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Prof. Selke_Lifelogging_Digitalisierung_Selbstvermessung

Digitalisierung

“Wearables sind wie digitale Heinzelmännchen.“

Schritte zählen, Kalorien erfassen, den eigenen Schlaf überwachen – und dafür gibt es dann Lob von der Maschine. Ein Gespräch über Lifelogging, Kontrollzwang und  ideologische Verantwortungsübertragung mit Stefan Selke, Soziologie-Professor an der Hochschule Furtwangen.

 

Herr Selke, schon jeder dritte Deutsche nutzt Fitnesstracker oder Gesundheitsapps, misst beispielsweise die Zahl seiner Schritte. Ist das nicht toll?

 

Prof. Selke: Hab ich auch schon mal gemacht. Als das Armband mit dem Sensor kaputt gegangen ist, habe ich mit dem Sekundenkleber versucht, das Ding wieder zusammenkleben. Aber dann habe ich mir gedacht: Junge, das bringt’s doch nicht! Du hast den Wald vor der Tür! Geh' einfach raus! Um das zu schaffen, musst Du doch keine Schritte zählen!

 

Aber Sie können verstehen, was die Menschen daran fasziniert?

Fast alle Nutzer von Fitness-Trackern geben an, mit den Geräten den inneren Schweinehund überwinden zu wollen –  neben der sozialen Leistungsschau, die man damit betreiben kann. „Wearables“ sind wie digitale Heinzelmännchen, die ein unmittelbares Feedback bieten. In unserer von Anonymität und Ignoranz durchzogenen Welt ist das nur bedingt üblich. Und plötzlich gibt es Geräte, die sagen einem: Du bist gut! Du wirst besser! Verständlich, dass das Spaß macht und als motivierend empfunden wird. Dass diese Art des Lifelogging schon heute so viele Leute nutzen, sagt auch etwas über unsere Gesellschaft aus.

 

Wir erleben zu wenig positive Resonanz und das übernimmt dann die Maschine?

Zu einem gewissen Grad ja. Die tiefere soziologische Erklärung von Lifelogging geht für mich in Richtung „Regierung der Selbstregierung“, der Idee, dass in modernen westlichen Gesellschaften der Kontrollzwang von außen durch strikte Regierungen weggefallen ist. Viele Studien zeigen, dass der Kontrollzwang verinnerlicht wurde, peu à peu. Überall haben wir heute diese Selbstregierung und Selbstbewertung. Aber es geschieht jetzt auch digital auf eine Art und Weise, die viel tiefgreifender ist und die von einer fundamentalen Verunsicherung der Menschen ausgeht, die täglich sehen, dass äußere politische Krisen nicht oder kaum beherrschbar sind. Lifelogging wirkt da wie ein Deich, der das Bedrohliche ein Stück weit draußen hält und einen Innenraum schafft, der plötzlich beherrschbar ist. Den eigenen Körper, das eigene Leben haben wir im Griff – so scheint es.

 

Mit welchen Folgen?

Gesellschaftlich gesehen perfektioniert Lifelogging die Ideologie der Prävention, die Verlagerung der Verantwortung für fast alles in das Individuum, das nun wie ein Buchhalter auf den eigenen Körper und den eigenen Gesundheitszustand achtet. Das ist ein Bild von Körper und Gesundheit, das sich in der Postmoderne allmählich gebildet hat: Krankheit bedeutet kein Schicksal mehr, sondern wir sind selbst dafür verantwortlich und Manager eines Projekts, das wir Leben nennen. Aber Prävention von Krankheit ist mehr, als sich nach ein paar Zahlen zu orientieren. Prävention ist etwas Ganzheitliches, zu dem viele Faktoren und vor allem ein Kontext gehören. Wie viel Stress ich habe. Was mir an Leistung am Arbeitsplatz abverlangt wird und so weiter. Bei Lifelogging besteht immer die Gefahr, sich auf zu wenige Aspekte zu intensiv zu fokussieren und damit auch ein verzerrtes Bild von sich selbst zu zeichnen.

 

Dass man Gesundheit auch selbst in der Hand hat, ist doch eine gute Botschaft.

Bedingt. Mittlerweile denken erste Versicherungen darüber nach, Daten zu Fitness, Ernährung und Lebensstil zu sammeln. Die Schweizer Krankenversicherung CSS zahlt täglich bis zu 40 Rappen für die ‚Ablieferung’ von 10.000 Schritten. Denkbar ist, dass diese Daten schon bald zur individuellen Berechnung von Beitragssätzen hinzugezogen werden, je nachdem, ob die Aktivitätsspuren auf gesundes oder unvernünftiges abweichendes Verhalten schließen lassen. Spätestens dann kommen konkrete ökonomische Nutzenerwartungen ins Spiel. Und Lifelogging passt sich in den allgemeinen Trend der Ökonomisierung des Sozialen ein. Die Ökonomisierung von Lebensdaten macht Menschen zur Ware. Aus einem Konsumenten wird selbst eine Ware. Das passiert schleichend. Und es wird zu Verwerfungen in unserer Gesellschaft führen, beispielsweise zu ethischen Freihandelszonen, Bereichen, in denen Effizienz wichtiger ist als Würde. Ich weiß, das klingt skeptisch, aber über längere Zeiträume hinweg hat Lifelogging die Kraft, die menschliche Existenz und das Bild vom Menschen zu verändern.

 

 

 

 

Fotos: Prof. Selke: privat;  Foto Artikel:LMDB / Photocase

Tracken Sie Ihren Schlaf oder Ihre Laufdaten und wenn ja wie fühlen Sie sich damit?

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