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„Technologie ist cool. Aber Menschsein ist cooler.“

In den nächsten 20 Jahren wird sich die Menschheit mehr verändern als in den letzten 300. Das sagt Gerd Leonhard, der als strategischer Berater, Publizist und CEO der „Futures Agency“ den technologischen und gesellschaftlichen Wandel kommentiert. Ein Gespräch über exponentiellen Fortschritt und die Welt von morgen.

Wir leben in Zeiten des exponentiellen Fortschritts. Was heißt das konkret?

Gerd Leonhard: Das bedeutet, dass sich die Menschheit in den nächsten 20 Jahren stärker verändern wird in den letzten 300. In der exponentiellen Fortschrittskurve folgt auf 1, 2, dann 4, 8, 16, ... Es geht also erst langsam, dann wird es rasend schnell. Wir sind auf der Exponentialkurve jetzt ungefähr am Punkt vier.

Wieso?

Leonhard: Unsere Technologien verdoppeln sich alle 18 Monate und werden dabei halb so teuer – das ist das Moore’sche Gesetz. Wir stehen jetzt an einem Punkt, an dem viele Hemmnisse weggefallen sind, etwa eine zu niedrige Rechenleistung der Computer oder zu hohe Kosten. Das heißt, vieles funktioniert jetzt schon oder in naher Zukunft: Das Internet der Dinge, selbstfahrende Autos, Cloud Computing, automatische Übersetzungen, Künstliche Intelligenz. In zehn Jahren haben wir Computer, die vielleicht eine Million Mal die Rechnerleistung haben von heute und unsere DNA in zehn Sekunden berechnen können.

Ist das eine gute Nachricht oder eine schlechte?

Leonhard: Jede Technologie, die exponentiell ist, ist Chance und Gefahr zugleich. Wenn wir beispielsweise unsere Gesundheitsdaten und unsere DNA  in die Wolke tun, dann können wir mit diesen Daten globale Probleme von Krankheiten lösen. Wir können vielleicht Millionen von Leben retten und die Kosten senken. Gleichzeitig hätten wir ein Sicherheitsproblem. Mit den jetzt verfügbar werdenden Technologien können wir einerseits große Menschheitsprobleme lösen, wie den Klimawandel, Nahrungsknappheit, die Wasserversorgung, ... Andererseits droht ein Überwachungsstaat und wachsende Ungleichheit: Wer nicht die Macht hat, sich digital zu schützen, ist ein leichtes Opfer.

Was genau droht?

Leonhard: Durch die Hyper-Konnektivität können all’ meine Daten in der Cloud zusammengeführt werden: Wo ich mich aufhalte, was ich einkaufe, wie gesund oder krank ich bin, welche Bankgeschäfte ich tätige, wie ich mein Smart Home nutze, ... Schon heute wissen Facebook und Google mehr über uns als wir selbst, indem sie unsere Daten mit den Seiten vernetzen, die wir besuchen. Wie schützen wir uns? Momentan wird die Cloud nur technisch organisiert, man schaut darauf, dass sie funktioniert, nicht darauf, dass sie sicher ist. Es gibt noch keine Supervision, keine Regulation. Ich muss dem vertrauen, der dieses Cloud hat: Google, Amazon, Facebook, IBM, ...

Wer müsste jetzt auf den Plan treten?

Leonhard: Wir brauchen eine Kombination der Anbieter und der Politik.

Datensicherheit ist das eine. Wie gefährlich ist Künstliche Intelligenz?

Leonhard: Intelligente Assistenzsysteme und die einfache Künstliche Intelligenz von heute sind zwar disruptive Technologien, die sich jetzt rasch ausbreiten werden, aber nicht gefährlich. Erst eine allgemeine Künstliche Intelligenz, wenn Maschinen also menschliches Verhalten nachahmen, bringt eine existentielle Bedrohung. Auch da müssen wir jetzt klären, wer hier die Mission Control hat.

Welche Rolle wird KI in der Medizin spielen?

Leonhard: Maschinen sind sehr gut darin, in riesigen Datenmengen große Muster zu erkennen. Ein Arzt kann nicht 500 000 onkologische Genreports lesen. Wenn ich in der Onkologie arbeite, kann ich also einen Superrechner wie Watson nutzen, der Millionen von Bildern gesehen hat. Der Mensch muss aber trotzdem noch im System bleiben. Die Maschine ist kein Arzt. Sie ist eine Datenbank.

Wie sehr stellen Maschinen den Menschen in Frage?

Leonhard: Wir stehen nicht als Mensch, sondern als Maschine in Frage. Alles, was Routine ist, können Maschinen in zehn Jahren besser als wir. Aber das stärkt uns als Menschen: Menschen streben nach Beziehungen, Bedeutung, Erfüllung. Sie entscheiden mit Herz, Intuition, sie schätzen Empathie, die Diskussion. Das findet man nicht in der Cloud. Maschinen interessieren sich nicht für Beziehung. Maschinen sollten auch keine Werte haben, meiner Meinung nach sind sie einfach ‚Hammer’.

Das heißt, die Sorge, dass Computer uns verdrängen, braucht gar nicht so groß zu sein?

Leonhard: Berufe wie Supermarktkassierer wird es nicht mehr geben. Schreiner, Elektriker, Therapeuten, Köche haben mit ihrer nicht-routineartigen Arbeit, sei sie mechanisch oder geistig, gute Aussichten. Die Herausforderung ist, die Grenze zwischen dem ‚Team Maschine’ und ‚Team Mensch’ zu ziehen. Dabei wird Effizienz nicht das einzige Kriterium sein: Ein Pilot ist zu 100 Prozent automatisierbar, aber würden Sie in einer riesigen Maschine fliegen, die keinen Piloten hat? Genauso beim Arzt, der ja eine individuelle Verantwortung trägt, der ethisch und sozial entscheidet: Da wollen wir lieber vom Arzt behandelt werden, als von einer Maschine, die uns vorgaukelt, das alles geregelt ist. Es geht bei dieser Grenzziehung also nicht nur um das Technische, sondern auch das Soziale, Menschliche. Und so werden wir künftig auch immer wieder sagen: Okay, stellen wir trotzdem eine Person ein und keinen Roboter.

Sie sagten bereits: eine generelle KI wäre gefährlich.

Leonhard: Tim Cook, der CEO von Apple warnte jüngst: Technologie kann unendlich Gutes tun, aber sie will nicht Gutes tun; sie will überhaupt nichts, selber. Technologie hat keine eigene Moral. Wenn wir Maschinen zu viel Autorität geben, werden sie früher oder später  algorithmische Entscheidungen treffen, die nicht unbedingt menschlich sind. Computer sind ja inzwischen in der Lage, selbst zu lernen, Schlüsse zu ziehen, ohne dass ein Programmierer dieses Wissen vorher einprogrammieren müsste. Bei solchen ‚smarten und vernetzten Maschinen’ muss der Mensch immer dabei bleiben und hinterfragen können, was die Maschine macht. Man erwartet 2050 den Moment der Singularität – wo Maschinen grundsätzlich dasselbe können wie wir. Wir haben jetzt noch etwa drei bis fünf Jahre, um einen geeigneten Rahmen zu schaffen. Wir müssen dafür sorgen, dass die positiven Seiten der Technologie genutzt werden, also etwa die Gesundheitswolke, aber die negativen Externalitäten limitiert.

Und? Sehen Sie die Zukunft positiv oder haben Sie Angst?

Leonhard: Ich bin eher ein Optimist, und denke wir werden das gemeinsam regeln .Aber wir müssen uns dringend einig werden, was wir wollen. Technologie ist cool, aber Menschsein ist cooler.

 

 

 

 

 

 

Gerd Leonhard beschäftigt sich als weltweit gefragter Futurist, Redner und Autor mit exponentiellen Technologien und ihren Auswirkungen auf den Menschen. Er gründete  „The Futures Agency“, einen Zusammenschluss von mehr als 50 Futuristen. Sein jüngstes Buch ist „Technology vs. Humanity“. Gerd Leonhard lebt in Zürich.

 

Mehr unter: https://www.gerdleonhard.de; www.futuristgerd.com (Englisch) und www.gerdtube.com (youtube); twitter @gleonhard

Welche Routinen in der Medizin können Maschinen zukünftig besser als Menschen?

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