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„Zwischen Patient und Arzt wird es einen digitalen Puffer geben.“

Wie wird die Gesundheitsversorgung in knapp 20 Jahren aussehen? Dieses Thema beschäftigt derzeit viele Ärzte, Wissenschaftler und Forscher. Prof. Dr. Bertram Häussler, Leiter des IGES-Instituts in Berlin, forscht zu diesem Thema. Für ihn ist klar: Die digitale Vernetzung wird unseren Umgang mit Gesundheit und Krankheit entscheidend prägen.  

Herr Prof. Dr. Häussler, es gibt derzeit gewaltige Schübe technischer und digitaler Art: Wie viel davon kommt ins Gesundheitswesen?

Gegen die Digitalisierung des Gesundheitswesens hat sich die Gesellschaft seit 15 Jahren leider erfolgreich gewehrt. Es gibt keinen Bereich im Wirtschafts- und Sozialleben in Deutschland, der so wenig digitalisiert ist wie das Gesundheitssystem. Nun gehen alle davon aus, dass sich dies ändern wird – ich als langfristiger Beobachter bleibe skeptisch. Wenn, dann wird die Digitalisierung jedoch gewaltige Veränderungen mit sich bringen, vergleichbar mit der Erfolgsgeschichte des E-Commerce: Dieser wird von allen bis ins hohe Alter angenommen, ist Teil des Alltags. Ich erhoffe Ähnliches für die Medizin.

Wie könnte solch eine Medizin aussehen?

Wir haben das in filmischen Szenen einmal durchgespielt. Ein Zeitgenosse aus dem Jahr 2037 erhält schon morgens beim Zähneputzen über eine eingebaute Speichelprobe wichtige Werte, zum Beispiel zur Herzfrequenz, und bespricht mit einem Computerhologramm mögliche Reaktionen. Mittels eines Scanners am Handgelenk erhebt er Daten zu Blutdruck und ein EKG, lässt diese in der Cloud von Experten untersuchen – und wenn er will, bucht er eine rasche Videoschalte zum Arzt seines Vertrauens. Mit einer Endoskopiekapsel könnte sein Inneres eingehender untersucht werden, und Medikamente würde ein Easy-Fly-Assistent, eine Drohne bringen. Reicht Ihnen das an Vision?

Wollen Sie mit diesen Filmen einem digitalen Bummelland auf die Sprünge helfen oder glauben Sie tatsächlich, dass es so kommen wird?

Natürlich wollen wir, dass das Land endlich auf den digitalen Gesundheitszug aufspringt. Zumindest vordergründig sieht das der neue Gesundheitsminister auch so. Seine neuesten Zugeständnisse an die Selbstverwaltung der gesetzlichen Krankenversicherung haben allerdings wieder etwas Tempo herausgenommen. Aber sicherlich werden die nächsten 15 Jahre viel mehr Bewegung bringen als die vergangenen. Wir werden also erleben, dass es zwischen dem Patienten und seinem Gesundheitssystem einen Puffer geben wird. Er wird dafür sorgen, dass wir nicht mehr bei jedem Anlass zum Arzt gehen werden, sondern digitale Ersatzdienstleistungen erhalten. Diese sind rund um die Uhr sofort verfügbar, angeschlossen an riesige Datenbänke, die auf Erfahrungsbasis mit Algorithmen Ratschläge geben.

Patient und Arzt werden also ein Stück weit voneinander getrennt werden?

Das wird von manchen als Horrorszenario angesehen, weil der Mensch mit Maschinen zu tun haben wird. Aber durch all diese Zwischenschaltungen werden wir schneller und präziser versorgt werden. Beim E-Commerce fühlen wir uns doch teilweise besser beraten, wenn wir im Internet einkaufen, als wenn wir von Geschäft zu Geschäft ziehen.  

Wenn ich allerdings ein falsches Buch im Internet kaufe, hat dies weniger dramatische Folgen als ein Fehler bei der digitalen Analyse meiner Gesundheitsdaten.

Man sollte nicht glauben, dass die Medizin heute fehlerfrei arbeitet – im Gegenteil. In dieser Gemengelage von schwieriger Verfügbarkeit von Ärzten und eines großen Informationswirrwarrs geht mehr schief, als allgemein angenommen wird. Die Digitalisierung wird sorgfältiger und dokumentierter arbeiten. Wenn ein Arzt einen neuen Patienten untersucht, ist für ihn die Suche nach Vorbefunden viel mühseliger als im Digitalen. Außerdem werden es selbstlernende Systeme sein, die sich stetig verbessern.

Wird sich der Arztbesuch ändern, wenn es vorher so viel technisch-digitale Assistenz gibt?

Der Arztbesuch wird seltener stattfinden. Künftig werden unsere Befunde möglicherweise von Medizinern, die wir manchmal gar nicht kennen, beurteilt. Über digitale Medien wie Video oder Chats erhalten wir dann die Analysen. Ein erheblicher Teil unserer Gesundheitssorgen wird dadurch abgearbeitet, ohne dass wir unseren Körper bewegen müssen. Heute beschäftigt sich ein Arzt beim Termin sehr stark mit der Frage, was der Patient hat. Das wird der Arzt der Zukunft nicht brauchen, weil diese Information dann schon vorliegt. Es wird sehr viel mehr um den Patienten an sich gehen. Er rückt uns durch den digitalen Puffer sogar näher. Es wird auch mehr Daten über unser subjektives Empfinden geben, mit denen Ärzte dann arbeiten können.

Gibt es auch die Gefahr einer sozialen Schere, dass eben technikaffine Patienten höhere Gesundheitschancen haben?

Das ist eine Frage der Entwicklung. Wenn man heute alle Deutschen einem elektronischen Gesundheitssystem aussetzen würde, täte sich natürlich ein riesiger Spalt auf. Aber es wird zuerst auf Freiwilligkeit basieren und langsam größer werden, sodass alle mitgenommen werden können.  

Menschen, die schon morgens vor dem Spiegel über ihre Zahnbürste Körperdaten erfahren – laufen die nicht Gefahr, zum Hypochonder zu werden?

Die Gefahr besteht durchaus. Die neuen Techniken werden sicher auch zunächst zu einem Übergebrauch führen. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird dies aber keine nennenswerten Kosten verursachen und ein Übergangssyndrom bleiben. Die Algorithmen werden eine größere Offenheit gegenüber dem Patienten haben. Er wird mehr über sich wissen, auch mehr über seine Gesundheitsrisiken. Und das System wird ihm weniger als heute abnehmen, sich über die eigenen Entscheidungen Gedanken zu machen.  

Also wird uns eine gewisse Sorglosigkeit abhandenkommen?
Inwiefern hat Deutschland im Vergleich zu seinen Nachbarländern digitalen Nachholbedarf, wie steht es um die „digital literacy“?

In Großbritannien hat die Bevölkerung eine viel unbeschwertere Haltung zu solchen Möglichkeiten, und in den USA sowieso. Dänemark hat die elektronische Patientenakte in großen Teilen eingeführt, die baltischen Länder auch – Deutschland ist überhaupt nicht vorne auf dem Zug, sondern eher weit hinten. Das betrifft auch die Ärzte. Viele sind demgegenüber nicht aufgeschlossen und sagen: „Zum Glück bin ich pensioniert, wenn das alles so weit sein wird.“  

Kommentare

  1. Anonym

    Ich will mal gespannt . Ob das funktioniert wird oder nichts.

    vor 7 Monate
  2. Hannelore B.

    Ich würde gern mal ein Gespräch führen zu diesem Thema, da ich an einer fiktionalsierten Krankengeschichte von heute schreibe und das aus Sicht einer Frau des Jahres 2030...wo Dan alles so anders läuft. Interessanter Beitrag, für mich jedenfalls.

    vor 7 Monate

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