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Was wir für BrustkrebspatientInnen aus der Corona-Pandemie lernen können

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf die Diagnose und Therapie von Brustkrebserkrankungen in Deutschland? Das haben wir eine Patientenrechtsvertreterin, einen Onkologen und den Vorsitzenden einer Krebsgesellschaft gefragt. 

 

Wir haben gesprochen mit:

 

 

  • Prof. Dr. Thorsten Kühn, Chefarzt am Klinikum Esslingen, 1. Vorsitzender von EUBREAST

  • Renate Haidinger, Medizinjournalistin und Patientenrechtsvertreterin

  • Dr. Steffen Wagner, Vorsitzender der Saarländischen Krebsgesellschaft

 

Die Learnings:

Prof. Dr. Thorsten Kühn,

Chefarzt am Klinikum Esslingen, 1. Vorsitzender von EUBREAST

Eine gute Nachricht: Die behandelnden ÄrztInnen haben unter dem Eindruck der Pandemie besser miteinander kooperiert

„In vielen Regionen Deutschlands haben sich Chefärzte aus Frauenkliniken zusammengeschlossen, um gemeinsame Therapieentscheidungen zu treffen – eine Art externes Tumorboard, um allen neuen Situationen Rechnung zu tragen. Von der Erfahrung der unterschiedlichen Fälle konnten PatientInnen mit Brustkrebs profitieren.“

Allerdings: Die laufende Therapie sollte weder abgebrochen noch kurzfristig geändert werden.

„Gerade zu Beginn der Pandemie bestand große Unsicherheit bezüglich der Therapie. In einer Umfrage von EUBREAST unter 377 Brustzentren aus 41 Ländern gaben viele Ärzte an, dass zu Beginn der Pandemie beispielsweise die Strahlentherapie gestreckt oder modifiziert worden sei. 51 % der befragten Zentren gaben an, Abläufe in der Chemotherapie geändert zu haben. In Fachgesellschaften besteht allerdings Konsens darüber, dass Krebstherapien in den meisten Fällen nicht abgebrochen oder Therapiesequenzen verändert werden müssen. Für das individualisierte Vorgehen haben wir risikoadaptierte Leitlinien formuliert“.

Das ist über die Diagnose-, Behandlungs- und Präventions-Situation während der Lockdowns 2020 bekannt:

  • In Deutschland wurden in der zweiten Märzhälfte 2020, also zu Beginn der Pandemie, ca. 30 % weniger KrebspatientInnen als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum behandelt, wie eine Berechnung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung ergab.
  • Eine Analyse von rund 69.000 Krebsfällen aus 75 Helios-Kliniken in 13 Bundesländern ergab, dass im und nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 weniger KrebspatientInnen behandelt wurden als im gleichen Zeitraum 2019. Der Rückgang an Aufnahmen im Krankenhaus zur Diagnose und/oder Behandlung läge zwischen zehn und 20 Prozent. Dabei sei nicht davon auszugehen, dass es 2020 deutlich weniger Krebserkrankungen gab, sondern dass die Erkrankungen wahrscheinlich erst später festgestellt wurden, so die Autoren.
  • Dem Trendreport des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung vom Februar 2021 zufolge sank die Anzahl an Behandlungsfällen beim Mammographie-Screening in der letzten Märzwoche 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 82,6 %, beim Hautkrebsscreening um 69,9 %, bei der Früherkennungskoloskopie um 42,5 %, bei der Früherkennung von Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter um 23,3 %.

Renate Haidinger,

Medizinjournalistin und Patientenrechtsvertreterin 

Verschobenes kann auch nachgeholt werden – zum Beispiel durch eine motivierende Kommunikation für ein Mammographie-Screening

„Auch wenn Mammographien verschiebbar sind, wird es Folgen haben, dass gerade zu Beginn der Pandemie so gut wie keine Mammographie durchgeführt wurde. Die größten Einschnitte im Bereich Brustkrebs gab es zweifelsohne in der Frühdiagnostik. Der Moment der Diagnose wurde oftmals um Monate nach hinten verschoben, weswegen viele entdeckte Mammakarzinome bereits im fortgeschrittenen Stadium waren. Hier ist eine klare und offene Kommunikation notwendig, Frauen sollten z.B. über die Medien dazu aufgefordert werden, verschobene Mammographiescreenings nachzuholen.“

Die Logistik in Brustzentren, Praxen und Kliniken, in denen sich BrustkrebspatientInnen aufhalten, ist entscheidend…

„Die Logistik und damit verbundene Hygienemaßnahmen sind gerade für immunsupprimierte (mit Chemotherapien behandelte) KrebspatientInnen von höchster Bedeutung. Man könnte Best Practice Beispiele über medizinische Zeitschriften etc. in die Breite verteilen. Weiterhin könnte man onkologische PatientInnen unter Chemotherapie von großen Kliniken in kleine Praxen umleiten, um so das Infektionsrisiko zu minimieren.“

… Genauso wie digitale Angebote

„Es ist leider zu erkennen, dass manche niedergelassenen Praxen weniger von telemedizinischen Möglichkeiten Gebrauch machen als Kliniken in der Versorgung von AkutpatientInnen.“

BrustkrebspatientInnen über mögliche Nebenwirkungen der Covid-19 Impfungen aufklären

„Als ein wichtiges Beispiel ist hier die Vergrößerung der Lymphknoten bis zu vier Wochen nach der Impfung zu nennen. Oftmals führte dies zu Unklarheiten bei BrustkrebspatientInnen, weswegen es sehr wichtig ist, dass sowohl Ärzte ihren PatientInnen die Frage nach der Impfung stellen, als auch, dass PatientInnen ihren Behandler über eine kürzlich erfolgte Covid-19 Impfung informieren.“

Dr. Steffen Wagner,

Vorsitzender der Saarländischen Krebsgesellschaft

Psychoonkologische Angebote gewinnen durch Corona an Wichtigkeit

„Immunsupprimierte PatientInnen gehören in Pandemiezeiten zur absoluten Risikogruppe. Die isolierungsähnliche Quarantäne-Situation, die sie schützt, ist gleichzeitig für viele PatientInnen psychisch sehr belastend. Wir sind mit den Krebsgesellschaften bereits sehr präsent in der psychoonkologischen Betreuung und spüren eine sehr große Nachfrage. Gerade PatientInnen mit angststrukturierter Persönlichkeit leiden sehr unter der Gefahr von COVID-19 und sind auf diese psychoonkologischen Angebote angewiesen.“

Die Aufforderung der Politik, medizinische Behandlungen auf das Mindeste zu reduzieren, war richtig, im Nachhinein aber zu breit gestreut

„Es ist wichtig, Patientinnen zum Beispiel durch durchdachte Hygienemaßnahmen die Angst vor einer Ansteckung vor Ort während der Therapie zu nehmen, sie brauchen Sicherheit beim Betreten der Praxis. Die Fachgesellschaften haben Empfehlungen ausgegeben, die auch umgesetzt werden. Meiner Beobachtung nach haben wir viel aus der ersten Welle gelernt und die Patienten trauen sich langsam wieder in die Kliniken und Praxen. Wir erwarten deshalb  in den nächsten Monaten einen deutlichen Anstieg der primären Tumorfälle, die möglicherweise bisher „verschleppt“ wurden. In meiner eigenen Praxis kenne ich einige solcher Fälle.

Telemedizin ist sinnvoll, muss aber besser vergütet werden.

„Digitale Angebote wie Telemedizin zahlen indirekt in eine einfachere Logistik und bessere Hygiene-Standards in Praxen ein. Zusätzlich und noch bedeutender sind die Möglichkeiten, um auch über die Zeit der Pandemie hinaus ein ergänzendes Betreuungsangebot zur Verfügung zu stellen. Viele ÄrztInnen und PatientInnen nutzen diese Angebote. Wichtig ist außerdem, dass auch das Pflegepersonal telemedizinisch tätig ist. Die Vergütung ist aktuell nicht kostendeckend, aber ich habe die Hoffnung, dass diese zukünftig durch die guten Erfahrungen in der Pandemie höher bewertet wird.“

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