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Covid-19-Forschung: Deutschland kann mehr

Dr. Harald Katzmair, CEO des Wiener FASresearch-InstitutsDr. Harald Katzmair, CEO des Wiener FASresearch-Instituts

Dr. Harald Katzmair, Ph.D., ist CEO der FASreseach in Wien. https://www.fas.at

Forscher aus Deutschland und anderen europäischen Ländern spielen in der Corona-Forschung an der Weltspitze mit. Dennoch hält Europa mit den USA und China nicht mit. Die Ursache ist ein strukturelles Problem, wie eine neue Studie zeigt. Ein Gespräch mit Studienleiter Dr. Harald Katzmair, CEO des Wiener FASresearch-Instituts.

Herr Dr. Katzmair, Sie haben die weltweite Covid-19-Forschungslandschaft untersucht. Wo stehen Deutschland und Europa im internationalen Vergleich?

Wenn man sich alle internationalen wissenschaftlichen Publikationen zur Covid-19-Forschung anschaut, sieht man, dass deutsche Wissenschaftler sehr oft zitiert werden, nämlich am sechsthäufigsten. Auch publizieren sie viel und landen dadurch auf Rang 9 des Publikationsrankings. Forscher in Italien, Spanien und Frankreich veröffentlichen sogar noch mehr. Aber trotzdem wird die internationale Covid-19-Forschung von den USA und China dominiert. Sie sind auch die gefragteren Forschungspartner.

Wie sind Sie in Ihrer Studie vorgegangen?

Wir haben die wissenschaftliche Literatur zu Covid-19 daraufhin analysiert, aus welchen Ländern die Autoren kommen und wie oft sie jeweils zitiert wurden. Den größten Teil der Forschungsliteratur liefern die Vereinigten Staaten mit etwa 28 Prozent. Gefolgt von China mit 22 Prozent. Dabei gehen 62 Prozent aller Zitate auf chinesische Beiträge zurück und etwa 28 Prozent auf US-amerikanische. Wir haben uns darüber hinaus die Forschungsachsen angesehen – also wer mit wem zusammen publiziert. Unsere Untersuchung zeigte: Jedes einzelne europäische Land hat in der Covid-19-Forschung die stärkste Beziehung zu den USA oder zu seinem europäischen Brückenkopf Großbritannien und nicht zu einem anderen europäischen Land. 

Warum sind die Europäer vergleichsweise schwach vernetzt?

Wenn Sie als Wissenschaftler erfolgreich sein wollen, dann orientieren Sie sich am besten in Richtung USA: Dort sind die renommierten Institute, die namhaften Lehrstühle, die wichtigen Journale. Status, Reputation und finanzielle Ressourcen erhält man als europäische Einrichtung mit amerikanischen Partnern – das ist in der Corona-Forschung nicht anders als in der Krebsforschung.

Die USA sind größer als die EU, sie haben eine gemeinsame Sprache. Liegt die Stärke ihrer Netzwerke nicht einfach nur an solch äußeren Gründen?

Nein, denn: Wissenschaftler in Europa, Asien und den USA publizieren ungefähr gleich viel. Aber strukturell sieht es anders aus. In den USA ist das Momentum zu Hause, hier gibt es den Ertrag. Finanzielles Kapital zieht Humankapital an, Erfolg gesellt sich zu Erfolg. Da wirkt eine zentripetale Kraft. In Europa erleben Sie eher die zentrifugalen Kräfte: Sie müssen jemandem nachlaufen und nachtelefonieren, weil er einen höheren Status hat. Es geht also um eine Status-Ökonomie-Frage. Die Sprache ist nicht der Grund, Englisch ist ohnehin schon die Lingua franca der Wissenschaft.

Welchen Unterschied macht es letztlich, ob das Wissen in Yale oder Göteborg gewonnen wird?

Solange die USA Epizentrum der Forschung bleiben, können die Europäer ihr Wissen in wesentlich geringerem Ausmaß in Europa halten oder verwerten. Neues medizinisches Wissen in Form von klinischen Studien und Patenten zirkuliert innerhalb der Vereinigten Staaten und entschwindet den europäischen Ländern. Dadurch entstehen Abhängigkeiten und Resilienz geht verloren.

Was wäre die Alternative? Wie soll das Europa der 27 zu einem Epizentrum werden?

Sie haben Recht, eine große Schwäche von Europa ist, dass es so zerfranst ist. Wir müssen allerdings gar nicht versuchen, alle unter eine Decke zu bekommen. Es reicht, wenn sich einzelne europäische Länder themenorientiert zusammenschließen und Centers of Excellence gründen. Dann bilden zum Beispiel Schweden, Deutschland und Bulgarien die Avantgarde zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Oder Italien, Spanien und Österreich zu Antibiotika. Das Ziel: Themenführerschaft. So kann es gelingen, autonome Netzwerke von globaler Anziehungskraft aufzubauen. Die deutsche Exzellenzstrategie führt das übrigens schon vor, wie rund um gesellschaftlich relevante Themen attraktive Forschungscluster entstehen. Wobei man übrigens auch über Beziehungen eine zentrale Position gewinnen kann.

Inwiefern?

Deutschland ist im Unterschied zu Frankreich, Spanien und Italien sehr breit in seinen Forschungsnetzwerken aufgestellt. Es hat das Potenzial, zu verschiedensten Partnern positive Beziehungen zu unterhalten. Es ist eine gute Position, wenn man in einem Netzwerk mit Akteuren zu tun hat, die untereinander so nicht verbunden sind. Dann ist man ein Broker. Dann wissen die anderen: Wenn ich dort hingehe, dann bin ich in einem Netzwerk mit den Chinesen und den Amerikanern und den Europäern und habe den Zugang zu den wichtigsten Playern der Welt. Ich sehe bei Deutschland alle Voraussetzungen dafür, ganz stark und selbstbewusst zwischen China und den USA zu vermitteln. Auch jetzt, wo Großbritannien durch den Brexit als europäischer Brückenkopf in die USA ausfällt.

Sie sagten vorher, starke Netzwerke seien auch eine Frage der Resilienz …

… Man hört jetzt oft, man müsse autonomer werden, nicht zu sehr abhängig sein, um resilient zu sein. Ich kann diesen Gedanken nachvollziehen, aber Autonomie und Resilienz gewinne ich nicht, indem ich mich zurückziehe. Die selbstauferlegte Verzwergung funktioniert gar nicht. Resilienz und Autonomie ist keine Frage des Territoriums, sondern der Einzigartigkeit der Beziehungen. Wenn ich als ein Netzwerk mit unverwechselbaren Austausch- und Lernbeziehungen einen Platz einnehme, den niemand sonst einnimmt, dann bin ich stark. Die Schweiz demonstriert das seit Jahrhunderten bezogen auf Finanzen.

Und konkret, bezogen auf medizinische Forschung?

Im medizinischen Bereich ist das Lernen globalisiert. Das zu renationalisieren wäre ein völliger Rückschritt. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, dass Wissen nicht in die USA abdriftet, sondern dass Forscher und Forscherinnen genauso von den USA nach Europa wechseln wie von Europa in die USA? Dabei geht es nicht um den Kampf von Brain Drain oder Brain Gain. Was wir brauchen ist die Brain Circulation – Austauschprozesse auf Augenhöhe. Dann muss man auch nicht mehr in den USA gewesen sein, um in Europa einen renommierten Lehrstuhl zu besetzen.

Die Studie

Vom 13. März bis 1. August 2020 wertete das FASresearchInstitut Publikationen rund um das Thema Covid19 aus. Insgesamt wurden 11 502 unterschiedliche Artikel aus 2451 Journalen von 64 827 Autorinnen und Autoren, in 147 unterschiedlichen Ländern, mit 10 979 unterschiedlichen Institutionszugehörigkeiten, in die Netzwerkanalyse mit aufgenommen.

Forschungsnetzwerk_Verbindungen_Deutschland_Welt_Forschung_Corona_Covid

Was wird gezeigt?

Am Netzwerk aus Forschungsverbindungen haben die USA und China den größten Anteil. Deutschland ist gut vernetzt, jedoch ein vergleichsweise kleiner „Player“. Andere EU-Länder wie Frankreich und Italien publizieren zwar mehr zu COVID-19 als Deutschland, stehen jedoch eher am Rande des globalen Netzwerks, wohingegen Deutschland global besser vernetzt ist. Deutschland hat damit das Potenzial, ein Broker im internationalen Forschungsnetzwerk zu werden.

Forschungsnetzwerk_Verbindungen_Deutschland_Welt_Forschung_Corona_Covid-19

Was wird gezeigt?

Die Spitzenforschungszentren innerhalb der Europäischen Union bilden untereinander kein belastbares Netzwerk zum Austausch, sondern sind weit voneinander entfernt. Umso stärker besteht eine hohe Abhängigkeit von den großen Brokern.

Das europäische Forschungscluster hat ein großes Potenzial – dies gilt es zu nutzen und durch gezielte Investitionen die eigene Position im globalen Wettstreit weiter zu stärken.

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