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Prof. Arno Elmer

Digitalisierung

„Lasst endlich die loslegen, die vorangehen wollen!“

Prof. Arno Elmer, Innovation Health Partners, Berlin und Leiter der „Forschungsgruppe digitale Gesundheit“ an der FOM, über ineffiziente Versorgung und wie die Digitalisierung helfen kann.

Wer heute als Herz-Patient auf dem Land wohnt, beispielsweise in Sachsen-Anhalt oder in der Uckermarck, hat kaum die Chance, von längst verfügbaren digitalen Angeboten für seine Gesundheit zu profitieren. Und das, obwohl der Patient mit einem Smartphone alles in der Hand hält, was er dazu braucht. Der Fortschritt könnte nämlich so aussehen: Der Patient bekommt ein tragbares EKG-Gerät, das sowohl dem Hausarzt als auch dem Kardiologen regelmäßig Messwerte sendet. Wenn sich die EKG-Daten ändern, könnte ein digitaler Lotse die beiden Ärzte beraten, was zu tun ist. Heute landet dieser Patient bei jeglichem Vorfall im Krankenhaus. Abgesehen davon, dass dies in vielen Fällen gar nicht nötig gewesen wäre, ist es für den Patienten selbst mit viel Aufwand verbunden, und erzeugt darüber hinaus hohe Kosten.

Nun ist die Frage, warum die international längst als wirksam anerkannten Schlaganfalllotsen nicht Eingang in die Regelversorgung erhalten? Und vor allem: Was muss passieren, damit sich dies endlich ändert?

Wo bleibt die Top-Down-Entscheidung der Politik?

Umfragen zeigen, dass sowohl die Ärzte als auch die Kassen bereit wären – und dennoch kann der Patient nicht am Fortschritt teilhaben, weil eine Rechtsvorschrift keinen Lotsen in der Versorgung vorsieht oder den Datenaustausch zwischen den Ärzten blockiert. Die Rechtsvorschriften stammen vom Bundesversicherungsamt, wo oftmals weder das medizinische Verständnis noch das Wissen vorhanden ist.

Deshalb brauchen wir eine Top-Down-Entscheidung der Politik. Der Kurs muss lauten: Lasst die, die wollen, endlich loslegen! Und dazu brauchen wir dann auch die Strukturen, die dies ermöglichen: Momentan beschäftigen sich Gesundheits-, Wirtschafts- und Innenministerium sowie die Landesministerien mit der Digitalisierung. Doch die Digitalisierung ist eine Querschnittsaufgabe, wir brauchen klare Verantwortlichkeiten auf Bundes-und Länder-Ebene. Ein Digitalministerium ist eine gute Idee. Gleichzeitig müssen die Menschen mitgenommen werden. Die meisten haben ein Smartphone und so ist der erste Ansprechpartner oft nicht der Hausarzt, sondern Dr. Google. Und dort besteht ein hohes Risiko für Fehlinformationen.

„Apple investiert jährlich 40 Milliarden Dollar in Gesundheit und wir prüfen vier Jahre lang die Sinnhaftigkeit von Lotsenkonzepten in der Schlaganfallprävention – das ist absurd“

Die Digitalisierung wird nicht sofort Kosten sparen– sie ist zunächst ein Investment. Und dafür brauchen wir entsprechende Vergütungsstrukturen. So lange der Arzt für das Schriftstück mehr Geld erhält als für die E-Mail, oder für ein Telekonsil nur 1,85 Euro, wird es nicht funktionieren. Das führt zu der absurden Situation, dass der Patient seine offene Wunde per Video seinem Arzt zeigt. Der Arzt sieht Handlungsbedarf und verschreibt eine Salbe und entzündungshemmende Medikamente. Um an die zu gelangen, muss sich der Patient das Rezept in der Praxis abholen und damit zur Apotheke gehen. Stattdessen müssen wir dahin kommen, dass der Arzt das Rezept elektronisch versendet und dem Patienten die notwendigen Mittel ins Haus gebracht werden. Immerhin, im Innovationsfonds stehen 300 Millionen Euro für digitale Projekte bereit. Das hört sich erst einmal ordentlich an. Aber: Diese Summe investieren Google, Amazon und Facebook jede Woche – und zwar jedes dieser Unternehmen. Apple wird in diesem Jahr sogar 40 Milliarden Dollar bereitstellen. Und wir schaffen riesige Apparate, die prüfen, ob es Sinn macht, einem Schlaganfallpatienten einen Lotsen zur Seite zu stellen, weil dieser nicht mehr in der Lage ist, sein Formular zur Beantragung der Pflegestufe 2 auszufüllen. Und diskutieren darüber vier bis fünf Jahre.

Es ist alles da – eigentlich kann es längst losgehen!

Aber wir brauchen keine Diskussionen mehr. So lange weltweit über invasive Nano-Medizin, Künstliche Intelligenz, Machine- und Deep-Learning gesprochen wird, und wir noch nicht einmal das elektronische Rezept haben, so lange kommen wir in Deutschland mit der Digitalisierung in der Gesundheit nicht voran. Auch datenschutzrechtlich ist alles so umzusetzen, dass der Patient Herr seiner Daten bleiben kann. Selbst die Möglichkeit, dass alle Akteure trotz unterschiedlicher Systeme Daten miteinander austauschen können, ist gegeben. Das klingt einfach – und ist es auch. Länder wie Dänemark und Lettland und Akteure wie die TK und AOK Nordost gehen mutig voran. Folgen wir Ihnen!

Kommentare

  1. Susanne Straetmans

    Wir haben definitiv den Anschluss beim Thema Digitalisierung und digital health verloren. Das hat auch die Politik erkannt und will handeln. Es geht langsam, aber es geht voran. Ein Lichtblick. Was ich aber in all den Debatten nicht sehe, ist, wie man Patienten, deren Angehörige, Ärzte und andere Protagonisten im System mit auf diesen Weg nehmen möchte. Wir schaffen keinen digitalen Wandel, wenn nicht alle mitgenommen werden.

    vor 3 Monate
  2. Anonym

    Ich denke es bedarf nicht einer politischen Top-Down Entscheidung. Es bedarf eher einem Entrepreneur Denken in Deutschland, nämlich die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. So ist es auch in den USA. Sie zitieren Google und Apple und vergessen, dass dies alles keine öffentlichen Institutionen sind. Deutsche Firmen könnten ebenso in der Lage sein beachtliche Summen in Digital Health Projekte zu investieren, doch die Denke ist nicht da.

    vor 4 Tage

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