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"Ich fühle enormen Druck, weil ich will, dass das aufhört."

Im Rennen um Corona-Impfstoffe steht die gebürtige Deutsche Kathrin Jansen als Forschungschefin in der Impfsparte des Pharmakonzerns Pfizer an vorderster Front. Sie spricht über den Zeitdruck in ihrer Arbeit, Impfskeptiker und die Lehren aus Donald Trumps Infektion. Das Interview erschien in der Ausgabe vom 4. Oktober der Frankfurter Allgemeinen Zeitung  - alle Rechte sind vorbehalten. Das Gespräch führte Roland Lindner

Frau Jansen, was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass sich Amerikas Präsident Donald Trump mit dem Coronavirus angesteckt hat?

Ich dachte mir, das ist schrecklich. Man sollte ja meinen, jemand in seiner Position hat genug Leute um sich, die sicherstellen, dass er vor dem Virus geschützt ist. Es macht deutlich, wie sogar ein Staatsoberhaupt das Virus unterschätzt hat. Aber vielleicht stecken darin ja auch Lektionen.

Und die wären?

Dass jeder das Virus bekommen kann, wer immer er auch ist. Vielleicht ist es eine Lehre für Leute, die meinen, das Virus muss nicht ernst genommen werden. Vielleicht klärt es mehr Menschen auf und bringt sie dazu, sich besser zu schützen und den Empfehlungen von Gesundheitsbehörden zu folgen.

In Amerika ist die Debatte um die Corona-Krise besonders politisch aufgeheizt. Könnte Trumps Infektion das ändern?

Ich kann das nicht vorhersagen. Ich bin Wissenschaftlerin und treffe meine Entscheidungen auf Basis von Fakten und dem Verständnis von Prozessen. Politik ist nicht so berechenbar.

Pfizers Vorstandschef hat vor wenigen Tagen einen bemerkenswerten Brief an die Mitarbeiter geschrieben. Er hat beklagt, in der Fernsehdebatte zwischen Trump und seinem Herausforderer Joe Biden von den Demokraten sei es in der Diskussion um Impfungen um Politik statt um wissenschaftliche Fakten gegangen, und das erschüttere das Vertrauen der Öffentlichkeit ...

Ich habe die Debatte nicht gesehen, aber ich finde, der Brief war wichtig. Am Anfang der Pandemie schienen ja noch alle an einem Strang zu ziehen, das galt für Wissenschaftler, Unternehmen und viele andere. Aber dann kam irgendwie die Politik dazwischen. Wenn wir diesen Kampf aber gewinnen wollen, dann sollte sich die Politik heraushalten. Wir müssen zusammenarbeiten, egal woran wir glauben oder welcher Partei wir angehören. Das ist wichtig für die ganze Menschheit. Die Politik darf uns nicht auseinanderbringen.

Was sagen Sie zu Impfskeptikern?

Ich sage immer: Folgt den Fakten und der Wissenschaft. Impfungen haben der Gesundheit von Menschen nachweislich einen enormen Nutzen gebracht. Wir leben heute länger und unseren Kindern geht es besser, weil wir uns um bestimmte Infektionskrankheiten keine Sorgen mehr machen müssen, zumindest gilt das in vielen Teilen der Welt. Wir sehen den Nutzen von Impfungen jedes Jahr an der Grippe. Ich empfehle jedem, sich bei respektierten Quellen zu informieren, also Ärzten oder Gesundheitsbehörden. Hört nicht auf Politiker und Leute, die nur Meinungen vertreten.

Finden Sie, es ist eine persönliche Entscheidung, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, wenn das möglich ist, oder halten Sie es für unverantwortlich, wenn man es nicht tut?

Ich finde, darüber sollte man nicht einmal nachdenken müssen. Sobald wir eine sichere und wirksame Impfung haben, sollte man sie natürlich nehmen. Um sich selbst zu schützen, seine Familie und alle anderen.

Wann werden Sie sich impfen lassen? Sobald ein Impfstoff verfügbar ist?

Ja, unverzüglich.

Sie sind mit dem Impfstoff, den Sie zusammen mit Ihrem deutschen Partner Biontech entwickeln, sehr weit, im Moment absolvieren Sie die dritte und letzte Phase von klinischen Tests. Können Sie heute mit einem hohen Maße an Zuversicht sagen, dass daraus ein marktreifes Produkt wird?

Es ist schwer, das mit Gewissheit zu sagen, weil es sich um ein neuartiges Virus handelt und wir es nicht so gut verstehen. Es gibt keine guten Modelle dafür, deshalb brauchen wir Experimente, und das machen wir in den Phase-3-Tests. Aber ich kann Ihnen mein instinktives Gefühl geben. Wir haben diese Plattform, die wir mit Biontech entwickeln, gewählt, weil wir glauben, sie ist die beste Wette auf eine starke Immunreaktion.

Pfizer hat ja in Aussicht gestellt, noch Ende Oktober Schlüsse aus den klinischen Tests zu ziehen ...

Ja, es ist möglich, dass wir bis dahin die Daten haben, um zum ersten Mal sagen zu können: Wir haben einen potentiell wirksamen Impfstoff. Das hängt aber noch von einer Reihe von Variablen ab, die alle zusammenhängen.

Impfungen immunisieren üblicherweise nicht zu 100 Prozent. Mit wie viel wären Sie bei Ihrem Kandidaten zufrieden?

Mir persönlich wäre natürlich je höher, desto lieber. Das hätte den größten unmittelbaren Nutzen und würde uns auf den schnellsten Weg bringen, die Pandemie zu stoppen. Aber wenn man sich die Richtlinien von Gesundheitsbehörden wie der amerikanischen FDA anschaut, dann sagen die, eine Impfung mit 50 Prozent Effektivität hätte einen gewaltigen Nutzen. Das wäre auch auf einer ähnlichen Stufe wie gewöhnliche Grippeimpfungen. Wir würden das somit auch bei unserer Impfung akzeptieren, aber wir hoffen auf eine höhere Zahl.

Angenommen wir hätten eine Impfung mit 50 oder auch 60 Prozent Effektivität: Müssen wir dann keine Masken mehr tragen und können zum Beispiel in Konzerte so wie früher?

Das ist eine sehr wichtige Frage, die ich selbst gerade einem Kollegen gestellt habe, und wir haben darauf noch keine Antwort. Epidemiologen arbeiten noch an entsprechenden Modellen.

Wir wissen also noch nicht, ob wir zur alten Normalität zurückkehren können, selbst wenn wir einen Impfstoff haben?

Ich habe noch keine Daten gesehen, die uns eine verlässliche Antwort darauf erlauben würden. Das ist ein Grund, warum ich auf eine sehr hohe Effektivität hoffe, weil wir dann wissen, dass wir früher zur Ziellinie kommen. Man unterbricht die Übertragungskette und bekommt wahrscheinlich Herdenimmunität, weil man nicht mehr jeden impfen muss. Diese Herdenimmunität ist übrigens je nach Virus sehr verschieden. Bei Masern zum Beispiel, die sehr, sehr ansteckend sind, müssen um die 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert sein, bei anderen Infektionserkrankungen reichen vielleicht 80 Prozent. Wir wissen noch nicht, wie hoch das beim Coronavirus ist.

Sollten Sie jetzt tatsächlich noch im Oktober oder auch danach sagen können, Sie haben einen wirksamen Impfstoff: Was sind dann die nächsten Schritte?

Wir werden eine sogenannte Notfallgenehmigung beantragen. Dafür haben die FDA und die Behörden in anderen Ländern Richtlinien. Wir müssen ein Paket von Daten zusammenstellen, zu Wirksamkeit, Sicherheit und unserer Fähigkeit, die Impfung in konsistenter Weise zu produzieren. Der nächste Schritt ist dann der Antrag auf eine allgemeine kommerzielle Lizenz. Dazu müssen wir ein viel umfassenderes Paket einreichen.

Wenn Sie die Freigabe der Behörden erhalten: Wer wird zuerst Zugang zu der Impfung haben, und wann wird sie allgemein verfügbar sein?

Bei einer Notfallgenehmigung entscheidet die Regierung, wer sie zuerst bekommt, zumal begrenzte Mengen verfügbar sein werden. Angenommen wir bekommen die Freigabe noch in diesem Jahr und haben 100 Millionen Dosen verfügbar, dann würde ich vermuten, dass bestimmte Risikogruppen zuerst dran sind, also zum Beispiel Krankenhauspersonal oder Menschen, die besonders anfällig für schwere Erkrankungen sind. Die Ausweitung auf die Allgemeinheit könnte dann im Laufe des nächsten Jahres geschehen, wenn alles gut läuft. Das hängt dann vor allem von der Verfügbarkeit von Impfungen ab, auch wie viele verschiedene Impfstoffe es geben wird. Wir haben gesagt, wir könnten bis Ende nächsten Jahres 1,3 Milliarden Dosen machen. Das reicht natürlich nicht, um die ganze Welt zu immunisieren.

Wie wichtig wäre es Ihnen, mit Pfizer als Erstes einen Corona-Impfstoff zu haben?

Es geht darum, so schnell wie nur irgend möglich zu sein, und natürlich wäre es großartig, wenn wir nach all unserer Arbeit der Erste wären und eine führende Rolle hätten. Aber ich habe oft gesagt, ein einzelner Impfstoff wird diese globale Last nicht schultern können. Wir stehen einem Feind gegenüber, und wir müssen alle zusammen helfen, ihn zu schlagen.

Sie haben in Ihrer Karriere einige erfolgreiche Impfstoffe entwickelt. Ist das Coronavirus ihre bisher größte Herausforderung?

Dieses Projekt hat eine Intensität und ein Tempo wie noch kein anderes. Wir machen alles gleichzeitig statt nacheinander. Üblicherweise läuft das in unserer Branche so: Man macht etwas, lernt daraus, debattiert darüber und macht dann weiter oder eben nicht. Jetzt warten wir nicht auf Ergebnisse, bevor wir den nächsten Schritt machen. Wir haben auch mehr Unterstützung, als wir das gewohnt sind. Wir müssen uns sonst oft verteidigen, warum wir etwas tun. Hier ist jedem klar, wie wichtig das ist.

Fühlen Sie sich deshalb unter besonderem Druck? Die ganze Welt wartet auf eine Corona-Impfung und blickt auf ihre Arbeit ...

Ja, ich mache mir Druck, weil ich sehe, wie verheerend das Virus ist. Ich lebe in New York und muss nicht weit gehen, um das zu sehen. Vor ein paar Tagen bin ich mit dem Fahrrad in den Stadtteil Harlem gefahren, und die Auswirkungen der Pandemie sind so offensichtlich, sie starren einem ins Gesicht.

Was meinen Sie genau?

Ich meine nicht nur die Krankheit an sich. Ein Laden nach dem anderen macht zu, es gibt viel mehr Obdachlose als sonst. In den ersten Monaten dachten wir noch, wir bekommen das vielleicht bald in den Griff, aber das war nicht der Fall. Und nun haben wir eine zweite Welle, und die Infektionsraten gehen nach oben, ob jetzt in Deutschland, Frankreich, Spanien oder Amerika. Ich denke, wir haben bislang erst die Spitze des Eisbergs gesehen und verstehen noch nicht das Ausmaß dessen, was die Pandemie am Ende in der Welt anrichtet. Also ja, ich fühle enormen Druck, weil ich will, dass das aufhört. Und weil ich viel Erfahrung mit der Entwicklung von Impfstoffen habe, kann ich vielleicht einen Beitrag leisten. Dafür gebe ich alles.

Pfizers oberste Impfstoffforscherin

Einen der aussichtsreichsten Kandidaten für eine Impfung gegen das Coronavirus entwickelt derzeit das Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech zusammen mit dem amerikanischen Pharmakonzern Pfizer. Auf Pfizers Seite spielt dabei die 62 Jahre alte Kathrin Jansen eine führende Rolle, eine gebürtige Deutsche, die seit langem in der amerikanischen Pharmabranche arbeitet. Jansen verantwortet die Forschung und Entwicklung von Pfizers Impfsparte. Sie wurde in Erfurt geboren und floh als Zweijährige, kurz vor dem Mauerbau mit ihrer Familie in den Westen. Wie sie später erzählt bekam, war es eine abenteuerliche Aktion: Jansen war mit ihrer Tante im Auto, ihre Eltern nahmen eine andere Route. Sie wurde vorher mit Medikamenten ruhiggestellt, damit sie an der Grenze nichts Falsches sagt. Nach der Flucht ging die Familie nach Marl in Nordrhein-Westfalen.

Jansen erinnert sich, dass sie als Kind regelmäßig krank war, sie litt oft unter Halsentzündungen und Husten. Es hat sie damals beeindruckt, dass sie sich nach der Einnahme von Medikamenten besser fühlte, und diese Erfahrung macht sie mitverantwortlich dafür, dass sie beruflich etwas mit Medizin machen wollte. Sie erwarb einen Doktortitel in Mikrobiologie, Biochemie und Genetik an der Philipps-Universität in Marburg und ging danach für eine Postdoc-Stelle an die amerikanische Cornell University. Im Jahr 1992 kam sie zum Pharmakonzern Merck & Co., dort war sie unter anderem für die Entwicklung von Gardasil verantwortlich, dem ersten Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Seit dem Jahr 2009 arbeitet sie für Pfizer.

Im Falle des Impfstoffkandidaten, an dem sie hier nun in Partnerschaft mit Biontech forscht, handelt es sich um eine genbasierte mRNA-Technologie. Dieser Ansatz gilt als vielversprechend und wird auch von einigen anderen Unternehmen verfolgt, allerdings ist bisher noch nie eine solche Art der Impfung zugelassen worden. Pfizer und Biontech sind in der dritten und letzten Phase von klinischen Tests und zählen zu den Favoriten für die erste Zulassung einer Corona-Impfung. Die Unternehmen haben gesagt, sie könnten vielleicht schon bis Ende Oktober aussagekräftige Ergebnisse zur Wirksamkeit ihrer Substanz haben. Das macht ihr Projekt auch zu einem Politikum, denn damit würden sie möglicherweise noch vor der amerikanischen Präsidentenwahl eine Erfolgsmeldung liefern, die Donald Trump sehr gelegen käme.

Erschienen in Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 4. Oktober 2020. Autor: Roland Lindner © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv".

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