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Was hat sich in einem Medizinerleben getan? Teil III

Diese Krankheit ist das ganze Leben lang da: Colitis ulcerosa, eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, entsteht durch eine Überreaktion des Immunsystems. Welchen Weg ging die Medizin und was kann noch kommen? Ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Britta Siegmund, Direktorin der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Gastroenterologie an der Charité Berlin.

Wie therapierte man die Colitis ulcerosa, als Sie eine junge Ärztin waren?

Oh, ich höre heute noch die Worte meines damaligen Oberarztes, der sagte, ‚Dieser CED*-Patient hat einen Schub, den nehmen wir jetzt mal zwei Wochen auf, damit er sich erholen kann’. Heute würde man die Leute so lange gar nicht mehr einweisen. Aber damals waren die Patienten wirklich krank und fielen bei einem Schub über Monate aus. Die Colitis ulcerosa war ein echter Berufskiller, viele Patienten waren Frührentner. Dass Betroffene heute dank Biologika ein normales Leben führen, arbeiten gehen und Kinder bekommen, war 1998, als ich anfing,häufig nicht möglich.

Welche Fortschritte haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind?

Bis vor 60, 70 Jahren starben schwer kranke Colitis-Patienten noch infolge starker Blutungen oder an einem Darmdurchbruch. In den 1950er-Jahren begannen zwei Engländer, die Colitis mit Kortison zu behandeln. Damit hatten Ärzte endlich etwas gegen akute Schübe in der Hand. Bald gab es ein neues Problem: Viele Patienten wurden abhängig von den Steroiden. Sobald man die Mittel nach dem Schub ausschleichen wollte, ging es ihnen schlechter und sie erlitten einen Rückfall. Gab man es ihnen jedoch auf Dauer, litten sie unter Knochenschwäche, Bluthochdruck und Hautveränderungen. Seit den 1990er-Jahren setzten Ärzte Immunsuppressiva wie Azathioprin und Ciclosporin ein, die die Abwehr hemmten. Bei der Colitis ulcerosa ist das Immunsystems überaktiv; die dadurch ausgelösten Entzündungen schädigen die Darmgewebe. Doch erst die TNF-alpha-Blocker, die wir ab etwa 2005 verwendeten, besserten die Lebensqualität der Patienten wirklich dauerhaft. Etwa ein Jahrzehnt dominierten diese Mittel die Colitis-Therapie. 2013 oder 2014 wurde dann der erste Integrin-Antagonist in Deutschland eingeführt: Der Antikörper wirkt nicht auf das komplette Immunsystem; er hindert die Entzündungszellen nur daran, ins Darmgewebe einzudringen. Damit verfügen wir über eine zielgerichtete und damit verträgliche Therapie. Vor wenigen Wochen hat in Deutschland die nächste Ära in der Colitis-Behandlung begonnen: Mit dem ersten Januskinase-Inhibitor gibt’s nach den ganzen Spritzen erstmals eine antientzündlich wirkende Tablette.

Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren Prädiktoren haben, die uns helfen zu erkennen, wie schwer jemand erkranken und welche Therapie ihm besonders gut helfen wird! Vielleicht braucht mancher Patient keine teuren Biologika oder ‚small molecules’, wie wir die Januskinasen auch nennen, weil er nur leicht erkrankt ist? Ich denke, solche Informationen werden wir eines Tages aus dem entzündlich veränderten Darmgewebe erhalten, das wir bei der diagnostischen Endoskopie ohnehin entnehmen. Ich wünsche mir außerdem eine bessere Vernetzung einzelner Fachrichtungen. Für eine gute Behandlung von Colitis-Patienten brauchen wir eben auch Gynäkologen, Dermatologen, Rheumatologen, Chirurgen und Augenärzte. In den großen Zentren läuft das schon sehr gut; das reicht aber noch nicht.

 

*CED: Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Kommentare

  1. Jochen

    Bitte schreibt auch einen Artikel über Morbus Crohn

    vor 8 Monate
  2. Redaktion

    Vielen Dank für die Anregung, die wir gerne aufgreifen.

    vor 8 Monate

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