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Dr. med. Jonitz Digitalisierung Gesundheitswesen Nutzen

Digitalisierung

„Der Nachweis, dass die Digitalisierung zur besseren Versorgung beiträgt, fehlt bislang.“

In der Gesundheitspolitik wird gerne mit Zauberworten gearbeitet. Über viele Jahre war das dominierende Zauberwort der „Wettbewerb“. Dieser sollte die Effizienz der Versorgung steigern, idealerweise die Qualität verbessern und die Kosten in Griff halten. Nach über 25 Jahren Gesundheitspolitik nach diesem Muster ist klar, dass die Kosten gestiegen sind und die Qualität deutlich gelitten hat. Der Mangel an Pflegekräften ist inzwischen mehr mit dem Begriff des Pflegenotstands zu beschreiben, Krankenhäuser haben Schwierigkeiten ihre freien Arztstellen zu besetzen und Kassenärzte finden keine Nachfolger mehr.

In diesem schwierigen Umfeld wird versucht mit dem neuen Zauberwort „Digitalisierung“ bestehende Probleme zu lösen. Ob dies gelingt, ist fraglich. Bislang haben nur wenige Projekte zur Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung dazu geführt, dass die Behandlung von bestimmten Patientengruppen einfacher oder besser geworden wäre. Ein auch nur theoretischer Nutzennachweis einer globalen Digitalisierung steht aus. Im Gegenteil: Im Zeitalter von „Big Data“ laufen wir Gefahr, Kausalität mit Korrelation zu verwechseln. Dies wäre ein digitaler Rückschritt ins Mittelalter.

Unbestritten ist, dass die Digitalisierung weiter voranschreiten wird. Nicht nur die Möglichkeiten der Dokumentation und Information nehmen dramatisch zu, auch die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich deutlich verbessert. Hervorzuheben sind dabei zahlreiche Foren, in denen Patientinnen und Patienten ihre Erfahrungen austauschen und damit zum Teil auch zum Erkenntnisgewinn und zur Orientierung für die Leistungsträger beitragen.

Was in der politischen Diskussion um die Digitalisierung fehlt, ist die ausreichende Reflektion von Hindernissen. Digitalisierung ist, wie Frau Professor Dr. Andrea Belliger von der Hochschule Luzern feststellt, keine Frage der Technologie, sondern der Konnektivität.

Die Protagonisten der Digitalisierung stoßen auf eine Welt im Gesundheitswesen, die sich zu einer Gesundheitswirtschaft mit dem Fokus aufs Geldverdienen gewandelt hat und bei der seit über 30 Jahren seitens der Politik das alte Spiel des „divide et impera“ gespielt wird. Die Akteure und Institutionen im Gesundheitswesen misstrauen sich gegenseitig zutiefst, und dies mit Recht. Solange mehr Transparenz über das Leistungsgeschehen vor allem dazu benutzt wird, um zu sanktionieren und Druck auszuüben oder Maßnahmen gegen Ärztinnen und Ärzte zu treffen, haben diese verständlicherweise kein Interesse daran, Daten mehr oder weniger ungeschützt Dritten zur Verfügung zu stellen. Diese Misstrauenskultur verhindert politischen und inhaltlichen Fortschritt.

Ebenfalls ungeklärt ist die Frage, wer tatsächlich von der Digitalisierung profitiert. Aussagen hierüber sind bislang an Allgemeinheit nicht zu übertreffen. Der finanzielle Vorteil bei den Unternehmen, die über die Verfügbarkeit von Daten ihre Märkte besser erschließen wollen oder die durch die Bereitstellung von Hard- und Software im Milliarden-Eurobereich profitieren wollen, ist offenkundig. Nachdem der Deutsche Ärztetag im Mai dieses Jahres erstmalig eine grundlegend positive Haltung gegenüber der Digitalisierung eingenommen hat, sind beispielsweise die Aktienkurse eines namhaften Softwareunternehmens um weitere 25 Prozent gestiegen. Warum sollten sich Ärztinnen und Ärzte unreflektiert an einem Prozess beteiligen, bei dem andere massive Gewinne einfahren, der für den klinisch tätigen Arzt primär einen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand darstellt, der weder erkennbar zur Patientenversorgung beiträgt oder in anderer Weise honoriert wird und bei denen der Arzt erneut die alleinige Haftung trägt?

 

Foto: Kathleen Friedrich

Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin

Kommentare

  1. Anonym

    Auf den Punkt genau.

    vor 9 Monate
  2. Henrik Prés

    Okay, Herr Jonitz! Dann bitte auch weiterhin vehement in der Öffentlichkeit diese Position so vertreten.

    vor 8 Monate
  3. Marcel Weigand

    Als pauschale Aussage ist dies genauso falsch oder richtig wie "Essen macht krank". Der Nachweis, wonach nicht-vernetzte Ärzte und Krankenhäuser mit analogen Rezepten und handschriftlich geführten Patientenakten der Versorgung gut tun wurde auch nie erbracht. Es gibt zahlreiche gute Beispiele z. B. Apps, die Patienten an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten erinnern oder ein elektronischer Medikationsplan, der jedem Behandler vorliegt ist immer noch besser als einer, der in Papierform zu Hause liegt, wenn der Patient zum nächsten Arzt oder ins Krankenhaus gehen muss. Länder die konsequent auf die Digitalisierung gesetzt haben, wie z. B. Dänemark, haben sehr gute Erfahrungen hinsichtlich Qualität und Effizienz gemacht.

    vor 7 Monate
  4. Dr. med. Günther Jonitz

    Lieber Marcel Weigand, meine Aussage ist nicht pauschal, sondern grundlegend. Das ist ein Unterschied. Dass Bertelsmann das anders sieht, ist normal. Ist der Beitrag Ihre persönliche Meinung und Ihr Stil?

    Das analoge Verfahren ist das derzeit praktizierte und funktionierende. Jedes neue Verfahren muss, bevor es zu Lasten der Pflichtversicherten eingeführt wird, seinen Zusatznutzen belegen. Das ist "evidenzbasierte Medizin" und ein sorgsamer Umgang mit Solidarbeiträgen. EbM bzw. verantwortungsvolles ärztliches Handeln bedeutet auch, sich Gedanken über Ursachen zu machen und nicht nur symptomatisch zu agieren? Warum klappt das, was in DK oder FI funktioniert, nicht in D, nicht im UK oder in anderen Ländern? Kleiner Tipp!?: Die Bertelsmann Stiftung und die Hanns-Böckler-Stiftung haben vor wenigen Jahrzehnten eine wunderbare Broschüre und Stoffsammlung zum "Vorteil Unternehmenskultur" geschaffen. Eine solche Kultur fehlt im deutschen Gesundheitswesen. Da hilft dann auch keine Digitalisierung. Wenn wir eines Tages eine klügere Politik und eine bessere Strategie haben (s. DÄT 2017 Antrag Ia-03), kann Digitalisierung zum Selbstläufer werden. Frau Prof. Belliger hat exakt beschrieben, wo das Problem liegt. Warum steigen Sie darauf nicht ein? Mit Wunschdenken kommen wir nicht weiter, vor allem dann nicht, wenn man sich etwas von Dritten wünscht, zum eigenen Vorteil. Bis dahin ist selbstverständlich jede hilfreiche digitale Lösung täglicher Probleme herzlich willkommen. Akzeptanz durch Leistung, nicht durch Behauptung, das wäre auch mal was Schönes.

    vor 7 Monate
  5. Marcel Weigand

    Lieber Dr. Günther Jonitz,
    danke für die Reaktion auf meinen Kommentar.
    Gerne möchte ich darauf eingehen und Missverständnisse ausräumen:
    1. Mit pauschaler Aussage habe ich die Überschrift gemeint: „Der Nachweis, dass die Digitalisierung zur besseren Versorgung beiträgt, fehlt bislang.“ Denn es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass sich bestimmte Versorgungsprozesse mit digitalen Lösungen verbessern lassen. Aber dies gilt natürlich nicht für alle digitalen Anwendungen und Prozesse - genauso wenig wie für alle praktizierten analogen.
    2. Meine Aussagen habe ich NICHT als Vertreter der Bertelsmann Stiftung geschrieben (was auch gar nicht möglich wäre, da ich Senior Projektmanager der Weisse Liste gGmbH bin). Wie Sie wissen, bin ich im Vorstand des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e. V. und treibe dort das Thema Digitalisierung voran. Die diesjährige APS-Jahrestagung trägt auch das Thema Digitalisierung und Patientensicherheit. Übrigens habe ich Frau Prof. Belliger für den Abschlussvortrag engagiert, da ich ihre Sichtweise ebenfalls teile. Was ich weniger teile: Zunächst darauf zu hoffen und warten, dass sich die Unternehmenskultur verändert. Denn längst ist klar: Änderungen sind nur dann erfolgreich, wenn Verhalten und Verhältnisse zugleich angegangen werden. Verhältnisse sind in diesem Fall, eine grundlegende digitale Infrastruktur, die es den Ärzten, Pflegern, Therapeuten und Patienten überhaupt erst ermöglicht digitalisierte Behandlungsprozesse durchzuführen. Dies ist die Voraussetzung für die von angesprochene "Konnektivität". Denn die Selbstverwaltung hat in den letzten 20 Jahren beweisen, dass sie nicht in der Lage ist zu konnektieren - weder analog noch digital. Die sektorale Trennung ist zum Leidwesen der Patienten nicht überwunden worden. Die Digitalisierung könnte einen großen Beitrag zur Überwindung der sektorenübergreifenden Versorgung leisten.
    3. Klar stellen möchte ich auch, dass ich ein absoluter Verfechter der evidenzbasierten Medizin bin. Derzeit läuft eine große Studie der Universität Bielefeld im Auftrag des BMG, die zeigen wird, wie digitale Anwendungen Teil der (Regel-)Versorgung werden können. Welche Voraussetzungen müssen diese erfüllen? Nach ersten Aussagen, wird man hier umdenken müssen. Nicht mehr alleine Endpunkte wie Letalität werden dabei für die Nutzenbewertung ausreichen. Fragen nach Teilhabe und Zugang zur Versorgung (man denke nur an Videosprechstunden für unterversorgte Regionen) werden zukünftig für die Erstattungsfähigkeit eine Rolle spielen.
    Zum Wunschdenken: Das von Ihnen bezeichnete Wunschdenken ist in anderen Industrieländern schon Realität. Dass grundlegende Digitalisierungsprozesse und -strukturen in D. noch nicht vorhanden sind, ist blamabel – für alle an gematik & Co Beteiligten.
    Anstatt unsystematisch Einzelprojekte zu fördern und immer neue Hürden aufzubauen, wird eine handlungsleitende Strategie zur konsequenten Umsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen benötigt.

    vor 7 Monate

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