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Diagnose und Therapieplan für das deutsche Gesundheitswesen

In der Studie „Das deutsche Gesundheitswesen auf dem Prüfstand“ hat das Beratungsunternehmen PwC Belege für einen schleichenden Qualitätsverlust im Gesundheitssystem ausgemacht. Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft bei PwC Deutschland, im Interview über eine vielsagende „Röntgenaufnahme“, institutionelle und organisatorische Probleme, Lösungsvorschläge und digitale Unterstützung.

Herr Burkhart, Sie haben eine Analyse mit dem Namen „Das deutsche Gesundheitswesen auf dem Prüfstand. Entwicklung eines Therapieplans“ veröffentlicht. Der Therapieplan basiert auf Studien über das Gesundheitssystem, die PwC seit 2013 veröffentlicht hat. Warum blicken Sie so lange zurück?

Der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux hat einmal gesagt: „Wer die Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern.“ Das haben wir im wahrsten Sinne des Wortes getan. Und übrigens beziehen gute Ärzte ja auch Informationen über die Historie ihrer Patienten stark ein, wenn sie Krankheiten diagnostizieren und Behandlungen entwickeln. Unsere Studie umfasst unter anderem die Wahrnehmung des deutschen Gesundheitswesens von rund 15.000 Menschen, die PwC in den vergangenen fünf Jahren in 16 Studien erfasst hat. Eine bessere „Röntgenaufnahme“ gibt es wahrscheinlich nicht.

Und was sehen Sie, wenn Sie draufschauen?

Die Ergebnisse sagen zweierlei: Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen zählt das System hierzulande noch zu den besten der Welt. Allerdings gibt es auch etliche Belege für einen schleichenden Qualitätsverlust. Und dies wiederum heißt, dass die Politik und die Branche in der Praxis nicht entschieden genug gegensteuern.

Was meinen Sie mit schleichendem Qualitätsverlust?

Die Mehrheit der Befragten, insbesondere gesetzlich Versicherte, bemängeln beispielsweise, dass Ärzte sich zu wenig Zeit für Patienten nähmen. Ebenfalls eine deutliche Mehrheit wünscht sich schnellere Zugänge zu Fachärzten. Als Schwäche identifizieren die Menschen zudem die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum. Aber auch die Quantität und Qualität von Pflegeheimen und deren Leistungen ist ein großes Thema. Daneben zeigt die Studie etliche weitere institutionelle und organisatorische Probleme auf, die schon lange bestehen und die wir im Sinne einer auch künftig guten Versorgung endlich lösen sollten.

Wo sehen Sie die Ursachen für die Kritik der Menschen?

Die Ursachen hängen stark mit den Megatrends demografischer Wandel, Digitalisierung, Individualisierung und Urbanisierung zusammen. Daraus ergeben sich unter anderem Finanzierungsdefizite, Fachkräftemangel, Cyberkriminalität und, und, und. Die Herausforderungen sind immens – da sollten sich die Gesundheitspolitik und die Manager in der Branche nicht von der relativen Stärke unseres Gesundheitssystems im Weltvergleich täuschen lassen.

Welche Lösungsansätze schlagen Sie vor?

Wir schlagen ganz klar eine Kombination verschiedener Maßnahmen vor, insgesamt fünf an der Zahl. Unsere erste Empfehlung zielt auf eine Veränderung der Finanzierung hin zu einer monistischen Struktur durch die Krankenkassen ab, um Eindeutigkeit bei Finanzierungsfragen zu haben. Mittels einer Pro-Einwohner Finanzierung kann zudem ein stärkerer Fokus auf Prävention statt auf die Behandlung im Krankheitsfall gelegt werden. Durch eine klare Trennung zwischen systemrelevanten und marktwirtschaftlichen Krankenhäusern würde darüber hinaus ein stärkerer qualitätsgetriebener Wettbewerb stattfinden, ohne die Daseinsvorsorge zu gefährden. Auf das Thema Qualität zahlt auch ein verstärkter Einsatz von IT-Lösungen bei der Arzneimitteltherapiesicherheit ein, der Patienten besser vor Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten schützt. Und nicht zu vergessen: Bedingt durch den demografischen Wandel müssen Ärzte auf dem Land mit mehr Förderprogrammen und Initiativen bei der Existenzgründung unterstützt werden.

In diesem Zusammenhang nochmals zur Digitalisierung: Ist sie eher ein Risiko, Stichwort Datenschutz? Oder ist sie eine Chance, das Gesundheitssystem besser und sicherer zu machen?

Grundsätzlich betrachtet ist die Digitalisierung erstmal ein neuer technischer Standard, der per se weder gut noch schlecht ist. Entscheidend ist, was wir mit digitalen Lösungen anstellen und wie wir sie einsetzen. Wenn wir sie mit Qualitätsanreizen verbinden, die sich mit der oben genannten Pro-Einwohner-Finanzierung realisieren ließen, bin ich überzeugt, dass unser Gesundheitswesen stark profitiert. Rechtliche Rahmenbedingungen insbesondere im Hinblick auf den Datenschutz werden gerade ausgehandelt und das wird sich beschleunigen, je stärker digitale Anwendungen implementiert sind und einen Mehrwert schaffen. Nutzen wir sie hingegen unüberlegt und nicht zielgerichtet, kosten sie viel Geld und wirken sich im Worst Case auch nicht positiv auf die Qualität im Gesundheitswesen aus.

Woran denken Sie bei „digitalen Möglichkeiten“?

Nehmen wir nur die IT-basierte Überwachung der Arzneimittelsicherheit, um einen optimalen Medikationsprozess zu gewährleisten: Mit bestimmten IT-Systemen lassen sich mehr als 80 Prozent der Medikationsfehler der Vergangenheit vermeiden – und damit auch durch Medikationsfehler verursachte Todesfälle. In eine Digitalstrategie für das Gesundheitswesen gehören aber auch Lösungen für den schnellen, sicheren und rechtlich einwandfreien Patientendatenaustausch zwischen beispielsweise Ärzten, um Doppelbehandlungen und andere teure Ineffizienzen zu vermeiden. Stichwort Integrierte Versorgung. Zudem geht es um die Anwendung von robotergestützten Assistenzsystemen und künstlicher Intelligenz.

Da scheinen Qualitätssiegel für medizinische Internetseiten regelrecht banal zu sein.

Im Gegenteil! Wir fordern solche Siegel, damit sich nicht jeder Autor eines Beitrags dort als Experte ausgeben kann. Viele Menschen informieren sich via Google über Themen rund um die Gesundheit, da brauchen wir Qualität. Kurzum: Es gibt viel zu tun.

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