Sorry, you need to enable JavaScript to visit this website.

„Wir entwickeln eine neue Form der Medizin“

Eine Erkrankung in ihren allerersten Anfängen erkennen und behandeln – nämlich dann, wenn sich in einer Zelle etwas in Richtung Krankheit verschiebt: Das ist das ambitionierte Ziel des Forschungsprojekts „LifeTime“, an dem 300 europäische SpitzenforscherInnen der Biomedizin gemeinsam arbeiten. Es käme einer Revolution in der Medizin und Gesundheitsversorgung gleich. Möglich wird es durch die technologischen Durchbrüche im vergangenen Jahrzehnt. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Nikolaus Rajewsky, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Medizinische Systembiologie am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin, der mit seiner französischen Kollegin, Prof. Dr. Geneviève Almouzni, Forschungsleiterin am Instititute Curie in Paris, LifeTime koordiniert.

Herr Prof. Rajewsky, Lifetime ist angetreten, eine neue Medizin zu entwickeln. Was ist damit gemeint?

Wir wollen Krankheiten deutlich früher diagnostizieren und behandeln als heutzutage. Dann können wir viel früher und schonender eingreifen – es müssen beispielsweise keine Tumoren mehr herausgeschnitten werden, weil die erkrankten Zellen schon ganz am Anfang wieder auf den Pfad der Gesundheit gebracht worden sind.

Klingt so, also ob die Zellen diesen Pfad der Gesundheit schon verlassen haben, lange bevor wir irgendwas vom drohenden Unheil spüren und uns krank fühlen ...

… Das ist definitiv der Fall. Alzheimer, zum Beispiel, fängt zehn bis 20 Jahre vor den ersten Symptomen an. Viele Krebsarten auch. Bei fast allen komplexen Krankheiten ist das so.

Von dieser Frühdiagnostik träumt die Medizin ja schon lange. Wieviel Traum ist da noch drin und wieviel Realismus?

Schon der berühmte Charité-Arzt Rudolf Virchow hat 1858 Vorträge gehalten über die entscheidende Rolle der Zellen im Krankheitsprozess. Bis heute haben Forscher versucht, diesen Veränderungen in Zellen auf die Spur zu kommen. Was aber jetzt passiert – und das macht den Unterschied: Wir erleben einen technologischen Durchbruch! Wir schaffen es jetzt, mit der Einzelzellanalyse einzelne Moleküle in Millionen individueller Zellen zu identifizieren und den Zeitverlauf einer Erkrankung molekular in diesen Zellen zu verfolgen. Die entstehenden riesengroßen Datenmengen können durch den Einsatz künstlicher Intelligenz analysiert und interpretiert werden. So können wir besser verstehen, welche Entscheidungen Zellen treffen, welche davon zu Erkrankungen führen und wie wir eingreifen können. Virchow wäre davon elektrisiert, das ist ein Quantensprung.

Um zu erkennen, ob eine Zelle, sagen wir, schon bei einem 15jährigen, den Pfad einer Erkrankung geht, müssen Sie aber genau wissen, wie sie aussieht, wenn sie gesund ist. Weiß die Medizin das schon?

Die gesunde Referenz wird gerade international erarbeitet – im Human Cell Atlas, in dem die gesunden menschlichen Zellen molekular kartiert werden. Was wir nun mit dem Konsortium LifeTime machen wollen: Über viele Jahre laufende Studien, in denen wir genau beschreiben, wann Zellen krank werden, in welchen Momenten und wie. Das liefert neue Ansatzpunkte für Medikamente. Genau an dem ersten Punkt, wenn eine Zelle sich erstmals krankhaft verändert, wird man die besten Zielpunkte für diese neuen Medikamente finden, die die Zellen wieder gesund machen. Wir brauchen Therapien, um die Zellen bzw. die Zellverbände gleich wieder gesund zu machen.

Wie früh muss man anfangen, die Zellen eines Menschen zu analysieren, um spätere Krankheiten zu verhindern? Schon bei der Geburt?

Gute Frage. Erst einmal wollen wir die Technologie sowieso nur bei Personen anwenden, die ein hohes Risiko für bestimmte Erkrankungen haben. Wann man beginnen muss, hängt von der Krankheit ab, die man im Auge haben will. Es gibt zum Beispiel bestimmte Autoimmunerkrankungen, bei denen man weiß, dass bestimmte Organe in der zweiten Lebenshälfte krank werden. Bei solchen Betroffenen wollen wir anfangen, unser neues molekulares Mikroskop schon früh anzuwenden. Je früher man mit den Messungen im Leben beginnt, desto interessanter ist es natürlich. Das muss man für jede Krankheit individuell planen.

Ein relativ junger Mensch, in dessen Zellen sich eine Erkrankung abbildet, müsste Medizin nehmen, obwohl er sich nicht krank fühlt. Wie wollen Sie dem das vermitteln?

Es geht um ein neues Konzept von Gesundheit und Krankheit. Das muss eine aktive gesellschaftliche Debatte werden, aber dafür haben wir ja auch Zeit. Wir sprechen über die Medizin der Zukunft – Gesundheit bedeutet dort etwas anderes als heute. Jeder weiß heute, dass Blut im Stuhl ungünstig ist, weil dahinter ein Tumor stecken könnte. Solch ein Geschehen möchte man doch lieber schon dann entdecken und behandeln, wenn der Tumor erst aus ein paar Zellen besteht. Das ist den Menschen durchaus vermittelbar! Und diese frühzeitige Medizin hat übrigens viel weniger Schrecken, als wenn man heute mit Krebs in die Klinik kommt. In unserem Konzept bewegt sich die Medizin weg von aggressiven und teils vergeblichen Interventionen hin zu einer schonenden, präzisen, patientenindividuellen Korrektur der von Virchow so treffend beschriebenen pathologischen Zell-Entscheidungen.

Welche sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen hätte LifeTime?

Wir wissen ja, was auf Europa zukommt mit der alternden Bevölkerung. Die Volkskrankheiten werden immer gewichtiger, weil die meisten Älteren daran erkranken werden. Das ist ein riesiger Kostenfaktor - und auch ein großes Leiden, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für ihre Angehörigen und Freunde. Sozial und ökonomisch ist die Alterung eines der wichtigsten Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen werden müssen. Es kann nicht sein, dass man immer mehr Krankenhäuser und Stifte baut, in denen die Menschen an den Konsequenzen dieser Krankheiten behandelt werden und sterben, weil nur Symptome behandelt werden können. Wir wissen, dass Krankheiten eben früher entstehen. Deswegen ist für mich logisch, dass LifeTime auf kurz oder lang bei vielen Erkrankungen reüssieren wird.

Werden wir damit eines Tages 123 Jahre alt?

Mit Anti-Aging-Medizin hat unser Projekt nichts zu tun. Wir wollen vielmehr erreichen, dass die Menschen möglichst lange in ihrem Leben gesund bleiben und nicht an Krankheiten leiden müssen. Die dahintersteckende Idee ist eine klare wissenschaftlich-medizinische Realität. Sie wird kommen, die Frage ist nur, wie schnell es passiert und wie effektiv man vorankommt. Und dafür kämpfe ich mit den ganzen Kolleginnen und Kollegen. Ich spreche ja hier für 300 der besten Lebenswissenschaftlerinnen und Lebenswissenschaftler in ganz Europa.

 

Das Bild oben zeigt Tausende von bekannten molekularen und genetischen Interaktionen, die in unserem Körper stattfinden. Es wurde  mithilfe eines Computerprogramms namens Cytoscape erstellt. Bilder wie dieses sind als Netzwerkschaltpläne bekannt, aber Cytoscape-Schöpfer Trey Ideker nennt sie scherzhaft "Haarbälle", weil sie so kompliziert, verwickelt und schwer auseinanderzuhalten sein können. Cytoscape ist entwickelt, um Wissenschaftler dabei zu unterstützen, spezifische Interaktionen zu untersuchen, beispielsweise Unterschiede zwischen kranken und gesunden Zellen.

 

 

 

Copyright Porträt: Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin

Artikelbild: NIH Image Gallery: Keiichiro Ono, Universität von Kalifornien, San Diego

 

 

 

 

Kommentare

  1. Redaktion

    Mit freundlicher Genehmigung teilen wir hier zwei Facebook-Kommentare von Manuel Thiemer zu diesem Thema: "Es klingt sehr nach Gentherapie. Bei Tumore und Krebs versucht man in den betroffenen Zellen die Blutversorgung zu unterbrechen. Dadurch stirbt die Zelle ab. Auch wenn in der Gentherapie bereits gute Fortschritte gibt, so hat sich herausgestellt, dass beim Menschen es nich immer vom Erfolg gekrönt ist. Bei Tieren hat man da größere Erfolge gemacht. Neben veränderte Gene gibt es noch eine Reihe an Signalstoffen. Ein Ansatz solche Krankhaften Zellen lokalisieren zu können. Das Genom lässt sich ja nicht im Körper sequenzieren. Bestemfalls findet man vielleicht bestimmte Proteine als Kennmerkmal als Signalstoffe. Solche Sonden müssen erst noch entwickelt werden. Wie man hier die Zelle wieder gesund machen will erschließt sich mir nicht. Man kann derzeit keine Genvernderung innerhalb des Körpers durchführen. Noch forscht man an bestimmten Viren ob sich diese zu diesem Zweck einsetzen lassen. Mir sind dahingehend noch keine Fortschritte, geschweige denn Erfolge bekannt. Vielleicht gelingt es in 20 bis 50 Jahren. Denn die Viren könnten die Gene ändern. Allerdings besteht die Große Gefahr negativer Effekte. Es genügt nicht ein bestimmtes Gen zu ändern. Es müssen mehrere sein. Da ist es einfacher erkrankte Zellen einfach sterben zu lassen in dem man die Versorgung mit Blut und andere Versorgungsverbindungen unterbricht. Sicher mag man bei den diversen Tumore und Krebsarten die Gene kennen. Ob eine Zelle eine solche Veränderung hat lässt sich jedoch nur labortechnisch feststellen. Dazu muss diese Zelle entfernt werden. Wenn man das kann, braucht es auch keine Medikament um diese gesund zu machen. Eine Rückverpflanzung veränderter Zellen ist meist nicht möglich da diese nicht mehr integriert wird wie die Erforschung und Tests mit Genveränderte Zellen in der Gentherapie offenbarte. Wie diese molekularen Mikroskope in der Praxis funktionieren soll müsste man mal erklären. Ja, kranhafte Zellen lassen sich durchaus ausmachen anhand ihrer Signalstoffe. Doch wie will man die Zellen gesund machen wenn es danei um Neuronen handelt? Man müsste beispielsweise die Plaque auflösen. Gibt es dazu Erkenntnisse wie das funktionieren müsste? Wie will man absterbende Neuronen am Leben erhalten? Derzeit kann man bestenfalls nur Analysen durchführen und speichern. Die Prozesse dieser Veränderungen sind vielfach nicht bekannt. Daher lässt sich das nicht umkehren. Immerhin kennt man wenigstens die veränderten Gene. Wie will man die Prozesse verstehen lernen, wenn man nicht einmal die Signalstoffe erkennen kann? Man kann nur anhand von Laborstudien mit lebenden Zellen experimentieren um die Prozesse zu verstehen. Doch das allein hilft in der Praxis nichts. Diese Erkenntnis musste man bisher machen bei den bisherigen genterapeutischen Experimente. Ich denke nicht, dass man in den kommenden 20 Jahre da weiterkommt. Zuviele unbekannte beim Zusammenspiel der Gene." "Ich schlage vor ersteinmal Tumore und Krebs bei den Voruntersuchungen sicher zu erkennen. Zu oft werden diese einfach nicht gesehen (oder will man nicht sehen). Es heißt o.B. und drei Wochen später oder 3 Monate später heißt es plötzlich Endstadium. Solange derartige Falschdiagnosen geführt werden und offensichtliche Tumore und Krebs ignoriert wird bringt es nichts einzelne Tumor-, Krebszellen finden zu wollen."
    vor 8 Monate
  2. Andrea

    Hat die französische Kollegin auch einen Namen?

    vor 7 Monate
  3. Redaktion

    Liebe Andrea, danke für Ihren Hinweis, wir haben Frau Prof. Dr. Geneviève Almouzni gerne ergänzt.
    vor 7 Monate

Ihr Kommentar

Wollen Sie namentlich in der Diskussion genannt werden?

Schliessen Kreuz Created with Sketch.

Abonnieren Sie unseren Newsletter!