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Alkohol_Deutschland_Prävention

Oh Alkohol!

Fast zehn Millionen Bundesbürger trinken mehr, als ihrem Körper gut tut. Bei Maßnahmen zur Alkoholprävention hinkt Deutschland vielen anderen europäischen Staaten hinterher.

Wer über 150 Gramm Alkohol pro Woche konsumiert, setzt seine Gesundheit aufs Spiel und muss damit rechnen, früher zu sterben. Zu diesem Schluss kommt eine unlängst im Fachblatt „The Lancet “ vorgestellte Auswertung der Langzeitdaten von fast 600.000 Erwachsenen aus überwiegend wohlhabenden Ländern. Um auf der sicheren Seite zu sein, empfehlen die Autoren beiden Geschlechtern, wöchentlich höchsten 100 Gramm Reinalkohol zu sich zu nehmen. Das entspricht in etwa acht 0,33-Liter-Flaschen Bier oder fünf Gläsern Wein à 0,2 Liter.

Soweit die Theorie, die ja bekanntermaßen grau ist. Ähnlich grau erscheint offenbar vielen Bundesbürgern ein derart dosiertes Trinkverhalten. Nach dem Alkoholatlas, den das Deutsche Krebsforschungszentrum letzten Oktober erstmals herausbrachte, konsumieren hierzulande 18 Prozent der Männer und 14 Prozent der Frauen Alkohol in riskanten Mengen. Summa summarum macht das rund 9,5 Millionen Menschen. Allerdings liegt in Deutschland der Grenzwert für Frauen bei nur 70 Gramm Reinalkohol die Woche. Bei Männern sind es aber 140 Gramm. Deshalb dürfte die Zahl auch nach den Vorgaben der Lancet-Experten mehr als realistisch sein.

Vorbild Schottland? Mindestpreis soll Konsum bremsen

Marlene Mortler zog nach Veröffentlichung des Drogenatlas jedenfalls ein klares Fazit. „Das Problembewusstsein ist beim Thema Alkoholkonsum nach wie vor zu niedrig“, so die Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Die Gegenmittel sind Aufklärung und effektive Maßnahmen zur Prävention gesundheitsgefährdenden Trinkens. Hier beschreitet Schottland jetzt einen neuen Weg. Nach jahrelangem Rechtstreit gilt dort seit 1. Mai ein Mindestpreis für alkoholische Getränke. Bier, Wein und Spirituosen müssen so teuer verkauft werden, dass der enthaltene reine Alkohol mit 50 Pence (57 Cent) pro zehn Milliliter zu Buche schlägt.

Höhere Preise, sinkender Konsum – insbesondere bei Personen, deren Kasse eher knapp ist, dürfte diese Logik greifen. Als Beleg gilt die 2004 eingeführte Alkopop-Steuer, durch die die Nachfrage nach den vor allem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebten alkoholhaltigen Mixgetränken zurückging. Dass ärmere, sozial schwächere Schichten eher zum Glas greifen, entlarvt der Alkoholatlas jedoch als bloßes Klischee.

Wohlhabend, angesehen – und trinkfreudig!

Anhand von Bildungsstand, Berufsstatus und Einkommensverhältnissen teilten die Forscher die Gesellschaft in drei Gruppen ein. Während weniger als 50 Prozent der Männer mit niedrigem sozialem Status mindestens einmal die Woche Alkohol trinkt, sind es unter den Männern mit hohem Sozialstatus 70 Prozent. Von den Frauen mit niedrigem sozialem Status konsumiert nur ein Viertel zumindest wöchentlich Alkohol, knapp jede Zehnte in riskanten Mengen. Bei Frauen mit hohem sozialen Status hingegen trinkt rund die Hälfte pro Woche mindestens einmal Alkohol, mehr als 20 Prozent pflegen einen riskanten Konsum. Schwer zu glauben, dass sich die Besserverdiener vom Kauf abhalten lassen, wenn die Flasche Grauburgunder nicht mehr fünf sondern 13 Euro kostet.

Der Preis ist aber längst nicht die einzige Stellschraube in der Alkoholprävention. An einer zweiten hat Litauen, laut WHO das Land mit dem höchsten Alkoholkonsum weltweit, energisch gedreht. Ob in Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen oder Blogs – seit Anfang 2018 ist jedwede Werbung für Alkohol dort untersagt. Damit folge man den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, nach denen ein Alkohol-Werbeverbot eine der effektivsten Maßnahmen zur Minimierung des Konsums sei, sagt Jonas Zala von der Behörde für die Kontrolle von Drogen, Tabak und Alkohol im Interview mit der Deutschen Welle.

Nachholbedarf bei Prävention

Nach Veröffentlichung der Lancet-Studie plädierte Hans-Jürgen Rumpf von der Forschungsgruppe „Substanzbezogene und verwandte Störungen: Therapie, Epidemiologie und Prävention“ der Universität zu Lübeck dafür, Angaben zum reinen Alkoholgehalt gut sichtbar und leicht verständlich zu deklarieren und zu erklären, sowohl auf den Getränken selbst, als auch in Speisekarten von Restaurants oder Bars. „Das wäre ein Fortschritt, ist aber politisch – ebenso wie die Lebensmittel-Ampel – vermutlich derzeit schwer durchzusetzen“, so der Ex-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie.

Ein Mitte 2017 vorgestellter WHO-Bericht attestiert Deutschland in Sachen Alkoholprävention insgesamt eher schlechte Noten. Überprüft wurde, inwieweit der 2011 von allen 53 Mitgliedsstaaten der europäischen WHO-Region verabschiedete "European action plan to reduce the harmful use of alcohol 2012-2020" in den einzelnen Ländern bereits umgesetzt ist. Im Bereich Politik/Aufklärung liegt die Bundesrepublik auf Platz 23 von 29 untersuchten Staaten, bei den Maßnahmen gegen Alkohol am Steuer auf 26 von 30, in puncto Prävention am Arbeitsplatz und in der Kommune auf dem vorletzten Rang. Bei den Einschränkungen der Verfügbarkeit von Alkohol bildet Deutschland sogar das Schlusslicht – wenig überraschend angesichts dessen, dass hierzulande jede Tankstelle rund um die Uhr Bier, Wein und Spirituosen verkaufen darf.

Immerhin gibt der Alkoholatlas Anlass zur Hoffnung, dass sich die Problematik gesundheitsgefährdenden Trinkens künftig ein wenig entschärft. So nahmen 2007 noch 11 Prozent der Mädchen und 13 Prozent der Jungen zwischen 12 und 17 Jahren riskante Mengen Alkohol zu sich. Nach den aktuellen Zahlen sind es jetzt bei beiden Geschlechtern weniger als vier Prozent. Auch vom berühmt-berüchtigten „Komasaufen“ nehmen Jugendliche zunehmend Abstand. Die Gründe nennen die Autoren nicht. Doch vielleicht hat die junge Generation ja eine Haltung verinnerlicht, die fast zehn Millionen erwachsenen Bundesbürgern ebenfalls gut tun würde: Wer zu viel trinkt, ist uncool!

Copyright Foto: grinvalds/iStock/Getty

Kommentare

  1. Anonym

    Warum gibt es in Deutschland keine höhere Steuer auf Alkohol und Zigaretten? Ich weiß auch nicht, ob dadurch der Alkoholkonsum gesenkt wird, aber mit den eingenommenen Steuereinnahmen können wiederum mehr Maßnahmen für die Prävention, Aufklärung und ggf. in der Suchttherapie umgesetzt werden.

    vor 3 Monate
  2. Rolf

    Solange ein Glas Wasser teurer ist als ein Glas Bier wird sich nichts ändern.

    vor 2 Monate
  3. Anonym

    Ja, genauso ist es.

    vor 2 Monate
  4. Anonym

    Da schliesse ich mich an, Alkohol ist billiger als nichtalkoholische Getränke !

    vor 3 Wochen

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