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"DiGA, E-Health, Telemedizin - damit Patienten wirklich profitieren, braucht es einen Gesamtplan"

Das Potenzial von E-Health – wie elektronischer Patientenakten, Rezepte und Medikationsplänen – ist nachgewiesen und für die individuelle Behandlung wie auch die gesundheitliche Versorgung in Deutschland insgesamt immens. Aber die Bereitschaft, diese zu nutzen ist bislang gering. Woran das liegt und was noch zu tun ist – ein Gespräch mit Marcel Weigand, Leiter Kooperation & digitale Transformation bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland und freier Berater.

Herr Weigand, wo stehen Patienten derzeit in Sachen Digitalisierung?

Sehr unterschiedlich, da es natürlich nicht den oder die eine Patientin gibt. Für viele Patientinnen und Patienten ist das Thema noch sehr weit weg. Leider stehen Digitalisierung, Telemedizin und E-Health noch zu oft im Konjunktiv: die Mehrheit würde Umfragen zufolge Videosprechstunden für medizinische Belange nutzen, aber nur ein kleiner Teil der Arztpraxen bietet dies an. Daran hat auch Corona nicht viel geändert.

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Und wie sieht es bei den Behandlern aus?

Auch da gibt es ein sehr breites Feld. Auf der einen Seite gibt es sehr digital affine, vor allem jüngere Ärztinnen und Ärzte, die sich im falschen Film wähnen, wenn sie merken, dass in Kliniken und Arztpraxen das Faxgerät als zentrale medizinische Kommunikationsstelle eingesetzt wird, während ihr sonstiger Alltag voll digitalisiert ist. Dann gibt es die große Masse der Passiven, die der Digitalisierung weder besonders ablehnend noch enthusiastisch gegenüberstehen und in bestimmten Funktionen und Anwendungen durchaus einen Mehrwert erkennen, wie etwa dem elektronischen Medikationsplan oder dem Notfalldatensatz. Auf der anderen Seite dann haben wir es mit Kritikern zu tun, die für einen Austausch von Argumenten nicht bereitstehen, aber jeden, der digitale Anwendungen nicht verteufelt, zu einem Lobbyisten erklären.

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Wie kann es dann gelingen, die großen Potenziale zu bergen?

Aufklärung, Aufklärung und Aufklärung – und viel Kommunikation. Letztlich können Widersacher nur mit konkretem Einsatz von Anwendungen überzeugt werden. Ich habe oft den Eindruck, dass hier Brückenbauer fehlen. Die Berliner Bubble hat etwas Abgehobenes: Menschen, die nicht mit jedem Begriff der TI etwas anfangen können, fühlen sich schnell verschreckt. Aufklärung, Informationen und Unterstützungsangebote werden sowohl für Health Professionals als auch für Patienten benötigt. Das muss flächendeckend stattfinden. Der Digital-Kompass, mit dem wir zusammenarbeiten, ist hier ein hervorragendes Projekt mit einem tollen Ansatz, um ältere Menschen an digitale Themen und Anwendungen heranzuführen. Solche Projekte weiter auszurollen und mit einer bundesweiten Kampagne zu begleiten, ist dringend erforderlich, um der Bevölkerung digitale Produkte näher zu bringen.

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Das nächste große Ding sind Apps, die verschrieben werden können. Wer erklärt Menschen, die keine digital Natives sind, die App – der Arzt?

Das wäre schön. Aber das ist derzeit noch nicht geregelt. Und realistischerweise muss man sagen, dass, selbst wenn die Vergütung für die Beratung endlich geregelt ist, dies wohl nur wenige Ärzte machen wollen und werden. Da braucht es Schulungen. Der normale Hausarzt wird sich hier sehr schwertun und wenn er einem zwanzigjährigen Patienten mit Typ 1 Diabetes eine App erklären will, braucht er mehr Wissen als das, was derzeit im BfArM-Verzeichnis verfügbar ist. Grundsätzlich halte ich den Nutzen einer breit eingesetzten elektronischen Patientenakte (ePA) für größer. Hier überzeugen mich einfach die Ergebnisse von Studien, die zeigen, dass leitliniengerechter behandelt wird, weniger (Medikations-)Fehler passieren und die Effizienz in der Versorgung gesteigert wird. Wichtig wird es sein, dass DiGA und ePA zusammenspielen. Dies wird aber 2021 noch nicht der Fall sein, da die Schnittstellen fehlen. Alles etwas fragmentiert und nicht aus einem Guss.

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Was muss sich ändern – und wie soll das gehen?

Ich vermisse nach wie vor den Gesamtplan. Derzeit setzen wir viele Bahnhöfe in die Landschaft, haben aber keinen Streckenplan. Eine E-Health-Strategie ist überfällig. Und zwar eine mit konkreten Versorgungszielen.

Zudem müssen wir die Digitalisierung als gesellschaftlichen Wandel und Herausforderung begreifen. Viele Menschen haben grundsätzlich Angst vor Veränderungen. Das muss man ernst nehmen, begleiten und durch Aufklärung und gute nützliche Projekte, die den (Versorgungs-) Alltag verbessern, Vertrauen schaffen. Wer glaubt, dass Digitalisierung nur ein technisch-administrativer Akt ist, irrt gewaltig.

Brückenbauen bezieht sich auch auf den Einsatz von digitalen Anwendungen. Eben habe ich die fragmentierte digitale Landschaft angesprochen. Dies wird sicher mit der Zeit besser werden und die ersten Eckpunkte des 3. Digitalisierungsgesetztes deuten darauf hin, z.B. mit einem Zusammenspiel von eRezept und eMediaktionsplan, aber ich frage mich schon, warum ein Ansatz wie in Dänemark nicht auch bei uns möglich ist: Eine Behandlungsmanagement-Plattform statt zig Einzelprojekte und Anwendungen loszutreten, die nachher wieder mühsam zusammengeführt werden müssen.

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