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„Wir müssen die Zukunftsthemen wieder aktiv gestalten.“

Eine Welt im Lernmodus: Covid-19 hat Schwachstellen sichtbar gemacht und Energien mobilisiert. Was folgt aus der Pandemie fürs Gesundheitswesen? Ein Gespräch mit Martin Fensch, Mitglied der Geschäftsführung von Pfizer in Deutschland.

Was lernen Sie aus der Krise?

Resilienz ist das Gebot der Stunde – in der Krise widerstandsfähig bleiben. Die Pandemie hat gezeigt, wo wir vulnerabel sind. Es fehlte an manchen Medikamenten und Schutzkleidung, und auch die Versäumnisse in der Digitalisierung wurden sichtbar. Wenn wir jetzt darüber sprechen, dass wir wieder resilienter werden müssen, dürfen wir das allerdings nicht mit Autonomie verwechseln. Würden wir Medikamente oder Schutzkleidung nur noch in Deutschland produzieren, dann wären wir maximal nicht resilient. Sollten hier Systeme zusammenbrechen, hätten wir möglicherweise gar nichts mehr. Resilienz heißt immer Vielfalt. Wir brauchen redundante, sich ergänzende, starke Netzwerke, so dass entscheidende Strukturen auf mehrere Schultern verteilt sind.

Was zurzeit nicht der Fall ist. In der Wirkstoffproduktion sind wir abhängig von China oder Indien.

Das betrifft in erster Linie die patentfreien Medikamente, also jenen Bereich, in dem in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland viel gespart wurde und zudem starker Wettbewerb besteht. Die Herstellungskette für Arzneimittel sollte im Sinne der Resilienz nicht abhängig von einzelnen Ländern sein. Wichtige Wirkstoffe müssen an verschiedenen Orten redundant hergestellt werden. Aber dabei muss man die Logik der Märkte beachten. Wir sind beispielweise durch eine vergleichsweise hohe Besteuerung in Deutschland bei Investitionsentscheidungen im Nachteil. Welchen Grund sollte jemand haben, eine Fabrik in Deutschland zu bauen? Diese Frage muss man sich stellen. Wer Kapazitäten im eigenen Land haben will oder auch in Europa, muss Bedingungen schaffen, die Erhalt und Ansiedlung attraktiv machen.

Ist das eher ein deutsches oder ein europäisches Thema?

Der Zugang zu einem europäischen Markt mit 500 Millionen Menschen wäre äußerst interessant. Insofern ist es auch ein europäisches Thema. Aber leider müssen Unternehmen immer noch Land für Land in den Markt gehen und die unterschiedlichsten regulatorischen Frameworks beachten. Das verlangsamt und erschwert das ungemein.

Wie funktioniert das bei Medikamenten – wir haben doch eine zentrale Zulassungsagentur?

Wenn ein Medikament von der EMA (European Medical Agency) für den europäischen Raum zugelassen wurde, folgt in jedem einzelnen europäischen Land ein eigener Marktzugangs- und Preisfindungsprozess. Das führt dann auch dazu, dass wir uns hier schon modernster Medikamente erfreuen, während andere Länder innerhalb der EU diese erst in zwei, drei Jahren oder gar nicht zu sehen bekommen. Diese Fragmentierung finden wir überall: in der Gesundheits-Infrastruktur, der Patienten-Information, der Prävention – da gibt es ganz erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen europäischen Ländern, bis hin zur Covid-19-Forschung.

Ziehen die Europäer da nicht an einem Strang?

Politisch: Ja. In der Forschung: Nein. Europäische Länder forschen stärker mit den USA als mit anderen europäischen Ländern. Die Wertschöpfung aus unserer Forschung fließt häufig ab in die USA. Als Geschäftsführer in einem US-Unternehmen könnte mir das auch egal sein. Ist es aber nicht. Zum einen bin ich mit ganzem Herzen Europäer, zum anderen könnten alle von starken Netzwerken profitieren, auch die Länder außerhalb Europas und vor allem die Patienten. Denn funktionierende Ökosysteme liefern zuverlässig Fortschritt.

Sie würden also nicht sagen: Europa, mache dich wieder autark?

Europa, schotte dich nicht ab. Aber mache dich stärker.

Was wäre zu tun?

Wenn man den Hebel umlegen will, muss man grundlegend rangehen: Bildung, Förderung der Forschung und Translation, Besteuerung, Zur-Verfügung-Stellen von Kapital, Fördern und Halten von Talenten... und, und, und. Wir müssen die Zukunftsthemen wieder aktiv gestalten. Das sehen wir auch am Thema ‚Daten‘, die für die Forschung so wertvoll sind. Weil Unternehmen hierzulande kaum an Daten kommen, wandern sie ab. Neulich hatte ich ein Gespräch mit dem CEO eines Start-ups, das Verkehrskonzepte für Städte mit Big Data modelliert. Die Aufträge kommen von deutschen Kommunen, die Daten für die Modellierung müssen sie aber im Ausland einkaufen und dann anpassen. In der Medizin ist es ähnlich absurd.

Datenschutz ist vielleicht ein höheres Gut, als Sie denken?

Ich bin nicht gegen Datenschutz. Datenschutz und Forschung schließen sich doch nicht aus. Es gibt gute Konzepte wie beides in Einklang gebracht werden kann. Wenn wir es den Unternehmen in Deutschland nicht ermöglichen mit Daten zu forschen, dann findet diese Forschung nicht in Deutschland statt. Wenn sie hier nicht stattfindet, hat Deutschland darauf weder Einfluss noch Mitbestimmung. Das ist doch eine einfache Rechnung.

Kommen wir nochmal zur Versorgung mit wichtigen Medikamenten wie Antibiotika. Braucht es dafür mehr Staat?

Vielleicht auch nur andere Modelle: Manche Felder sind nicht gut bestellt, weil der Ackerbau dort ruinös wäre. Kein Unternehmen kann auf Dauer Antibiotika entwickeln, wenn diese dann als Reserveantibiotika im Tresor liegen. Das rechnet sich nicht in einem Businessmodell, das auf Bezahlung pro Packung ausgelegt ist. Man könnte stattdessen auf andere market based incentives setzen. Ein Beispiel: Ein Unternehmen, das ein solches Präparat auf den Markt bringt, erhält einen Gutschein für die Patentverlängerung eines Medikaments eigener Wahl. So finanzieren sich wichtige Arzneien aus dem Markt heraus.

Welche positive Erfahrung haben Sie durch die Corona-Pandemie gemacht?

Gruppen, zwischen denen bisher Distanz herrschte, haben sehr eng miteinander gearbeitet. Auch staatlich-behördliche Institutionen waren bereit, sich mit uns auf kurzem Wege abzustimmen und Vorgänge im Sinne der Patienten zu beschleunigen. Das ist die neue Qualität. Die Frage steht im Raum, was wir tun können, damit diese sehr zielgerichteten positiven Kooperationen auch in der Zukunft bestehen bleiben. Denn wenn es darum geht, Patienten so gut wie möglich zu behandeln, haben ineffiziente und langsame Prozesse keinen Platz.

 

 

 

Martin Fensch ist Mitglied der Geschäftsführung von Pfizer in Deutschland.

Foto: Teka77 / photocase.de

Kommentare

  1. Anonym

    Wichtige Medikamente, also auch Antibiotika, müssen verfügbar sein. Versetzen Sie sich in die Rolle des behandelnden Arztes, der erst die Apotheken abtelefoniert, um zu erfahren, was der Großhandel zur Zeit liefern kann.

    vor 6 Tage
  2. Anonym

    Super! genau auf den Punkt getroffen.👍

    vor 4 Tage
  3. Anonym

    Ich stimme den Aussagen von Herrn Fensch zu. Es wäre zu wünschen, dass seine Vorschläge bei der weiteren Entwicklung unseres Gesundheitswesens in Deutschland und Europa berücksichtigt werden.

    vor 2 Tage

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