiert, wenn sie Fehler in der Dokumentation machen und ein Patient dadurch fehlgeleitet wird.

"Patienten schätzten ihr stärkeres Gefühl der Kontrolle und damit ihre bessere Selbsthilfefähigkeit."

 

Was zeigte die Realität?

Esch: Die Ergebnisse waren bemerkenswert. Die Patienten konnten durch Open Notes besser nachvollziehen, was beim Arztbesuch besprochen worden war und zeigten eine höhere Therapietreue. Sie entdeckten in den Notizen ihrer Ärzte zwar tatsächlich auch Fehler, aber das trübte die Arzt-Patienten-Beziehung nicht. Im Gegenteil: Sie sprachen ihren Arzt drauf an und das Vertrauen wuchs. Patienten schätzten ihr stärkeres Gefühl der Kontrolle und damit ihre bessere Selbsthilfefähigkeit. Nach Ablauf des Studienzeitraums wollten 99 Prozent der Patienten weiter mit Open Notes arbeiten und sämtliche teilnehmenden Mediziner. Heute haben in den USA etwa 22 Millionen Patienten Zugang zu ihren Arztnotizen.

 

Haben die Mediziner anders formuliert als zuvor?

Esch: Sie formulierten manchmal etwas weicher, vorsichtiger, vermieden manche Fremdworte, empfanden das aber offensichtlich nicht als große Arbeitsbelastung. Nur in der Psychotherapie wurde deutlich vorsichtiger geschrieben. Open Notes bietet aber auch die so genannte Embargo-Funktion an: Wenn ein Laborbefund zwischen zwei Besuchen beim Arzt eingeht, ist er für den Patienten so lange gesperrt, bis ihm der Arzt das direkt erklärt hat. Ein Viertel unserer Probanden hat sich für diese Embargo-Funktion entschieden.

"Inzwischen haben sich um die 20 Länder dem Open Notes Projekt angeschlossen, in Schweden, Estland, Island, Neuseeland und Australien gibt es sie schon flächendeckend."

 

Ist Open Notes auch ein Modell für Deutschland?

Esch: In jedem Fall. Inzwischen haben sich um die 20 Länder dem Projekt angeschlossen, in Schweden, Estland, Island, Neuseeland und Australien gibt es sie schon flächendeckend. Voraussetzung ist eine entsprechende technologische Infrastruktur – das ist in Deutschland ein strukturelles Hindernis, denn wir haben noch nicht die Telematik-Infrastruktur für die elektronische Gesundheitskarte. Und wir sind hierzulande leider durch eine Misstrauenskultur geprägt.

 

Wie zeigt die sich?

Esch: Nach Paragraph 630 des Bürgerlichen Gesetzbuches steht Patienten ja schon jetzt die Herausgabe ihrer Daten zu, also auch der Arztnotizen. Wenn ein Patient das fordert, aktivieren viele Ärzte ihren Anwalt. Sie denken, es gehe um Fehler und Haftung. „Open Notes“ hat eine ganz andere Stoßrichtung: Hier geht es um wachsendes Vertrauen in der Zusammenarbeit von Arzt und Patient. Und die Daten belegen das.

 

Tobias Esch ist Professor für Integrative Gesundheitsversorgung / Gesundheitsförderung und Prodekan für Organisationsentwicklung an der Universität Witten/Herdecke.

Foto: Universität Witten/Herdecke

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Kommentare

  1. Jens

    Ja. Zum einen deshalb, weil ich selbst in einem Medizinischen Beruf arbeite und mir so bspw. nach der Durchsicht von zb Laborwerten gezielt Fragen für den nächsten Besuch zurechtlegen kann bzw. auch eigene Schlüsse ziehen kann.
    Zum anderen Arbeiten Ärzte sehr unter Zeitdruck und ich kann so im Nachhinein prüfen, ob ich richtig verstanden worden bin bzw. welche Informationen überhaupt beim Arzt hängen geblieben sind.
    Außer der "Kontrolle des Arztes" hätte ich aber auch eine bessere Möglichkeit, ein Feedback über mich zu erhalten (als Diabetiker oft sehr wichtig).
    Ich glaube, diese Möglichkeit würde eine bessere Beziehung zu meinem Arzt ermöglichen und den ich ja sonst nur einmal im Quartal sehe...

    vor 1 Woche

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