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Prof. Dr. Volker Amelung_Beharrungskräfte_Digitalisierung_Gesundheitswesen

Digitalisierung

„Raus aus dem kollektiven Wellenreiten in der Komfortzone!“

Digital Health – vor Jahren haben wir Vorträge gehört und gesagt: Wow! Ein Jahr später hat man den Vortrag wieder gehört und gesagt: Wow! Und man hört denselben Vortrag in diesem Jahr wieder, staunt, was möglich wäre – aber es passiert einfach nichts.  

Die Beharrungskräfte sind immens.

Da stellt sich die Frage: Warum fliegen die Dinge nicht? Wie kann es sein, dass ältere Menschen heute immer noch mit einer Tasche voller einzelner Medikamente unterwegs sind, wo es doch längst intelligente Verblisterungs-Lösungen gibt, die die Medikamente für einen Monat bereitstellen könnten? Oder Beispiel elektronische Patientenakte: Wir haben sie seit 2013 im Gesetz stehen, sie kommt aber erst in kleinen abgeschirmten Testregionen zum Einsatz.

Also wer oder was bremst? Aus meiner Sicht sind das zum einen die Beharrungskräfte im System und zum anderen die fehlende Evidenz. Zum ersten Punkt: Dem deutschen Gesundheitssystem fehlt der Handlungsdruck. Die kreative Zerstörungskraft im Schumpeter´schen Sinne kann sich überhaupt nicht entfalten. Das System ist ohne Druck, ohne Transparenz mit Quasi-Monopolen und pickepacke voll mit alten Männern, die nicht das geringste Interesse an Veränderung haben – und zwar quer durch die Landschaft. Sei es bei den Ärzten, sei es bei den Kassen und sei es bei den Krankenhäusern. Ein kollektives Wellenreiten in der Komfortzone.

 

Vielen Akteuren wird der Nutzen nicht klar

Hinzu kommt, dass der Nutzen für die einzelnen Akteure nicht klar wird: Man denke an einen Hausarzt, dessen Praxiswartezimmer täglich voll ist mit Patienten und der eine funktionierende Praxisverwaltungssoftware hat. Wenn dieser Arzt eine elektronische Patientenakte integrieren soll, sagt er: Das ist genau das, was ich nicht brauche, das bringt mir null Nutzen. Noch extremer ist das in einer Landarztpraxis. Und man darf nicht vergessen, dass es momentan ja vor allem um viele Einzellösungen mit einzelnen Kassen geht, die dann nur ein paar Patienten pro Praxis betreffen.

 

Wir brauchen einen Plan für die Evidenz

Damit ist die Frage, warum wir nicht längst schon weiter sind, noch nicht geklärt. Denn die zweite „Bremse“ liegt in der fehlenden Evidenz, die die große Menge an Apps und Devices betrifft. Es gibt viele Gadgets, die gut aussehen. Aber es geht um Geld der Beitragszahler, das kann man nicht einfach ausgeben, weil etwas fancy ist und gut aussieht. Da muss man einen Business Case haben, in dem ein Investment einem Nutzen gegenübersteht. Doch bislang gibt es in Deutschland keine Möglichkeit abzuwägen, welchen Nutzen eine App stiftet. Dafür fehlen schlichtweg die Bewertungsmaßstäbe.

 

E-Health als Bindeglied zwischen Arzt und Patient

Dabei ist das Potenzial natürlich groß, vor allem wenn man an E-Health als Bindeglied zwischen Patient und Arzt denkt – um den Kontakt aufrecht zu erhalten, die Therapietreue zu verbessern und Gesundheitsinformationen zu vermitteln. Das setzt allerdings voraus, dass wir Versorgung anders verstehen; tatsächlich als Versorgen und nicht als punktuelles Reparieren. Dann würden Apps die Therapie sinnvoll ergänzen.  

Was ist nun zu tun, um Bewegung in die Digitalisierung zu bekommen? Ich denke, die Patienten müssen gestärkt werden, um digital gewappnet zu sein für das, was kommt. Zudem müssen die Vergütungssysteme flexibler gestaltet werden – auch digitale Leistungen, die ein Arzt oder ein Startup erbringt, kosten Geld. Das System bildet dies aber bislang nicht ab. Genauso wenig wie Gesunderhaltung bislang noch nicht abgebildet ist, sondern nur Krankheit. Bestes Beispiel dafür ist der Morbi-RSA (morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich). Hinzu kommt, dass Krankassen mehr Spielräume brauchen, Dinge auszuprobieren. Und um das Thema endlich einmal zum Fliegen zu bringen, setze ich auf eine junge Generation beispielsweise an Ärzten, die ganz klar sagen werden, welche digitale Möglichkeiten sie nutzen wollen.

 

Prof. Dr. Volker Amelung ist Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Managed Care (BMC) und Geschäftsführer des Instituts für angewandte Versorgungsforschung (inav).

 

Foto: www.michaelfuchs-fotografie.de

Kommentare

  1. Uwe Goldbach

    Evidenz beginnt allerdings auch mit Verständlichkeit:
    Sätze wie dieser (Ausschnitt) "...der fehlenden Evidenz, die die große Menge an Apps und Devices betrifft. Es gibt viele Gadgets, die gut aussehen. Aber es geht um Geld der Beitragszahler, das kann man nicht einfach ausgeben, weil etwas fancy ist und gut aussieht. Da muss man einen Business Case haben,......"
    sorgen eher für Ausgrenzung in einer Pflegewelt, die sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren will- in der nicht nur Manager, Investmentbanker oder Fremdsprachensekretärinnen behandelt werden wollen, sondern auch ältere oder ausländische Pflegende dafür sorgen sollen, dass die Kranken- und Altenpflege wieder vom Kopf auf die Füsse gestellt wird.

    vor 9 Monate
  2. Anonym

    Wie bekommen wir das Ding zum Fliegen und holen bei der Digitalisierung auf? Herr Amelung beschreibt sehr treffend wie der fehlende Handlungsdruck und die Bequemlichkeit der Komfortzone den Fortschritt ausbremst. Aber welchen Einfluss haben junge Ärzte hier? Sicherlich ist es wichtig dass sie affin sind und willens neue Wege zu gehen. Aber die Evidenz dass Digitalisierung die Versorgung verbessert fehlt. Und junge Ärzte gehen heute immer mehr in Angestelltenverhältnisse und sind den (betriebswirtschaftlichen) Vorgaben des Managements ausgesetzt. Zudem sind viele andere wichtige Entscheidungsträger, wie beispielsweise die Krankenkassen sehr träge. Der Innovationsfond kann helfen ein Umfeld zu schaffen in dem diese "Einschränkungen" nicht gegeben sind. Hier ist es bei der Projektplanung allerdings wichtig dass ein pragmatischer Ansatz gewählt wird, der sich hinterher in die Regelversorgung übertragen lässt. Und: Schritte für ein mögliches Upscaling müssen schon während der Projektlaufzeit in die Wege geleitet werden, genauso wie regelmäßige "Lessons learned" und Anpassungen während der Laufzeit - immer mit dem Ziel der Überführung in die Regelversorgung

    vor 7 Monate

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