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Prof. Dr. Peter Haas_Patientenakte

Digitalisierung

„Es wird Zeit, Gas zu geben"

Wir nutzen heute im Privat- und Berufsleben ganz selbstverständlich die Informationstechnologie und digitale Medien für vielfältige Zwecke: Wir verwalten Dokumente im CMS. Wir stimmen Termine ab mittels Internet-Tools, suchen nach Informationen im Web, buchen via Internet, arbeiten in Webkonferenzen, gehen virtuell in fremden Städten spazieren und vieles andere mehr. Ja, wir können sogar in einer Sprache ins Handy sprechen, und es kommt in einer anderen Sprache übersetzt heraus. Der satirisch von Douglas Adams gedachte Babelfisch wird langsam Realität!

 

Kommen wir aber als Patient mit dem Gesundheitswesen in Kontakt, begeben wir uns in eine weitgehend analoge Welt. Das fängt schon bei der Terminvereinbarung an, geht dann über die Kontakte mit dem Arzt weiter bis hin zur Wieder- und Wiedererzählung der eigenen Vorgeschichte bei neu hinzutretenden Ärzten. Der Patient als wandelnde Akte. Jeder also, der von mehreren Institutionen gleichzeitig versorgt wird, bekommt es zu spüren: Die Versorgung ist fragmentiert und die Abstimmung zwischen den Einrichtungen erfolgt per Post-Brief oder Fax – nicht immer zeitnah. Wirklich einen Überblick über die eigene Situation hat nur der Patient – sofern er das überhaupt intellektuell, krankheitsbezogen und vom Wissenshintergrund her umsetzen kann, sonst hat er Pech gehabt. Und das in einer modernen Informationsgesellschaft und den Unmengen von Vorgängen im Gesundheitswesen !

 

Hier soll ein Projekt, das nun seit über zwölf Jahren in der Planung ist, Abhilfe schaffen: Die Elektronische Gesundheitskarte, die einen Chip hat – und 64 KB Speicherplatz. Davon kann aber nur ein Teil für medizinische Angaben über den Patienten genutzt werden. Es gibt eine ganze Reihe von geplanten medizinischen Anwendungen – vom Medikationsplan über die Notfalldaten bis hin zur elektronischen Patientenakte. Allesamt nutzbringend für die Versorgung und die Patientensicherheit. Aber das Projekt kommt nur langsam voran. Aus vielerlei zum Teil vorgeschobenen Gründen (z.B. Datenschutz), aus berufspolitischen Interessen oder politischem Desinteresse wird eine optimal vernetzte IT-gestützte Versorgung seit über zehn Jahren in Deutschland blockiert bzw. verzögert.

 

Nun ist es aber höchste Zeit, Gas zu geben, denn diese fehlende Vernetzung führt jeden Tag zu unnötigen Schäden für Patienten und Folgekosten für die Gesellschaft. Nicht jeder Patient – vielleicht kaum einer – hat die eigene „Akte im Kopf“ und kann ausreichend präzise bei (Zwischen)Anamnesen Auskunft geben. Und gerade für jene Betroffenen, die unserer Fürsorge besonders bedürfen, trifft diese Nichtauskunftsfähigkeit besonders zu: Demenzpatienten, multimorbide geriatrische Patienten, viele Krebspatienten, schwer chronisch Kranke. Den Anspruch einer optimalen Versorgung – einer multiinstitutionellen und multiprofessionellen „continuity of care“ – kann ein fraktioniertes Gesundheitssystem mit vielen Spezialisten und Spezialinstitutionen nur wirklich dann auch einlösen, wenn alle Mitglieder des Behandlungsteams eines Patienten zeitnah und sachgerecht wissen beziehungsweise in Erfahrungen bringen können: Was war, was ist, was soll sein? Und wenn jemand die Versorgungskoordination übernimmt. „Die Versorgung der Zukunft: Weg vom Allesmacher hin zu mehr Kooperation“ – ja, genau, aber nur, mit integrierten Behandlungsmanagementplattformen. Und ja, auch der Patient mit seiner Dokumentation und seinem Selbstmanagement sollte Teil des Teams werden, sofern er das will und noch kann. Auch zur Stärkung seiner (digitalen) Gesundheitskompetenz. Für viele chronisch Kranke ist das heute ein Thema. Einrichtungsübergreifende Elektronische Patientenakten als Basis für ein patientenzentriertes Behandlungsmanagement sind daher zwingend notwendig – nicht um zwanghaft ein digitales Gesundheitswesen zu haben, sondern um kranke Menschen besser und optimal koordiniert versorgen zu können.

Peter Haas ist Professor für "Medizinische Informatik", Schwerpunkt Medizinische Informationssysteme, Gesundheitstelematik und wissensbasierte Systeme in der Medizin an der Fachhochschule Dortmund. Er ist Autor einer von der Bertelsmann-Stiftung beauftragten Studie zu Elektronischen Patientenakten. Mehr unter http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/elektronische-patientenakten/

Kommentare

  1. Dorchen

    Ja, das wäre mir sehr,sehr recht, wenn bei Bedarf jeder Arzt gleich am Bildschirm sieht, was mit mir bis jetzt geschehen ist. Ich hab da durchaus Probleme,alles im Blick zu behalten und mit denwreiteren Lebensjahren wird das nicht leichter.

    vor 1 Jahr
  2. Anonym

    es mag die Ansicht eines Informatilers sein, dass solche e-cards gut sind.
    Jedoch: wer, auch welcher Arzt, zu welchem Zeitpunkt welche Informationen über den Patienten belommt, ist alleine Angelegenheit des Patienten.

    vor 1 Jahr
  3. Marion Fröbe

    Befürworte digitale Vernetzung und dadurch Informationsfluss ungehindert zu den Medizinischen Fachabteilungen.
    Erlebe es in meiner Behandlung in der Kardiologie .... Wie schleppend trotz Top Diagnostik meine Behandlung in der UKD WAR

    vor 1 Jahr
  4. Redaktion

    Liebe Kommentatoren, in welchen Bereichen können Sie sich denn konkret Verbesserungen vorstellen?

    vor 11 Monate

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