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Corona auf der Intensivstation: Das gilt es, für die Zukunft zu lernen

Corona war die zentrale Herausforderung für die Intensivstationen in Deutschland: Wie ist die Situation in den Teams heute, Anfang August? Was sind wichtige Erkenntnisse aus der Pandemie bis jetzt und welches sind die Lehren für die Zukunft? Ein Interview mit Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis, Geschäftsführender Oberarzt und Leiter des ECMO Zentrums Klinken Köln, Professor für extrakorporale Lungenersatzverfahren an der Universität Witten Herdecke, wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivregisters und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin 

 

Foto: privat

 Kurz zusammengefasst:

 

  • Trotz entspannterer Situation auf den Intensivstationen ist der Personalmangel höher denn je: 30 Prozent der Pflegekräfte überlegen zu kündigen.

  • Das Besondere an Covid im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen: Das schlechte Outcome. Versichertendaten der AOK zeigen: Über 20 Prozent wurden im Krankenhaus aufgenommen, die meisten über viele Wochen stationär behandelt. Die Sterblichkeit bei  den Beatmeten lag bei 50 Prozent. Bei den über 60jährigen war sie noch höher.

  • Die Medizin hat schnell dazugelernt, was Corona angeht: Beispielsweise, dass in der intensivmedizinischen Behandlung Blutverdünnung, Cortison und zu einem frühen Zeitpunkt der Infektion für Patienten mit Risikofaktoren auch eine passive Immunisierung durch eine Antikörpertherapie  helfen. 

  • Maskenpflicht auch weiterhin wichtig: Vielleicht werden bis Ende Herbst 70 Prozent der Menschen geimpft sein. Aber gerade auch vor dem Hintergrund der Mutanten kann sich bei den 30 Prozent der Nicht-Geimpften das Virus verbreiten.

  • Learnings aus der Krise und Reformbedarf: Die Arbeit in den Kliniken muss transparenter und digitaler sein. Die Ressource Mensch wird zum Nadelöhr in der Medizin: Lieber weniger Krankenhäuser, die gut ausgestattet sind mit gutem Personalschlüssel und hoher Qualität.

Herr Prof. Karagiannidis, wie ist die derzeitige Situation auf den Intensivstationen mit Blick auf Covid-19?

Die Lage hat sich glücklicherweise deutlich entspannt. Allerdings: Ich habe das Team selten so müde gesehen. Wir hatten auf den Stationen zu Beginn einen historisch niedrigen Krankenstand. Jetzt, in einer eigentlich schon wieder entspannteren Situation, ist der Personalmangel höher denn je. Viele sind “durch”. Ich denke, das große Loch kommt nach Corona, wenn sich viele Gedanken darüber machen, was eigentlich in den letzten 18 Monaten passiert sind.

Was erwarten Sie dann?

Wir sehen in Umfragen unter medizinischem Personal  in Kliniken - und das bei Ärzten und Pflegekräften gleichermaßen - , dass 30 Prozent überlegen zu kündigen. 75 Prozent geben die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie als Grund an.

Reaktion auf den Ausbruch der Corona-Pandemie: das DIVI-Intensivregister

Seit April 2020 erfasst das DIVI-Intensivregister täglich aktualisiert die freien und belegten Behandlungskapazitäten in der Intensivmedizin von etwa 1.300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland. Im Rahmen der SARS-CoV-2-Pandemie werden zudem auch aktuelle Fallzahlen intensivmedizinisch behandelter COVID-19-Patient*innen aufgezeichnet. Das Register ermöglicht in der Pandemie, und darüber hinaus, Engpässe in der intensivmedizinischen Versorgung im regionalen und zeitlichen Vergleich zu erkennen.   

Im Vergleich zu anderen Virus-Erkrankungen – was ist für Sie als Intensivmediziner das Besondere an Covid-19?

Das ist sicherlich das schlechte Outcome von Patienten in Deutschland: Wir haben anhand von Daten der AOK – also von rund einem Drittel der gesetzlich Versicherten – den Verlauf von 9000 Menschen analysiert. Über 20 Prozent wurden im Krankenhaus aufgenommen, die meisten über viele Wochen stationär behandelt. Die Sterblichkeit  bei den Beatmeten lag bei 50 Prozent. Bei den über 60jährigen ist sie noch höher gewesen.

Welche Risikofaktoren haben sich neben dem Alter noch als besonders gefährlich erwiesen?

Erhöht ist die Sterblichkeit vor allem bei Menschen, die im Zuge der Corona-Infektion Thrombosen entwickelt haben: Einige Betroffene sind nach ihrer Entlassung wieder stationär aufgenommen worden und verstorben. Ebenfalls stark gefährdet sind Menschen mit Herzinsuffizienz, Lebererkrankungen und Adipositas. Hingegen ist „Frau sein“ ein nachweisbarer Schutzfaktor. Sehr betrübt hat mich eine ungewöhnlich hohe Zahl an Patienten gemacht, die erneut eingewiesen wurden mit der Hauptdiagnose „schwere kognitive Dysfunktion“ – also schwere Gedächtnisstörungen. Das zeigt, wie vielschichtig die Erkrankung auch mit Blick auf ihre Folgeschäden ist. Bis zu zehn Prozent der Patienten haben Langzeitfolgen. Neben Lungenproblemen sind das auch neurologische Folgeerkrankungen z.B. in Verbindung mit Übelkeit und Schwindel.

Wie ist die Intensivmedizin eigentlich mit dem rasant entstehenden neuen Wissen umgegangen?

Die Medizin hat weltweit sehr schnell gelernt. Beispielsweise, dass in der intensivmedizinischen Behandlung Blutverdünnung, Cortison und zu einem frühen Zeitpunkt der Infektion für Patienten mit Risikofaktoren auch eine passive Immunisierung durch eine Antikörpertherapie wirklich helfen – wohingegen vieles, das in der Öffentlichkeit viel Aufmerksamkeit erhielt, sich als weitgehend wirkungslos, wenn nicht kontraproduktiv erwiesen hat. Die Erkenntnisse, die dazu aus Preprints (das sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die noch nicht von unabhängigen Experten überprüft wurden) veröffentlicht wurden, waren zwei Wochen später Behandlungsstandard auf Intensivstationen weltweit. Und es geht noch weiter. Wir haben in Deutschland gleich zu Beginn der Pandemie begonnen, eine Living Guideline zu erstellen. Die enthält nun das aktuelle Wissen über die bestmögliche intensivmedizinische Behandlung von Covid-19-Patienten.

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Die dritte Welle scheint nun vorüber. Wie geht es jetzt weiter auf den Intensivstationen – wird es wieder so wie vorher?

Ganz bestimmt nicht. Wir haben es während der Pandemie gesehen und machen auch jetzt noch die Erfahrung, dass auch die Non-Covid-Fälle stark zurückgegangen sind. Wenn die Masken wegfallen, könnten diese stärker zurückkehren. Auch scheint Delta die bisher schwierigste Variante zu sein. Die Zahlen beginnen bereits jetzt wieder zu steigen. Dies hatten wir im letzten Sommer nicht. Wir können nur auf sehr hohe Impfquoten hoffen.

Welche Bedeutung kommt dem Maskentragen zukünftig noch zu?

Wenn wir die Masken in diesem Jahr weglassen, dann bekommen wir ein Problem. Vielleicht werden wir bis Ende Herbst 70 Prozent der Menschen geimpft haben. Aber gerade auch vor dem Hintergrund der Mutanten kann sich bei den 30 Prozent der Nicht-Geimpften das Virus verbreiten. Die Konsequenz wären wieder R-Werte deutlich über 1 (Anmerkung d. Redaktion: R steht für  "Reproduktionszahl". Sie beschreibt, wie viele Menschen eine infizierte Person im Mittel ansteckt). Deswegen müssen wir die Maskenpflicht aufrechterhalten. Sie ist vergleichsweise die Maßnahme mit der geringsten Einschränkung, aber sehr effektiv

Welche Erkenntnisse werden sich im Gesundheitssystem niederschlagen?

Wir haben gelernt, dass wir transparenter und digitaler sein müssen. Dass wir händisch eingeben, dass ein Patient auf die Intensivstation kommt oder sie verlässt, ist nicht mehr zeitgemäß. Dass wir darüber hinaus viel aus der Pandemie lernen, da bin ich sehr pessimistisch, zumal wir fatalerweise auch eine Bundestagswahl in diesem Jahr haben. Ich fürchte, es wird sich nicht so viel ändern, außer dass wir am Ende weniger Personal haben werden.

Was müsste sich denn für die Zukunft ändern?

Wir müssen die richtigen Lehren ziehen. Wir brauchen eine Reform – und die wird die Krankenhäuser betreffen. Lieber weniger Krankenhäuser, die gut ausgestattet sind mit gutem Personalschlüssel und hoher Qualität, ist meine Meinung – damit würden alle besser fahren. Die Ressource Mensch wird das Nadelöhr werden in der Medizin!

 

 

Artikelbild: Shutterstock

Foto Teaser: Kliniken Köln, Felix Schmitt 

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